Auf den Esstisch oder in den Tank? Die Menschheit steht zunehmend vor einem Problem: Das Wachstum der Erdbevölkerung, jährlich rund 2 Prozent, und die steigenden Einkommen steigern die Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Gleichzeitig werden aber immer mehr Mais, Zucker und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse in Biotreibstoff umgewandelt, als Alternative zum knapper und teurer werdenden Benzin. Die Lösung des Dilemmas heißt verbessertes Saatgut, das ergiebigere Ernten ermöglicht. Hier kommt KWS Saat ins Spiel (WKN: 707400 ISIN: DE0007074007). Die Traditionsfirma mit Sitz in dem niedersächsischen Städtchen Einbeck verdient seit über 150 Jahren ihr Geld mit Pflanzensamen. Die Aktie (Marktkapitalisierung knapp 860 Millionen Euro) wird im S-DAX erfasst, dem Börsenbarometer für kleinere Unternehmen (Small Caps). Das Unternehmen wird allerdings von den Großaktionären dominiert: Die Familien Büchting / Arend Oetker / Giesecke halten gemeinsam 56,3 Prozent, die Tessner Beteiligungs GmbH kommt auf 10,6 Prozent. Der verbleibende Streubesitz an der Börse beträgt lediglich 33,1 Prozent.

Schwieriges Zuckerrübengeschäft

KWS Saatzucht züchtet Pflanzensamen, mit Schwerpunkten auf Zuckerrüben und Mais. Daneben werden aber auch die Schößlinge für Getreidesorten, außerdem Winterraps, Sommerölfrüchte und sogenannte Zwischenfrüchte gezogen. Dazu zählen Weißer Senf oder Ölrettich. Vor allem die Nachfrage nach Mais steigt im Trend besonders stark, weil das Pflanzenprodukt zunehmend in Biotreibstoffe umgewandelt wird.

Mit mehr als 40 Tochtergesellschaften und Beteiligungen ist KWS in 70 Ländern aktiv. Aktuell leidet das Unternehmen allerdings darunter, dass die EU ihre Bürokratie und Regulierungspolitik in Teilbereichen zurückfährt. Das gilt vor allem für den Zuckermarkt, eine der Haupterwerbsquellen von KWS. In der Vergangenheit war der EU-Zuckermarkt durch hohe Subventionen und Preisvorschriften vom Weltmarkt abgeschottet. Das bedeutet, die EU-Zuckerrübenanbauer konnte damals wesentlich höhere Preise verlangen als am Weltmarkt gezahlt wurden. Jetzt wird aber die Abschottung Schritt für Schritt aufgehoben, was bedeutet, dass die Zuckerpreise innerhalb der EU fallen und tendenziell weniger angebaut wird. Für die KWS bedeutet das eine schächere Nachfrage nach Zuckerrübensamen.
Experten erwarten allerdings, dass weniger Bauern als erwartet die Stilllegungsprämien der EU annehmen, da sie ihre Anlagen für die Bioethanolproduktion nutzen wollten. Außerdem steigt außerhalb der EU die Nachfrage nach Zuckerrüben weiter an, vor allem in den USA, der Türkei und Osteuropa. Das Zuckergeschäft von KWS dürfte damit nach Ansicht dieser Experten insgesamt weiterhin jährlich rund 200 Millionen Euro umsetzen.

Tradition und Fortschritt
Bei der Saatzucht setzt der Traditionskonzern auch die Erkenntnisse der Gentechnik ein. Damit sollen die Ernten ertragreicher werden. Außerdem soll die Widerstandskraft der Pflanzen gegen Schädlinge und Klimaschwankungen vergrößert werden. Im letzten Geschäftsjahr machten gentechnisch gezüchtete Sorten etwa 15% des Gesamtumsatzes der KWS-Gruppe aus. Sie wurden fast ausschließlich in Nordamerika durch AgReliant, der nordamerikanischen Beteiligungsgesellschaft der KWS, vertrieben. Bei AgReliant beträgt der Anteil der GenMais-Sorten am Umsatz bereits etwa 70 Prozent.

Die Fähigkeit, solche Sorten anbieten zu können, sei entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit, erklärt das Management. In Europa gibt es dagegen noch hartnäckige politische Barrieren. Diese dürften sich aber - unter dem Druck des wachsenden Bedarfs an landwirtschaftlichen Produkten - lockern.

Langfristiger technologischer Zyklus
Der US-Rivale und Marktführer Monsanto bei der gentechnikorientierten Saatzucht hatte kürzlich erklärt, die gesamte Branche stecke in einer Frühphase eines langfristigen technologischen Zyklus. Die heutige Situation wird mit dem Stand der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verglichen. Damals entstanden Computer, Fotokopierer, Farb-TV und ähnliche Technologien, die heute selbstverständlich sind.

Derzeit sei etwa 10% des in den USA verwendeten Saatguts genetisch verändert. Der Bedarf wachse rasch, beschleunigt durch die zunehmende Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte in Sprit und andere Energieträger.

Nach einer Schätzung der United Nations steigt die globale Nachfrage nach Energie bis zum Jahr 2030 um 60%. Heute stammen rund 14% der Energie bereits aus landwirtschaftlichen Produkten. Deren Anteil an der Energiegewinnung soll nach Schätzungen der UN im nächsten Jahrhundert auf 50% steigen.

Gewinntrend: Plus 10 Prozent

Die Kölner Privatbank Sal. Oppnenheim erwartet für das Geschäftsjahr 2007 einen Umsatz von 537,93 Millionen Euro (2006: 504,96 Millionen Euro). Im kommenden Jahr sollte der Umsatz auf 558,39 Millionen Euro steigen und in 2009 auf 580,85 Millionen Euro. Unter dem Strich sollte in diesem Jahr je Aktie (bereinigt um Sonderposten) ein Gewinn von 5,61 Euro übrig bleiben (2006: 4,16 Euro) und in 2008 6,14 Euro. Für 2008 stellt die Bank 6,78 Euro in Aussicht.

Skeptische Analysten

Die vom Agrarboom ausgehende Fantasie hatte auch dem Saatzucht-Titel eine Rallye verschafft. Von Jahresanfang bis November verdoppelte sich der Wert der Agrar-Aktie. Inzwischen hat das Papier eine Konsolidierung eingeleitet. Dazu trugen negative Analystenkommentare bei. In der Regel treffen die professionellen Bilanzauswerter jedoch nur kurzfristige Urteile, die oft schnell geändert werden können. Der langfristige Trend bleibt häufig außer Acht.

Analyst Andreas Heine von der UniCredit, der italienischen Mutter der HypoVereinsbank, rät derzeit „Verkaufen“. Sein Kursziel liegt bei 138,00 Euro. Inzwischen ist der Aktienkurs aber unter diese Zielmarke gerutscht (20.12.2007: 130,00 Euro). Heine betont zwar, dass die langfristigen Perspektiven gesund bleiben, kurzfristig könnte die Nachrichtenentwicklung aber negativ ausfallen. Der Analyst äußert sich vor allem skeptisch zum europäischen Zuckerrübenmarkt. Dort würde sich das Umfeld verschlechtern. Außerdem belaste der schwache Dollar die Einnahmen aus den USA, etwa aus dem dortigen Maisgeschäft. Heines Berufskollege Jürgen Reck von der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim kommt zwar nur auf einen „fairen Wert“ von 122,00 Euro, beurteilt aber den Spezialwert mit „Halten“.

Wichtige Termine:
28. Februar 2008 Bericht über das 2. Quartal 2007/2008
29. Mai 2008 Bericht über das 3. Quartal 2007/2008
30. Oktober 2008 Bilanzpressebesprechung in Hannover; Analystenkonferenz in Frankfurt (zu 2007/2008)

Zusammenfassung:
KWS Saat ist ein Saatzuchtunternehmen mit mehr als 150 Jahren Tradition. Das landwirtschaftlich orientierte Unternehmen setzt zunehmend auch die Gentechnik ein. Der Argarzulieferer profitiert langfristig von Aufwärtstrend der Landwirtschaft. Dafür sorgt nicht nur wachsende Bedarf an Nahrungsmitteln, sondern auch die Umwandlung von Mais und anderen Pflanzenprodukten in Triebstoff. Kurzfristig wird die Aktie allerdings von der EU-Agrarpolitik belastet, die die europäische Landwirtschaft an den rauen internationalen Wettbewerb gewöhnen will.