London (Godmode-Trader.de) - Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, soll Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) nachfolgen. Darauf verständigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel, wie Ratspräsident Donald Tusk mitteilte.

    • Jason Borbora-Sheen, Co-Portfoliomanager des Investec Diversified Income Fund kommentiert: „Die Ernennung von Christine Lagarde zur EZB-Präsidentin wird wahrscheinlich keinen signifikanten Richtungswechsel für die aktuelle Politik der Europäischen Notenbank bedeuten oder eine Abweichung von der gemäßigten Haltung von Herrn Draghi darstellen. Lagarde hat sich zuvor für eine tiefgreifendere Integration der EU ausgesprochen und gesagt: ‚Wenn die Inflation den Flaschengeist darstellt, der vergleichsweise einfacher kontrolliert werden kann, dann ist die Deflation das Ungeheuer, das entschieden bekämpft werden muss‘.“ Aus Sicht von Investec-Portfoliomanager Borbora-Sheen wäre es bemerkenswert, dass – sollte Lagarde zur EZB-Präsidentin ernannt werden – mit Philip Lane nur noch ein ausgebildeter Ökonom in der Führung der EZB sitzen würde.“
    • Maya Bhandari, Portfoliomanagerin im Bereich Multi-Asset bei Columbia Threadneedle Investments erklärte: „Die Nominierung von Christine Lagarde als EZB-Präsidentin signalisiert Kontinuität. Damit ist das Risiko vom Tisch, dass mit Jens Weidmann jemand ernannt wird, der für eine straffere geldpolitische Richtung steht. Unsere Erwartungen an die europäische Geldpolitik bleiben somit unverändert: ein Lockerungspaket inklusive eines geringeren Einlagensatzes und der Wiederbelebung vom Quantitative Easing bis zum Jahresende sind wahrscheinlich. Der Hintergrund von Christine Lagarde sowie der politische Ablauf ihrer Nominierung lassen vermuten, dass unter ihrer Präsidentschaft ein stärkerer Fokus auf Themen wie einer koordinierten Fiskalpolitik und Bankenunion liegen wird. Gleichzeitig dürften andere Protagonisten, wie Chefvolkswirt Philip Lane, Kontinuität im geldpolitischen Rahmen sicherstellen.“
    • Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der DWS Group, sagt zur Nominierung von Christine Lagarde: „Wir erwarten damit eine Fortsetzung der akkommodierenden Geldpolitik der EZB, sollte die Inflation weiter auf niedrigem Niveau verharren. Als IWF-Direktorin hatte sich Lagarde bereits sehr früh und nachdrücklich für das Instrument der quantitativen Lockerung (Anleihekaufprogramm) ausgesprochen. Wie Draghi pocht auch Lagarde auf die Bedeutung der Fiskalpolitik zur Unterstützung der europäischen Wirtschaft. Vor dem Hintergrund ihrer ausgewiesenen fiskalpolitischen Expertise, könnte sie unseres Erachtens hier den Druck auf die europäischen Staats- und Regierungschefs noch erhöhen. Ähnlich könnte es beim Thema Fiskalunion aussehen, für die sie sich regelmäßig stark gemacht hat. Ähnlich wie Mario Draghi zeichnet sie sich durch einen undogmatischen Stil aus. Hinzu kommt ihre exzellente Vernetzung in die Politik. Im Führungsstil dürfte es zu Veränderungen kommen. Mario Draghi hat immer wieder Tatsachen geschaffen, wie zuletzt beim EZB-Forum in Sintra, indem er mit zuvor nicht abgesprochenen Aussagen vor die Presse trat. Lagarde hingegen dürfte stärker bemüht sein, ihre Entscheidungen auf den vorigen Konsens des EZB-Rats zu stützen. Nicht zuletzt, da sie keine ausgebildete Ökonomin ist und über keinerlei Erfahrung als Zentralbankerin verfügt, dürfte dies nicht nur den EZB-Rat aufwerten, sondern im Direktorium auch die Position des erst jüngst nominierten Chefökonomen Philip Lane, der zuvor der irischen Zentralbank vorstand. Eine weitere Veränderung des Direktoriums wird mit dem Ausscheiden von Benoit Coeuré im Laufe des Jahres erfolgen.
    • Die überraschende Nominierung von IWF-Generaldirektorin Christine Lagarde zur Kandidatin für die Präsidentschaft der Europäischen Zentralbank wertet David Lafferty, Chefstratege des Investmenthauses Natixis Investment Managers, als Hinweis darauf, wie komplex die Verhandlungen über die neuen Führungspositionen der EU waren. Auch er erwartet, dass eine EZB-Präsidentin Lagarde die ultra-lockere Geldpolitik der EZB fortsetzen wird. Lafferty: „Lagarde ist mehr Politikerin als traditionelle Volkswirtin. Einige Kritiker werden daraus eine große Sache machen, aber ich bezweifle, dass es eine große Rolle spielt. Angesichts der niedrigen Inflation, des schleppenden Wachstums und der schwer zu findenden Struktur­reformen wird sie kein neues geldpolitisches Regelbuch erstellen müssen. Sie kann mehr oder weniger das ihres Vorgängers Mario Draghi übernehmen und ausspielen. An dieser Stelle ist ihre Fähigkeit, europäische Politik zu steuern, wahrscheinlich mehr wert als eine Promotion in Wirtschaftswissenschaften. Sie muss die EZB-Politik sowohl den Ländern der Eurozone als auch globalen Investoren „verkaufen“; darauf kommt es an. Ihr Hintergrund und ihr beim IWF verfeinertes Verhandlungsgeschick werden sicherlich zum Tragen kommen, wenn sie für einen größere Rolle der Fiskalpolitik und Strukturreformen auf dem gesamten Kontinent plädiert, in einem Umfeld, in dem ihre monetären Instrumente viel von ihrer Wirksamkeit verloren haben.