Lateinamerikanische Aktien schließen das Jahr – zum vierten Mal in Folge – mit einer beachtlichen Performance ab: Auf Dollarbasis haben die Märkte im Jahresverlauf bisher 33 Prozent* erreicht. Die Performance wird im nächsten Jahr wahrscheinlich bescheidener ausfallen, die Märkte der Region sollten angesichts positiver globaler und regionaler Rahmenbedingungen aber auch über den Jahreswechsel hinaus gut abschneiden.

Globale und regionale Rahmendaten günstig für lateinamerikanische Aktien

Die Aussichten für das weitere Weltwirtschaftswachstum sind positiv. Tatsächlich wird sich die US-Konjunktur wohl nicht so stark abkühlen, wie viele Investoren zunächst befürchtet hatten. Weil der Ölpreis sinkt, ist auch der Inflationsdruck rückläufig, und so ist bis auf weiteres nicht mit einer Erhöhung der Leitzinsen durch die US-Notenbank zu rechnen. Wahrscheinlicher ist sogar eine Zinssenkung im nächsten Jahr, auch wenn der Marktkonsens hier je nach den neuesten Meldungen aus den USA schwankt.

Grundsätzlich übertreffen die Wachstumsraten in Lateinamerika weiterhin die Erwartungen. In der gesamten Region sind Außenhandelsbilanzen und Staatshaushalte ausgeglichen, und auch die Inflation spielt nur eine untergeordnete Rolle. Insgesamt sind die globalen Konjunkturaussichten wichtiger für die Märkte Lateinamerikas als die weltweite Zinsentwicklung. Dies ist eine Folge der nachhaltigen Bemühungen in der Region, ihre auf US-Dollar lautende Schuldenlast zu reduzieren.

2006: ein erfreuliches Jahr auf der politischen Bühne Lateinamerikas

Blickt man zurück wird klar, dass im Wahljahr 2006 die Weichen für die politische Zukunft Lateinamerikas gestellt wurden: Der Ausgang dieser Wahlen war insgesamt weitaus erfreulicher, als Anlegerschaft und Experten erwartet hatten. Wenn überhaupt, ist die Region etwas konservativer geworden, der allgemein befürchtete Linksruck ist jedenfalls nicht eingetreten. Dies gilt vor allem für Mexiko, aber auch Peru und Kolumbien, wo die Wahlergebnisse für Investoren recht positiv ausgefallen sind. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, aber noch wichtiger ist, dass politische Faktoren für die Aktienmärkte und Volkswirtschaften der Region an Bedeutung verlieren: Die Politik des freien Marktes ist jetzt in wichtigen Volkswirtschaften Lateinamerikas – etwa Brasilien, Mexiko und Chile – verankert.

Weiterer Spielraum für Zinssenkungen günstig für Brasilien

Brasilien ist die wichtigste Volkswirtschaft und stellt auch den größten Aktienmarkt in Lateinamerika. Der brasilianischen Notenbank ist es gelungen, die Inflation so einzudämmen, dass die Aussichten auf weitere Zinssenkungen gut sind. Brasiliens Handelsbilanz befindet sich in guter Verfassung, und die jüngsten Konjunkturdaten haben sich im Vergleich zu den Vormonaten sogar noch verbessert. Dennoch sind Einzelhandel und Industrieproduktion nicht so stark gewachsen wie erwartet. Hier hätten die deutlichen Zinssenkungen seit letztem Jahr eigentlich für stärkeren Auftrieb sorgen können.

Die weitere Entwicklung des Staatshaushalts bereitet uns ein wenig Sorge: Die Sozialausgaben haben erheblich zugenommen. Sofern die heimische Wirtschaft nicht an Tempo zulegt, könnte dies zum Problem werden. In Brasilien fanden erst kürzlich Präsidentschaftswahlen statt. Amtsinhaber Lula hatte im ersten Wahlgang die Wiederwahl verpasst, gewann aber die Stichwahl gegen den Mitte-Rechts-Kandidaten Geraldo Alckmin mit überzeugender Mehrheit. Mit Lulas Wiederwahl wurde allgemein gerechnet, sie ist aber aus Investorensicht bestenfalls als neutral zu bewerten. Ob Lula den Willen zu Reformen aufbringt, um das brasilianische Wirtschaftswachstum anzukurbeln, ist fraglich. Die weitere Entwicklung hängt letztendlich davon ab, wie mit der Haushaltslage umgegangen wird.

Die mexikanische Wirtschaft ist auf Touren, auch der öffentliche Haushalt ist solide, wenngleich der Aktienmarkt etwas überbewertet erscheint. Begrüßt haben die Märkte den knappen Sieg des Mitte-Rechts-Kandidaten Felipe Calderón gegen den Populisten Andres Manuel Lopez Obrador bei den Präsidentschaftswahlen im Juli. Seit seiner Wahl hat Calderón deutliche Fortschritte bei der Bildung von Allianzen und politischen Partnerschaften gemacht.

Chiles Wirtschaft weiter auf Erfolgskurs

Chile weist weiterhin einen ansehnlichen Haushaltsüberschuss auf; Präsidentin Bachelet hält daran fest, dass der Haushaltsüberschuss mindestens ein Prozent der chilenischen Wirtschaftsleistung betragen muss. Andererseits sind die Bewertungen am Aktienmarkt vergleichsweise hoch, wenn auch die Leitzinsen jetzt wohl ihren Höchststand erreicht haben dürften. Mit Argentiniens Wirtschaft geht es zurzeit stetig aufwärts, befeuert von der expansiv ausgerichteten Geld- und Fiskalpolitik der argentinischen Regierung. Auch wenn sich der Staatshaushalt in guter Verfassung befindet, könnte ein rückläufiges Wirtschaftswachstum die allgemein positiven Aussichten trüben.

Positiver politischer Wandel in Peru und Kolumbien

Perus solide Haushalts- und Handelsbilanz sowie hohe Rohstoffpreise schaffen einen positiven Rahmen für den Aktienmarkt. Auch der Ausgang der Präsidentschaftswahlen im Juni wurde von der Anlegerschaft begrüßt: Der ehemalige Präsident Alan Garcia setzte sich mit klarer Mehrheit gegen den Populisten Ollanta Humala durch, und der peruanische Aktienmarkt dankte es mit einer Rallye. Auch Kolumbien erfreut sich eines kräftigen Wirtschaftswachstums und günstiger politischer Rahmenbedingungen. Der amtierende Präsident Alvaro Uribe wurde im Mai mit einer unerwartet deutlichen Mehrheit im Amt bestätigt und erzielte Mehrheiten in Senat und Kongress. Uribe, ein Politiker der rechten Mitte, hat bereits begonnen, sein Reformprogramm umzusetzen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Märkte Lateinamerikas in den letzten Jahren ausgesprochen positiv abgeschnitten haben. Dies dürfte auch über den Jahreswechsel hinaus der Fall sein. Die Renditeentwicklung wird voraussichtlich etwas nachlassen; das insgesamt günstige globale und regionale Umfeld sollte hier jedoch stabilisierend wirken. Auch die politischen Meldungen des Jahres waren insgesamt erfreulich. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Regierungen ihre Chancen auf eine Wiederwahl spürbar verbessern, wenn sie im Kampf gegen die Inflation erfolgreich sind – und folglich eine nüchtern-sachliche Fiskalpolitik betreiben. Und für die ganze Region gilt, dass politische Faktoren ihren Einfluss auf die Volkswirtschaften und Aktienmärkte Lateinamerikas immer mehr verlieren.

Quelle: Schroders

Die Schroders-Gruppe ist eine führende internationale Vermögensverwaltungsgesellschaft, die 1804 gegründet wurde. Schroders verwaltet Anlagen für Pensionsfonds, Regierungsbehörden, Wohltätigkeitsorganisationen, Körperschaften, Familienunternehmen und vermögende Privatpersonen weltweit und ist ein führender Verwalter von Investmentfonds. Schroders bietet Anlagen in allen wichtigen Vermögenskategorien in entwickelten Ländern und Schwellenländern an: Aktien, Schuldtitel, Geldmarktinstrumente, Beteiligungen und Immobilien. Das weltweit verwaltete Vermögen betrug zum 31. März 2006 rund 184,2 Mrd. Euro.