Berlin (Godmode-Trader.de) - Die japanische Reederei Mitsui O.S.K. Lines und LNG Terminal Wilhelmshaven (LTW) haben einen Vertrag über Bau und Charter einer sog. Floating Storage and Regasification Unit (FSRU) für das geplante LNG-Anlandungsterminal in Wilhelmshaven unterzeichnet. Die schwimmende LNG-Speicher- und Wiederverdampfungsanlage soll von der südkoreanischen Werftengruppe Daewoo Shipbuilding Marine Engineering (DSME) gebaut werden.

Die Meldung ist schön und gut und unterstreicht den Willen Deutschlands zum Aufbau von LNG-Terminals, um die künftige Versorgung mit Gas zu sichern. Sie hat nur einen Haken: Die zitierte Pressemitteilung ist zwei Jahre alt: Sie stammt vom 27. Mai des Jahres 2020!

Deutschland das Land der Mahner, nicht der Macher? Immer wieder kritisiert werden die hierzulande lahmen Genehmigungs- und Baufortschritte in Deutschland, vor allem bei Großprojekten. Bekanntestes Beispiel: Die jahrelangen Querelen um die Fertigstellung des BER, des Flughafens Berlin-Brandenburg. Doch jetzt zwingt die russische Aggression und Unberechenbarkeit zum Handeln. Der Schock sitzt tief. Das Gebot der Stunde heißt nun: 'Tempo Tesla‘. Elon Musk hat das erste Europa-Werk in Grünheide nahe Berlin in Rekordzeit hochgezogen und dabei sogar ohne zuvor eine endgültige Baugenehmigung in der Tasche zu haben. Wäre diese ihm letztlich nicht doch noch erteilt worden, er hätte im Extremfall alles zurückbauen dürfen. Der daran angelehnte Terminus 'Tempo Deutschland‘ (Zitat: Klaus-Dieter Maubach, CEO Uniper) soll nun für Effizienz, Schnelligkeit und Erfolg stehen, nicht mehr für Trantütigkeit, Genehmigungsdschungel oder Fehlplanung.

Flüssiges Gas soll russische Energie aus Pipelines ersetzen. Im Norden Deutschlands sollen hierfür in den nächsten Jahren mehrere LNG-Terminals entstehen. Nun heißt die oberste Devise Schnelligkeit. Im Mai wurde der erste Stahlkörper in den Meeresboden vor Wilhelmshaven gerammt. Die Rammschläge sind der Auftakt für den Bau eines schwimmenden Terminals vor der Küste. Schon zum Jahreswechsel 2022/23 soll dort verflüssigtes Erdgas, sogenanntes Liquified Natural Gas (LNG), anlanden und Deutschland unabhängiger von Energie aus Russland machen. So plant es die Bundesregierung.

In Wilhelmshaven steht für die Energieversorgung des Landes so einiges auf dem Spiel. Zwar ist bereits bis Anfang Mai 2022 gelungen, die Abhängigkeit vom russischen Erdgas von 55 auf 35 Prozent zu senken, wie Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck jüngst verkündete. Die Bezüge aus Norwegen und den Niederlanden wurden entsprechend erhöht. Doch 35 Prozent der Gasversorgung sind noch immer sehr viel. Sollte Russland im Zuge des Ukraine-Krieges den Gashahn zudrehen - es wäre für den Wirtschaftsstandort Deutschland eine halbe Katastrophe. Derzeit ist der einzige Weg, die Abhängigkeit von Russland weiter zu senken, der Import von verflüssigtem Erdgas.

Habeck unterschrieb vergangene Woche bei einem Vor-Ort-Besuch auf Deutschlands wichtigster Baustelle die Chartervereinbarungen für vier Speicherschiffe, die das verflüssigte Erdgas in Gas umwandeln und in die Pipeline an Land einspeisen. Der Energiekonzern Uniper wird sie im Auftrag der Bundesregierung betreiben. Auch der Bau einer Pipeline vom Hafen zur Netra-Pipeline, zum Anschluss in die landesweite Gasverteilung, soll in Rekordzeit über die Bühne gehen. 26 Kilometer lang ist die Röhre. Nach den Worten von Habeck dauert so etwas „normalerweise fünf Jahre und in Deutschland auch schon mal 15. Wir wollen bis Weihnachten zwei Terminals am Netz haben“.

Wird Erdgas auf rund 165 Grad herunergekühlt, wird es flüssig und hat nur rund sechs Prozent seines gasförmigen Volumens. Deshalb kann LNG in Tankern rund um die Welt transportiert werden. FSRU sind Spezialschiffe, die Flüssiggas von Großtankern aufnehmen, an Bord in den gasförmigen Aggregatszustand wandeln und anschließend in das Gasnetz abgeben. Solche Terminals können schneller errichtet werden als stationäre und sind deshalb für die Bundesregierung deshalb derzeit das Maß aller Dinge.

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RWE AG

Wilhelmshaven soll nur der erste Anfang sein. Eine zweite Stationierung einer FSRU-Anlage ähnlich großen Maßstabes ist Anfang 2023 in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein geplant. Für die beiden weiteren FSRU steht der Standortentscheid noch aus, als Standorte kommen Stade, Rostock, Hamburg-Moorburg oder auch Eemshaven in den Niederlanden in Frage. Ziel der Regierung ist es, bis Sommer 2024 die Abhängigkeit von russischem Erdgas auf 10 Prozent zu drücken. Laut Angaben des Wirtschaftsministeriums haben die vier FSRU ein Regasifizierungsvolumen von je mindestens 5 Mrd. Kubikmetern pro Jahr, insgesamt also 20 Mrd. Kubikmetern. Das ist ein Fünftel des gesamten deutschen Erdgas-Verbrauchs im Jahr.