Wien (GodmodeTrader.de) - Was die jüngsten Marktdaten betrifft, so stechen derzeit die mikroökonomischen besonders positiv hervor. Damit sind alle Indikatoren gemeint, die die Entwicklung der Unternehmensgewinne beschreiben. Diese sind relevant, weil sie letztlich der bedeutende fundamentale Treibstoff für die Aktienkurse sind, wie Raiffeisen-CIO Ingrid Szeiler in einem aktuellen Kapitalmarktkommentar schreibt.

Aktuell könnte die Situation kaum besser sein. Nicht nur, dass die aktuellen Unternehmensberichte zum zweiten Quartal mehrheitlich über den Erwartungen lägen, auch der Ausblick für die nächsten Quartale falle zuversichtlich aus. Diese nahezu fantastische Ertragslage der Unternehmen habe es jedoch nicht geschafft, die Aktienmärkte aus der Bandbreite der letzten Monate nach oben zu katapultieren. Es stelle sich daher die Frage, ob vom aktuellen Niveau noch eine Verbesserung möglich sei, die als neuer Katalysator für weitere Kursanstiege funktionieren könne, heißt es weiter.

„Auch bei den Markt bestimmenden Themen gab es zuletzt tendenziell positive Entwicklungen: Der Belastungsfaktor des heurigen Jahres schlechthin, der Handelskrieg, hat sich zuletzt etwas entspannt. Unmittelbar drohen keine Hiobsbotschaften, selbst wenn die Aussagen von US-Präsident Donald Trump in Sekundenbruchteilen Lügen gestraft werden können. Trotzdem notiert der Markt „nur“ am oberen Ende der Bandbreite der letzten Monate“, so Szeiler.

Und wie stehe es um die Konjunktur, also die makroökonomische Entwicklung? Hier habe es im ersten Halbjahr vor allem in Europa und in den Schwellenländern negative Überraschungen gegeben. Wobei es allerdings auch hier zuletzt Entwarnung gegeben habe. Vereinzelte Warnsignale kämen unterdessen hinsichtlich „Stimmung“ und „Technik“: Vor allem die Tatsache, dass sich der Markt während des Anstieges seit Mitte März zunehmend verengt habe, d.h. nur von wenigen Ländern, Branchen und Aktientiteln getragen werde, stellt die Nachhaltigkeit der Bewegung in Frage. In Summe biete sich somit ein unklares Marktbild, das eine abwartende Haltung nahelege, heißt es weiter.

„Die Konjunkturindikatoren der Eurozone befinden sich nach wie vor auf hohen Niveaus. Noch höher sind aber die Analystenschätzungen, weshalb einige Indikatoren relativ betrachtet weiterhin enttäuschen. Ein möglicher Handelskrieg zwischen der Europäischen Union und den USA scheint nach einem Treffen zwischen EU-Kommissionspräsidenten Jean Claude Juncker und US Präsidenten Donald Trump Ende Juli vorerst vom Tisch. Dies wurde auch von EZB-Präsident Mario Draghi goutiert. Dieser äußerte sich bei der EZB-Sitzung Ende Juli durchwegs positiv zur Entwicklung. Seiner Meinung nach befindet sich das wirtschaftliche Wachstum der Eurozone auf einer soliden und breiten Basis. Weiterhin befinden sich die Renditen der wichtigsten Staatsanleihemärkte auf extrem niedrigen Niveaus“, so Szeiler.

Seit Anfang Juli seien die Risikoprämien an den Euro-Unternehmensanleihemärkten relativ deutlich gesunken. Dabei falle auf, dass diese Erholung in erster Linie an den Derivatemärkten eingetreten sei und weniger an den Kassamärkten. Es stehe zu vermuten, dass dies daran liege, dass an den Kassamärkten höhere Illiquiditätsprämien gepreist würden, die vor allem in den handelsschwächeren Sommermonaten (und zudem während der Berichtsaison) schwerer abgebaut werden könnten. Dementsprechend sei hier eine Nachholbewegung der Kassamarkt-Spreads bei den Unternehmensanleihen in den kommenden Wochen zu erwarten, heißt es weiter.

„Der Anstieg der Risikoprämien an den Emerging-Markets-Anleihemärkten fand im Rahmen der allgemeinen Sentiment-Verbesserung Anfang Juli sein Ende. Das Exportwachstum der Schwellenländer hat an Dynamik verloren und auch die US-Zinspolitik sollte weiterhin dafür sorgen, dass Anleihemärkte der Schwellenländer mittelfristig unattraktiver werden. Kurzfristige Erholungsphasen, wie die jetzige, zeigen aber, dass dieses Marktsegment vorerst noch nicht gänzlich abgeschrieben wurde“, so Szeiler.

Die entwickelten Aktienmärkte hätten in den letzten Wochen wieder Kursgewinne verbuchen können. Getragen worden sei diese positive Entwicklung von einer sehr guten Berichtssaison (vor allem in den USA) und einer leichten Entspannung beim Thema Handelskrieg. „Wir sehen weiterhin in der anstehenden Liquiditätsrückführung der Notenbanken einen Faktor, der in den kommenden Monaten für anhaltend mehr Volatilität an den Märkten sorgen wird. Im Bereich der Stimmungsindikatoren sind aktuell keine Extremwerte, weder positive oder negative, zu beobachten“, so Szeiler.

Nach den deutlichen Abverkäufen im ersten Halbjahr habe es zuletzt eine leichte Erholung gegeben. Das sei zu einem gewissen Grad sicher der überverkauften Situation zu verdanken. Fraglich sei nun, inwieweit sich die fundamentale Situation so fortsetze wie bisher. Sollte das der Fall sein, hätten Schwellenländer-Aktien noch weitere Anstiege vor sich. Sehe man die Gewinnentwicklung der einzelnen Emerging-Marktes-Regionen an, gehe der Trend weiterhin den richtigen Weg. Insbesondere der asiatische Raum zeige eine sehr ansprechende Entwicklung. Gesamt betrachtet, blieben Schwellenländer-Aktien relativ attraktiv bewertet, heißt es weiter.

„Während sich Energierohstoffe weiter sehr fest präsentieren, mussten Industriemetalle und Edelmetalle zuletzt Kursrückgänge verbuchen. Ängste vor einer stärkeren Konjunkturabschwächung (vor allem in den Emerging Markets) und ein deutlich stärkerer US-Dollar erwiesen sich als Belastungsfaktoren. Aufgrund einer angespannteren Angebots-/Nachfragesituation und einer attraktiveren Kurvenstruktur (backwardation) sehen wir für die Assetklasse mittelfristig aber weiterhin eine positive Kursentwicklung“, so Szeiler.