Kürzlich stand ich mit einem Kollegen beim Börsentag in Hamburg bei Eiseskälte vor der Tür und führte mit ihm ein heißes Gespräch über den Sinn und Unsinn von Trading.

Er erzählte mir die Geschichte einer Frau, die seit vielen Jahren mit Aktien handelt, aber leider keinen Erfolg hat. Ihr Konto scheint nur eine Richtung zu kennen – Süden! „Wie kann so etwas passieren?“, fragte er mich. „Da muss man doch irgendwann die Reißleine ziehen und aufhören! Wenn ich merke, ich verliere immer nur, dann höre ich doch auf!“

„Tja“, antwortete ich ihm „vielleicht kann die Frau gar nicht anders. Vielleicht darf sie gar nicht gewinnen!“. In Millisekunden veränderte sich sein Gesicht. Die Augen wurden kleiner, die Falten auf der Stirn zahlreicher. Noch bevor er den Mund zum Sprechen öffnete, wußte ich was er jetzt sagen würde. Er zweifelte an meiner Aussage. „Das macht doch keinen Sinn“, lachte er dabei charmant. „Ich investiere doch nicht jahrelang in Aktien und verliere immer nur. Dann kann ich das Geld ja gleich verbrennen!“. Stimmt, könnte man. Aber Aktieninvestor klingt schillernder als Geldverbrenner.

Was ich hier so sportlich von mir gebe, ist letztlich eine sehr ernste Tatsache. Denn aus meiner täglichen Arbeit mit Angstbetroffenen weiß ich, dass viele ganz tief in ihrem Unbewussten der festen Überzeugung sind, es nicht verdient zu haben erfolgreich, gesund oder gut genug zu sein. Bevor ich als Coach und Therapeut mit jemandem arbeite, finde ich heraus, was der Klient wirklich von sich selber denkt. Ganz tief im Unbewussten! Mag er sich? Kann er sich annehmen, wie er ist? Glaubt er Erfolg verdient zu haben? Ist er überzeugt schlecht zu sein, oder nicht wert zu sein? Sind andere immer besser?

Ich habe mit Hunderten von Angstklienten gearbeitet. Etwa 85% von ihnen waren geprägt von den oben beschrieben Negativ-Überzeugungen. In den vielen Jahren meiner Arbeit gab es nicht einen Betroffenen, der keine negativen Glaubenssätze in sich trug!

Findet man seine Vermeidungsstrategien heraus, erkennt man erst wie tief sie wirken. Die banalsten Dinge des Alltags können davon beeinflusst werden.

Kürzlich hatte ich einen Klienten, der immer wenn er im Cafe saß auf die Frage „Möchten sie Zucker“ mit „Nein“ antwortete obwohl er eigentlich lieber „Ja“ gesagt hätte. War die Kellnerin weg, griff er etwas später selbst zum Zucker am Nebentisch mit der Bemerkung „Ach, ich nehme doch etwas Zucker.“ Bei diesem Mann war es die Mutter, die ihm in der Kindheit massiv mit Zuckerverbot bestrafte. War die Mutter (Kellnerin) weg, holte er sich, was er wollte - heimlich. Dahinter verbarg sich der tiefe Glaubenssatz „Ich habe es nicht verdient, dass es mir gut geht“. Seine Mutter war längst verstorben, er selbst weit über 50. Dennoch wirkte dieser Überzeugungssatz bis heute.

Nun stellen Sie sich vor, dieser Mann tradet. Und unbewusst wird er bei seinem Trading von dieser Überzeugung geleitet „Ich habe es nicht verdient, dass es mir gut geht!“. Es könnte sein, dass er sein Geld an der Börse nur sehr schwer verdienen kann. Denn es darf ihm ja nicht gut gehen.

Wenn er diesen unbewussten Auftrag „Ich habe es nicht verdient, dass es mir gut geht“ erfüllen will müsste er demnach dafür sorgen, dass sein Konto entweder gen null geht, es immer auf Einstand bleibt, oder es nach einem Plus alsbald wieder ins Minus läuft.

Von solchen Fällen berichtet auch der Top-Trader Ed Seykota in dem Jack Schwager Buch „Magier der Märkte“. „Ich kenne einen Trader, der immer kurz vor dem Start eines ausgedehnten Bullenmarktes einsteigt und sich mit seinen 10.000 Dollar jeweils innerhalb von ein paar Monaten auf eine Viertelmillion hocharbeitet. Dann verwandelt er sich innerlich und verliert wieder alles. Dieser Vorgang wiederholt sich regelmäßig.“

Das Kommando für die Verwandlung im Innern des Traders gibt eine unbewusste Überzeugung. Denn dieser Trader hat einen guten Grund dafür alles wieder zu verlieren. Er wird sich auf einer Ebene seines Bewusstseins besser fühlen, wenn er seinem unbewussten Überzeugungssatz folgt. Obgleich das Endergebnis schlecht ist.

Ed Sykota dazu: „Ich bin der Meinung, dass Leute, die sich ihr Trading-Schema genau genug anschauen, herausfinden, das sie im Allgemeinen, all ihre Ziele eingeschlossen, tatsächlich das erreichen, was sie wollen, obwohl sie es vielleicht nicht begreifen oder zugeben möchten“.

Ed Seykota bringt es auf den Punkt indem er sagt „Jeder bekommt, was er will“.

Damit meint er natürlich was er unbewusst will. In der Realität wundert sich der Trader nur warum er sein langersehntes Ziel, nämlich profitabel zu sein, nicht erreicht.

Das also ein Aktienkonto letztlich immer weiter gen Süden geht muss für den Betroffenen selbst nicht einmal etwas schlechtes sein. Denn ohne, dass er es merkt kann es für ihn vor allem etwas bekanntes sein. Und bekanntes ist vertraut, verursacht ein positives Gefühl. Und positive Gefühle geben unserem Gehirn ein Empfinden von Sicherheit! Und was wünschen sich die Menschen?

Es könnte sein, dass der Trader durch den Verlust den positiven Gewinn hat bemitleidet zu werde, Aufmerksamkeit bekommt. Das Talent zu haben immer genau falsch zu liegen. Er sich gerade durch seinen Erfolg ein ständiger Verlierer zu sein von den anderen unterscheidet und somit etwas Besonderes ist. Immer Hilfe von anderen bekommt. Es gibt unzählige Möglichkeiten für psychisch bedingte Verluste. Und jeder hat seine ganz eigenen Gründe. Da er seine ganz eigene Geschichte hat.

Um an diese negativen Überzeugungen in der Tiefe heran zu kommen braucht es in der Regel externe Hilfe. Denn der Mensch trickst sich lieber ständig selbst aus als sich bewusst einzugestehen, dass er sich schadet. Das würde ja wieder Angst und Schmerzen bedeuten. Und die gilt es um alles in der Welt zu vermeiden. Dann lieber einen Verlusttrade nach dem nächsten eingehen! Absurd, aber menschlich!

Norman Welz

Mental-Trainer/Börsenpsychologie