Beim Traden sind wir am häufigsten mit Stress konfrontiert. Er ist der Hauptgrund für Fehler, die wir machen. Dass das seinen guten Grund hat, werden Sie in der kleinen Serie erfahren, die ich Ihnen für die kommenden Ausgaben meiner Kolumne zusammengestellt habe.

Sie werden erfahren wie Stress genau im Menschen entsteht, wozu er eigentlich gut ist, das er völlig normal ist. Oder wie der Erfinder des Wortes Stress Hans Selye einst sagte „Es ist die Würze des Lebens!“. Dennoch führt er beim Trading immer wieder zu Nachteilen und psychischen Belastungen. Wie sie diese erkennen und in den Griff bekommen werde ich Ihnen auch verraten. Die Schwerpunkte der Serie werden sein:

  • Stress verstehen
  • Stress erkennen
  • Stress reduzieren

Teil 1: STRESS VERSTEHEN

Das Wort Stress ist für uns ein Alltagsbegriff geworden. Haben wir viel zutun mündet diese Tatsache oft in dem Satz „Ich bin im Stress“. Doch wenn wir viele Aufgaben erledigen müssen bedeutet dies nicht zwangläufig, das dieses eine Stress auslösende Situation für uns ist. Ich bin sicher, die meisten von uns haben den ganzen Tag etwas zu erledigen. Sind deswegen aber nicht von morgens bis abends im Stress!

Dennoch kann es zahlreiche Momente am Tag geben, die uns das Gefühl von Stress erleben lassen: mit dem Auto im Stau stehen, Termindruck, Streit mit dem Chef, warten an der Supermarkt-Kasse, ein platter Fahrradreifen – und vieles mehr. Da alles Stress auslösen kann, kann auch alles zum Stressor werden. Selbst Situationen, die noch gar nicht eingetreten sind, sondern bloß als Selbstprophezeiungen in unserem Gehirn existieren.

Der Mensch empfindet Stress als ein Gefühl der Bedrohung. Der österreichisch-kanadische Mediziner und Biochemiker Hans Selye, (sprich: Selje) der in den 1930er Jahren zum ersten Mal vom Begriff Stress sprach machte die Kernaussage „Stress ist eine Reaktion auf eine Bedrohung, und nicht etwa die Bedrohung selbst!“.

Also nicht die Situation selbst löst Stress aus, sondern wie wir die Situation beurteilen! Auf das Trading übertragen sind es also nicht die Marktbewegungen, die Stress verursachen, sondern wie wir diese Marktbewegungen bewerten.

Stress ist eine der ältesten Erfindungen der Natur. Der amerikanische Physiologe Walter Cannon entwickelte die „Fight-or-Flight-Theorie“ (Kampf-Flucht-Reaktion). Laut dieser Theorie haben Mensch und Tier bei einer drohenden Gefahr nur zwei Wahlmöglichkeiten: Kämpfen oder fliehen. In beiden Situationen stellt sich der gesamte Körper drauf ein. In Bruchteilen einer Sekunde entsteht bei Stress eine Mischung aus physischen und psychischen Symptomen: Blut fließt in die Muskeln um für einen möglichen Kampf bereit zu sein – weshalb wir bei Stress auch meist blasser aussehen. Das Herz schlägt schneller, die Temperatur steigt, Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol schiessen in die Blutbahnen. Körper und Geist sind dann auf Kampf oder Flucht eingestellt und nicht auf logisches Denken.

Nicht mehr logisch denken zu können ist natürlich beim Traden extrem nachteilig! Doch wenn es bei Stress um Kampf und Flucht geht, können Sie vielleicht nun verstehen, warum einige Trader sogar behaupten, dass sie beim Traden mit dem Markt kämpfen. Wer mit dieser Einstellung an die Märkte geht ist von vornherein stressorientiert.

Wir können nicht anders!

In der Bibel steht: „Denn sie wissen nicht was sie tun“. Das könnte man auch von Tradern sagen, die sich in Stresssituationen befinden. Denn Stressgefühle eilen dem logischen Denken voraus. Das hat zur Folge, dass bei Stresssymptomen unsere emotionale und körperlichen Reaktionen gewissermaßen auf Automatik geschaltet werden.

Bei Stress gibt es sozusagen einen Kurzschluss in unserem Gehirn, bei dem der Bereich des Gehirns, welches für das logische Denken zuständig ist, von unserem „Gefühlshirn“ – dem limbischen System umgangen wird. In einer Stresssituation kann das Erlebte also nicht mehr durch bewusste Gedanken kontrolliert werden, sondern geht direkt ins emotionale Zentrum! Von dort wird eine schnelle emotionale Kurzschlusshandlung ausgelöst. In manchen Situationen kann diese lebensrettend sein, beim Traden ist dieses Überreagieren meist nachteilig.

So wird dann auch deutlich warum Probleme entstehen wie z.B.: „Ich kann meine Gewinne einfach nicht laufen lassen!“, oder „Ich werde gleich ausgestoppt, dann nehme ich lieber den Stopp raus“. Für unser Gehirn befinden wir uns in einer Gefahr – nämlich Geld zu verlieren (Existenz) oder Schmerzen (Leib und Leben), weil wir schon wieder einen Minustrade hätten.

Somit entscheidet unser Gehirn - „Kampf oder Flucht“? Schon entschieden – Flucht! Im Nachhinein ärgern wir uns vielleicht. Dann entsteht ein neuer Stress und wir werden wieder von unserem emotionalen Gehirn (limibisches System) gesteuert und steigen gestresst ohne System schnell wieder in einen Trade ein. Zwar hat der nichts mit unserem System zutun, aber Mr. Stress hat schon längst entschieden, dass er wieder flüchten muss. Diesmal vor dem Schmerz sich als Verlierer zu fühlen. In der Zwischenzeit erklären Sie sich, dass es sinnvoll ist diesen Trade jetzt zu machen: „Na ja, der Markt müsste ja jetzt auch mal wieder fallen, gehe ich mal short!“.

Wir wollen überleben!

In einer Stresssituation geht es seit Millionen Jahren einzig darum die Existenz zu sichern, um die Nachkommenschaft zu ermöglichen. Es ging um das Leben in der freien Natur mit ständiger Gefahr vor wilden Tieren und fremden Wesen. Dieses Warn-Programm ist immer noch genauso in uns aktiv. Auch wenn wir heute unser alltägliches Leben in dieser geschützten, modernen Welt leben. Denn genetisch haben wir uns seitdem nur um etwa 0,1 % verändert. Wenn Sie auf eine genetische Veränderung warten wollen, um angstfrei traden zu können, kann das also noch gut ein paar hunderttausend Jahre dauern!

Jeder hat seinen Stress-Level

Das, was dem einen Stress macht, lässt den anderen entspannt bleiben. Auch beim Thema Stress sind wir eben nicht alle gleich! Wie stark wir auf Stress reagieren hat mit genetischer Veranlagung zutun. Denn die Menge, die wir in stressigen Situationen an Stresshormonen wie Adrenalin und Kortisol ausschütten sind zu ca. 25% genetisch festgelegt.

Weitere ca. 25% werden in unserer Kindheit entwickelt. Wir schauen uns von anderen, vor allem den Eltern und Geschwistern ab, wie sie auf Stress reagieren und ahmen es entsprechend nach.

Bleiben noch etwa 50% übrig. Diese 50% können wir mit Hilfe von Verhaltensänderungen sehr gut beeinflussen. Wie wir das tun können erfahren Sie noch.

Lässt Stress im Alter nach?

Auch wenn wir älter sind läuft die Produktion des Stresshormons Kortisol auf Hochtouren. Das liegt vor allem an dem sogenannten Stressdämpfungshormon DHEA, welches ab dem 30. Lebensjahr im Körper sinkt. Der Stress wird im Körper sozusagen immer weniger auf natürliche Weise gedämpft. Leider nimmt dadurch das Stressempfinden im Alter nicht ab sondern zu!

Warum traden so stressig sein kann.

Einfach ausgedrückt ist Stress dazu da den Menschen vor Gefahren zu schützen. Wo Gefahr ist, ist Unsicherheit. Und Unsicherheit gibt es an der Börse ständig! Hinzu kommt, dass wir in dieser modernen Welt leistungsorientiert arbeiten. Wir beginnen eine Arbeit und wollen sie mit Erfolg beenden. Als Trader gelingt einem das nicht immer, da es in der Regel kein System gibt, bei dem jeder Trade ein Gewinner ist. Somit haben wir ständig Situationen, die für uns stressig werden können, da wir mit den alten Denkmustern ans Traden herangehen; bewusst und unbewusst. Wir glauben mit unserer Analyse erfolgreich sein zu müssen beim Traden. Wir glauben, dass wir nicht viermal hintereinander ausgestoppt werden können. Wir glauben, dass die anderen es besser wissen als wir. Und stellen im nach hinein fest – wir hätten es doch besser gewusst. Das sind nur einige wenige Beispiel wo Stress beim Traden entstehen kann. Es gibt unzählige Situationen mehr!

Wie wir aus der Schleife der stressigen Gedanken beim Traden herausfinden und somit erfolgreicher handeln können das erfahren Sie in der nächsten Kolumne.

Norman Welz

Mentaltrainer / Börsenpsychologie