„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

Willst du immer weiter schweifen?

Sieh, das Gute liegt so nah.

Lerne nur das Glück ergreifen.

Denn das Glück ist immer da.“

(Goethe / „Erinnerung“)

So, wie das Glück immer da ist, sind auch die Lösungen für Tradingfehler immer da. Davon wusste Goethe damals nichts. Es zeigt jedoch, dass die Lebensphilosophie sich immer auch auf das Trading übertragen lässt!

Allzu oft suchen wir nämlich das Tradingglück woanders: bei Analysten, die tolle Erklärungen dafür haben warum gerade etwas passiert oder passieren wird. Oder noch besser „passieren muss!“. Untermauert nach den „Gesetzen des Marktes“. Gesetz klingt ja immer unumstößlich – nur so und nicht anders. Das funktioniert aber an der Börse leider nicht. Da gilt eher nur so und vor allem auch ganz anders!

Es dauert eine Weile und viele Fehltrades, bis man als Trader begriffen hat, dass die Lösung im Außen nicht zu finden ist. Oft geben wir reflexartig anderen Menschen oder Umständen die Schuld an dem nicht gelingen bzw. unseren Minustrades.

Eben mailte mir ein sehr erfolgreicher professioneller Trader einen Chart aus einem Traderforum: „Ist mir immer wieder ein Rätsel, wie man so ein Chartbild traden kann“, schrieb er als Kommentar. Der DAX-Chart war voller Linien, Durchschnitte, Zeichen, diverse Indikatoren, am unteren Rand pressten die Candlesticks auf ein Minimum zusammen. Alles war voller bunter Farbmuster, die Candles selbst konnte man kaum noch sehen.

Hoffentlich dienen die vielen Hilfswerkzeuge nicht dazu einen Schuldigen zu finden! Falls es mit dem Trade nicht so klappt, hätte er allerdings eine große Auswahl an „Schuldigen“.

Schuldig oder nicht schuldig

Menschen suchen gerne nach einem Schuldigen: Beim Autofahren ebenso wie im Beruf, in der Partnerschaft oder eben beim Traden. Und wenn man als Trader verstanden hat, dass es darum eben gar nicht geht, dann hat man wieder einen wichtigen Baustein seiner Traderkarriere als solides Fundament gesetzt. Es geht darum zu erkennen, warum sich etwas nicht so entwickelt hat, wie ich es plante. Habe ich einen Plan, dann kann ich überprüfen, warum die Geschehnisse sich dieses Mal leider gegen mein System entwickelt haben. „Ah, der Markt ging einfach nicht in meine Richtung, sonst war aber alles richtig. Na dann – Pech gehabt!“

Habe ich keinen Plan wird der Ärger unbewusst meist schon größer. Und wenn ich keinen Plan habe, dann ist ja auch schlecht nachzuvollziehen, wieso das jetzt genau schief lief. „Na, ich denke wenn mein Indikator long zeigt geht es auch long. So ein Idiot!“. Lernchance leider vertan!

Warum immer die anderen Schuld haben!

Für das eigene Verhalten andere Menschen und Umstände verantwortlich zu machen ist ein typisches Kindheitsverhalten. Vielleicht können Sie sich noch an Situationen aus dieser Zeit erinnern, wo Sie etwas ausgefressen haben aber nicht dafür bestraft werden wollten. Ihr Vater kam Ihnen vielleicht schon mit erhobenem Feigefinger entgegen während Sie schnell wie aus der Pistole geschossen sagten „Das war ich nicht, das war schon. Das hat Michael gemacht!!“

Es geht also letztlich um die Gefahr von Bestrafung. Schuldig sein heißt bestraft zu werden. Und wer bestraft sich schon gerne selbst? Also sucht man schnell einen Schuldigen, und sei es auch nur ein lebloser Indikator. Dann braucht man jedenfalls nicht die Verantwortung dafür auf sich zu nehmen.

Wenn eine Bestrafung folgen könnte, schiebt der Mensch die Schuld für das Missverhalten gerne auf einen anderen. So haben es viele von uns gelernt. Und so ist es in uns durch Neuronale Netze (mentaler Automatismus) verankert.

Beobachten Sie sich gerne mal selbst wie oft Sie die Verantwortung für einen Fehlverhalten, z.B. beim Autofahren, auf andere abschieben.

Neues Verhalten – neue Resultate

Beim Trading bringt uns ein solches Verhalten nicht erfolgreich weiter. Wenn wir als Erwachsene weiter die Schuld auf andere oder anderes schieben, dann verhalten wir uns kindisch und unreflektiert. Da der Mensch für Veränderungen in der Regel ein Leidensdruck braucht, müssen erst einmal viele Minustrades gemacht werden. Erst dann kommt die Einsicht, dass wohl doch nicht andere Schuld an den eigenen Tradingresultaten sind!

Und dann beginnt ein hilfreicher Lernprozess: die Suche nach den „Fehlern“ bei sich selbst. Und spätestens dann erleben wir, dass Goethe ja auch heute noch recht hat:

„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“

Norman Welz
Mentaltrainer / Börsenpsychologie