Am Donnerstag entscheidet die Europäische Zentralbank (EZB) über eine weitere Lockerung der Geldpolitik in der Eurozone. Neben einer möglichen Ausweitung der Anleihenkäufe dürfte die EZB auch eine weitere Absenkung der bereits negativen Einlagezinsen beschließen. Negative Einlagezinsen bedeuten, dass die Geschäftsbanken Strafzinsen zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Aktuell beträgt der sogenannte Einlagesatz in der Eurozone minus 0,20 Prozent. Beobachter erwarten eine weitere Absenkung, möglicherweise auf minus 0,35 oder minus 0,40 Prozent.

    Doch wie weit können die von der Notenbank festgelegten Zinsen überhaupt in den negativen Bereich gesenkt werden?

    Erfahrungen aus Schweden zeigen, dass die Zinsen wohl noch deutlich tiefer unter die Nullmarke abgesenkt werden können, ohne dass das Finanzsystem Schaden nimmt. Der Einlagesatz in Schweden, der fällig wird, wenn Banken über Nacht Geld bei der Riksbank parken, liegt aktuell bereits bei minus 1,1 Prozent. Die Riksbank, die schwedische Notenbank, will so eine zu starke Aufwertung der Schwedischen Krone verhindern. Denn wegen der Euro-Krise war immer mehr Geld nach Schweden geflossen und hatte so zu einer deutlichen Kronen-Aufwertung und immer deutlicheren deflationären Tendenzen geführt.

    Besonders bemerkenswert in Schweden ist allerdings, dass die Riksbank nicht nur den Einlagesatz, sondern auch die Repo Rate, also den eigentlichen Leitzins, schon deutlich in den negativen Bereich gesenkt hat. Die Repo Rate beträgt in Schweden aktuell minus 0,35 Prozent.

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    Brisant: Eine negative Repo Rate bedeutet, dass die Banken weniger Geld zurückzahlen müssen, als sie sich von der Zentralbank leihen (und zwar beim normalen siebentägigen Refinanzierungsgeschäft)!

    Das klingt zunächst nach einem risikolosen Geschäft für die Banken, ist es aber nicht. Denn das von der Zentralbank geliehene Geld können die Banken ja nicht einfach auf ihrem Konto bei der Zentralbank liegen lassen – da sonst Strafzinsen fällig werden. Die Banken müssen also durch Kreditvergabe oder den Aufkauf von Aktiva an die Realwirtschaft dafür sorgen, dass ihre sogenannten Überschussreserven bei der Zentralbank sinken.

    Eine weitere Möglichkeit wäre, das Geld in Form von Bargeld zu bunkern. Doch bei sehr großen Beträgen ist das sehr unpraktisch und lohnt sich erst, wenn die Zinsen sehr deutlich unter null liegen. Außerdem könnte die Zentralbank eine übermäßige Bargeldhaltung der Geschäftsbanken einfach verbieten.

    Zwar kann die Notenbank die Leitzinsen nicht beliebig weit in den negativen Bereich senken, da dann tatsächlich eine Flucht ins Bargeld einsetzen würde. Doch die Untergrenze des Möglichen scheint erkennbar deutlich unter null Prozent zu liegen.

    Wenn die EZB die Geldpolitik in der Eurozone also weiter lockern will, könnte sie in den kommenden Monaten und Jahren auch über eine weitere Absenkung der Leitzinsen in den negativen Bereich nachdenken. Eigentlich hatte die EZB dies im vergangenen Jahr ausgeschlossen. Die Leitzinsen seien, so die Sprachregelung der EZB, auf der faktischen Untergrenze angekommen. Doch die Erfahrungen aus Schweden könnten die EZB irgendwann dazu bewegen, weiter am Zinsrad zu drehen – und zwar nicht nur beim Einlagesatz, wie es bereits für den kommenden Donnerstag erwartet wird, sondern irgendwann auch beim Hauptrefinanzierungsatz – dem eigentlichen Leitzins. Dann könnten negative Zinsen auch für private Sparer in der Eurozone immer wahrscheinlicher werden.

    Börsen-Talk zur EZB-Sitzung: Lockert die Europäische Zentralbank die Geldpolitik noch weiter?