Die Zinswende war einmal. Noch bevor sie in vielen Ländern überhaupt begonnen hat, ist sie schon wieder vorbei. Seit Anfang 2008 geht es mit den Zinsen unter größeren Schwankungen nur noch bergab (Grafik 1). Kurz nach der Finanzkrise gab es einen kleinen Anstieg. Immerhin hob die EZB die Zinsen damals minimal an.


2013 und 2014 führte das US-Taper Tantrum zu einem Zinsanstieg. Der Ausstieg aus QE wurde vorbereitet. Das versetzte den Markt in helle Aufregung. Global legten die Zinsen zu. Das war allerdings nur ein kurzfristiges Phänomen. Obwohl QE beendet wurde und die Fed die Zinsen bereits einmal angehoben hatte, gab es 2016 neue Tiefs.

Vor 2016 erreichten nur die Renditen 10-jähriger, Schweizer Anleihen negatives Territorium. Langfristzinsen andernorts hielten sich über dieser magischen Grenze. 2016 kam es dann anders. In Japan und Deutschland ging es schnurstracks unter 0 %. In einigen Ländern ging es nahe an die Marke von 0 % heran. In Frankreich fiel die Rendite auf 0,1 % und in Dänemark auf 0,06 %. Gerundet sind das 0 %.

Auslöser für die fallenden Zinsen – trotz Zinswende in den USA – war die Wachstumsverlangsamung in China und der Einbruch der Rohstoffpreise. Es wurde plötzlich sehr viel weniger investiert, was auch in den USA Tempo aus dem Wachstum nahm und viele Entwicklungsländer an den Rand des Zusammenbruchs führte.

Als sich herausstellte, dass die Wirtschaft einer Rezession entgehen würde, ging es mit den Zinsen endlich bergauf. Die US-Notenbank machte ernst. Inzwischen sind es 9 Zinsschritte, die sie durchgesetzt hat. Auch in der Eurozone wurde QE abgewickelt und der erste Zinsschritt nach oben sollte ursprünglich in diesem Jahr erfolgen.

Nun ist genau das geschehen, was alle gefürchtet haben. Es kommt zu einem Abschwung, vielleicht sogar zu einer Rezession, doch das Zinsniveau ist nach wie vor sehr niedrig. Obwohl die Notenbanken ihre Geldpolitik nicht maßgeblich gelockert haben, sind die Zinsen im Sturzflug gefallen.

Das hat sich auch mit der Entspannung an der Börse nicht entschärft. Die Zinsen erreichen in der Eurozone fast wieder die bisherigen Allzeittiefs. In Deutschland fehlen nur noch 0,1 %, in Dänemark 0,04 % und in der Schweiz 0,2 %.

In einigen Ländern wurden sogar neue Allzeittiefs erreicht. Zu nennen sind hier Australien und Neuseeland. Die Zinsen stehen 0,06 % bzw. 0,36 % tiefer als beim bisherigen Allzeittief. Global gesehen sind die Zinsen heute also kaum höher als beim bisherigen Paniktief.

Obwohl keine globale Rezession um sich greift, erreichen wir neue Rekorde. Das sagt praktisch alles. In den kommenden 10 Jahren müssen wir nicht auf höhere Zinsen hoffen. Die Zeit ultraniedriger Zinsen wir aller Voraussicht mindestens 20 Jahre andauern. Das ist schon fast eine ganze Generation.

Clemens Schmale

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