Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, der sich in seinen Büchern bisher ausführlich mit den Finanzkrisen ab 2008 und der Neuordnung der Welt nach dem Ersten Weltkrieg auseinandergesetzt hat, widmet sich nun in einem neuen Buch dem Corona-Crash und seinen Folgen für die Weltwirtschaft.

Die Weltwirschaft und die Finanzmärkte hätten 2020 am Rande des Abgrunds gestanden, meint Tooze. "Ein Großteil der Weltwirtschaft wurde stillgelegt, das globale Bruttoinlandsprodukt stürzte im April 2020 um 20 Prozent im Vergleich zum Jahresanfang ab", sagte Tooze in einem Interview mit t-online. Das sei mit nichts vergleichbar, was die Welt je zuvor erlebt habe, auch nicht mit der Weltwirtschaftskrise Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die "eigentliche Krise" habe sich aber im Hintergrund abgespielt. "Der Markt für amerikanische Staatsanleihen hörte im März 2020 schlichtweg auf zu funktionieren. Wir reden hier von einem Markt, der Billionen Dollar umfasst", so Tooze in dem Interview mit t-online.

US-Staatsanleihen sind (trotz der chronisch hohen US-Verschuldung) weltweit die wichtigste als "sicherer Hafen" betrachtete Anlageklasse. Im Hintergrund des Finanzsystems dienen US-Staatsanleihen als Sicherheiten und damit als "Schmiermittel", das viele andere Transaktionen überhaupt erst möglich macht. Und genau dieser Markt drohte im März 2020 auf dem Höhepunkt des Corona-Crashs auszutrocknen.

Die Rettung kam in Form der US-Notenbank Fed, die nach Einschätzung von Adam Tooze einen totalen Marktkollaps verhinderte, indem sie kräftig Liquidität in den Markt pumpte. Was Tooze im Interview mit t-online nicht erwähnt: Dadurch rettete die US-Notenbank nicht nur Unternehmen der Realwirtschaft, sondern in Form von vielen Hedgefonds auch milliardenschwere Spekulanten, die sich ohne die Liquidität, die die Fed insbesondere in den Repo-Markt pumpte, nicht mehr hätten finanzieren können.

Die USA sieht Tooze angesichts der gigantischen Konjunkturhilfen auf einem guten Weg bei der Erholung von der Corona-Pandemie, während sich das europäische Rettungspaket zwar durch die positiven Attribute "grün, digital, rechtsstaatliche Konditionalität" auszeichne, mit 750 Milliarden Euro aber schlicht zu klein bemessen sei. China konnte nach Einschätzung von Toozes deutlich besser auf die Pandemie reagieren als der Westen, dies sei aber nicht auf den Westen übertragbar, wie er unter anderem in einem Interview mit der taz ausführte.

Mit einer Rückkehr zur "Normalität" rechnet Tooze im Anschluss an die Corona-Krise nicht, vielmehr lege der Bericht des Weltklimarates nahe, dass sich die Welt "in einer sich steigernden Dauerkrise" befinde. "Normalität, wie die Menschen etwa die Fünfziger- oder Neunzigerjahre empfunden haben mögen, wird nicht mehr herzustellen sein", sagte Tooze zu t-online. Damit äußert sich Tooze ähnlich wie Klaus Schwab, Gründer und Vordenker des Weltwirtschaftsforums und das Ziel von Verschwörungstheorien. Schwab hatte bereits im vergangenen Jahr in seinem Buch zur Covid-Krise prophezeit, dass die Welt "nie wieder" zur Normalität zurückkehren werde.

Nach der Bundestagswahl in Deutschland wünscht sich Tooze den SPD-Kandidaten Olaf Scholz als Bundeskanzler und Robert Habeck von den Grünen als Finanzminister. Hier imponiert Tooze vor allem, dass beide wohl weiter munter Geld in die Wirtschaft pumpen würden. "Scholz betreibt eine pragmatische und flexible, aber auch konsequente Politik. Er weiß die Freiräume der Schuldenbremse auszunutzen", meinte Tooze im Interview mit t-online. Dass Habeck noch nie ein finanzpolitisches Amt bekleidet habe sieht Tooze nicht als Hindernis, Habeck werde sich "um guten Rat" bemühen.

"Welt im Lockdown: Die globale Krise und ihre Folgen" von Adam Tooze ist am 16. September bei C.H. Beck erschienen. Die englische Originalausgabe wurde Anfang September unter dem Titel "Shutdown: How Covid Shook the World's Economy" bei Penguin veröffentlicht.


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