„Überkapazitäten, z.B. Blasen im Stahl- und Immobiliensektor, führen letztlich dazu, dass die Bilanzen von Banken unter Druck stehen. Marktbeobachtern zu Folge ist dies besonders für Chinas Regionalbanken derzeit ein akutes Problem. Betrachtet man die Ergebnisprognosen chinesischer Banken, so fällt auf, wie niedrig diese sind. Dabei sind einige größere Banken in puncto Kernkapital sehr stark aufgestellt, Regionalbanken hingegen deutlich schwächer. Da der chinesische Finanzmarkt weniger stark entwickelt ist, ist es schwierig Notierungen für Credit Default Swaps (CDS) für Banken zu finden. Normalerweise würden die Gegenparteien ihr Exposure auf diese Weise reduzieren, was eine größere Hebelwirkung im System ermöglicht. Theoretisch könnte das Geld dann schneller fließen.

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Zuletzt hatte die chinesische Regierung zugelassen, dass einige regionale Banken von Konkursen stärker betroffen waren als große nationale Banken, von denen man annimmt, dass sie sich auf staatseigene Betriebe und große Unternehmen wie Alibaba konzentrieren. So berichtete beispielsweise das Wall Street Journal (21.1.2019), Blackstone, Bain Capital, Lone Star und Oak Tree würden vermehrt in schlecht laufende chinesische Kredite (Soured Loans) investieren. Insgesamt beläuft sich die Summe der notleidenden Kredite (Non-Performing Loans, NPLs) in China laut Bloomberg auf 2,37 Milliarden Renminbi. Nach Daten des Internationalen Währungsfonds (BNPLNPCN-Index) machen sie 1,81 % der Bilanzsumme chinesischer Banken aus. Die Summe der Kredite mit hohem Ausfallrisiko liegt nach Bloomberg-Angaben bei ca. 3,8 Milliarden Renminbi. Das Volumen der notleidenden Kredite ist im Vergleich zu den Bilanzsummen der einheimischen Banken zwar offiziell weiterhin sehr niedrig. Die Realität ist jedoch vermutlich komplexer. Andernfalls wäre die Regierung bei der Eindämmung und Reform des Schattenbankensystems nicht so aggressiv vorgegangen und hätte sich auch nicht so rigoros für den Abbau der Verschuldung von Nicht-Finanz-Unternehmen eingesetzt.

In der Stahlindustrie werden Überkapazitäten vielfach gemeldet und von der Zentralregierung untersucht (Reuters 27.9.2019). Der Abbau von Überkapazitäten und eine höhere Nachfrage haben allerdings zu einer Stabilisierung der Stahlpreise beigetragen. Wo einst eine akute Krise herrschte, hat der Druck etwas nachgelassen.

Das genaue Ausmaß der notleidenden Kredite lässt sich schwer abschätzen. Dass hier der Auslöser für eine Krise liegen könnte, erscheint jedoch unwahrscheinlich. Es sei denn, es käme zu einer großen Korrektur am Immobilienmarkt. Chinas Regierung wird nicht müde zu betonen, dass sie hier einige beträchtliche Überkapazitäten abgebaut und – ebenso wichtig – die Entschuldung im Bereich der Nicht-Finanz-Unternehmen vorangetrieben hat.

Schuldenabbau im Nicht-Finanz-Sektor

China hat trotz schwächeren Wachstums (offiziellen Angaben zufolge: voraussichtlich 6 % im Jahr 2020) seine vergleichsweise straffe Geldpolitik beibehalten. Ein Grund ist vermutlich, dass der Immobiliensektor die Wirtschaft noch immer belebt und in einigen Fällen übermäßige Risiken eingegangen wurden. Sektoren, die Überkapazitäten aufweisen, mit niedrigeren Zinssätzen finanzieren zu wollen, ist zwar nicht sinnvoll. Die angestrebten Mindestreservequoten haben hingegen immerhin einen Teil dieses Ziels erreicht.

In China ist geliehenes Geld nicht immer fungibel. Es wird in einem sozialen Spiel, das von den meisten Marktteilnehmern gespielt wird, im Sinne des größeren Gemeinwohls gelenkt und gefördert. Staatseigene Unternehmen werden vielfach vor Kreditrisiken geschützt und von großen Banken stark finanziert. Hier scheint der eigentliche Kern des Problems zu liegen: Es ist nicht das Kreditrisiko, sondern eine geringe Produktivität."