Wien/Ankara (Godmode-Trader.de) - Die Türkei ist neben Argentinien die einzige größere Volkswirtschaft, die 2019 schrumpfen dürfte. Das geht aus dem Wirtschaftsausblick der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor.

    In der Türkei-Analyse heißt es, dass nach einem sehr starken BIP-Wachstum im Jahr 2017 die Inlandsnachfrage, die Inflation und das Leistungsbilanzdefizit aufgrund der politischen Impulse bis Mitte 2018 weiter angestiegen sind. Da der Marktdruck als Reaktion auf wachsende Ungleichgewichte zunahm, habe die Zentralbank die monetären Bedingungen verschärft. Das Wachstum habe sich verlangsamt, als ein weiterer „Vertrauensschock“ im August eintrat. Dieser war vor allem motiviert durch die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan, unter anderem durch seine Andeutungen, die Zentralbank zu entmachten. Daraufhin verlor die Lira innerhalb von zwei Wochen 40 Prozent an Wert, und die Risikoprämien und langfristigen Zinssätze stiegen stark an. Die Inflation ist dadurch zuletzt auf fast 25 Prozent gestiegen - gegenüber 16 Prozent im Juli.

    Das Vertrauen von Unternehmen und Haushalten sei gesunken, und laut Indikatoren schrumpften der private Konsum und die Investitionen in der zweiten Jahreshälfte 2018, so die OECD. Die Exporte hingegen hätten sich sowohl in der Verarbeitenden Industrie als auch im Tourismus aufgrund von Wettbewerbsvorteilen bei den Preisen beschleunigt.

    Die politischen Entscheidungsträger hätten auf den Druck an den Finanzmärkten mit der Freisetzung von Devisenliquidität reagiert, indem sie die Mindestreserveanforderungen der Banken reduzierten und ihr Engagement in Cross-Currency-Swaps einschränkten, schreibt die OECD. Die Zentralbank habe ihren Leitzins im September deutlich auf 24 Prozent erhöht, was laut der Organisation den Wechselkurs und die erforderliche wirtschaftliche Anpassung unterstützen sollte. Ein "New Economic Programme" ziele darauf ab, den Export zu fördern und die Inlandsersparnis durch Haushaltskonsolidierung zu erhöhen.

    Das gesamtstaatliche Defizit soll voraussichtlich von 2,4 Prozent des BIP im Jahr 2018 auf 1,6 Prozent im Jahr 2019 sinken, hauptsächlich durch Kürzungen der öffentlichen Investitionen. Im Oktober sei zudem ein „umfassender Plan gegen die Inflation" angekündigt worden, der auf administrativen Preisstopps und freiwilligen Preissenkungen des privaten Sektors bei bestimmten Artikeln des Verbraucherkorbs über zwei Monate basiert und anschließend von vorübergehenden Mehrwertsteuersenkungen bei zahlreichen Produkten begleitet werde.

    Bevor sich das Wachstum 2020 wieder erholen soll, sieht es laut der OECD für die Türkei nicht gut aus. Die Bruttoanlageinvestitionen dürften 2019 um 5,6 Prozent fallen, die Importe um 2,3, der private Verbrauch um 4,1 Prozent. Weil das Staatsdefizit sinken soll, geht das Wachstum im öffentlichen Verbrauch 2019 stark zurück. Die OECD erwartet, dass das BIP der Türkei im Jahr 2019 um 0,4 Prozent schrumpft, bevor es 2020 um 2,7 Prozent wachsen sollte. „Um eine solche Erholung zu erreichen, bedarf es einer glaubwürdigen und transparenten Geld- und Finanzpolitik und der erfolgreichen Überwindung der Belastungen im Unternehmens- und Bankensektor“, schreibt die Organisation.

    In der OECD sind 36 Länder zusammengeschlossen. Untersucht wurden aber 45 Staaten. Die Türkei gehört als einziges Schwellenland der OECD seit der Gründung 1961 an.