New York/ London (Godmode-Trader.de) - Die sich eintrübende Nachfrage nach Öl und Derivaten hat letzte Woche den WTI-Preis unter die Marke von 38 Dollar/Barrel abfallen lassen. Es gab einfach zu viele negative Einflüsse auf einmal, die auf die Notierungen niederprasselte.

Der wichtigste negative Faktor sind die zuletzt weltweit wieder rasant steigenden Coronavirus-Infektionsraten. Experten sprechen schon von der zweiten und dritten Welle. Die Folge sind Reisebeschränkungen, Absage von Großveranstaltungen und weitere Restriktionen, die den Energiebedarf senken. Die Ölnachfrage dürfte auf lange Sicht zu leiden haben.

Die Tatsache, dass internationale und transkontinentale Flüge derzeit einfach nicht gefragt sind, wurde durch eine düstere Prognose des Internationalen Airlineverbands IATA ins Rampenlicht gerückt. Für den August meldete die IATA global nur noch ein knappes Viertel der Nachfrage aus dem Vorjahr und senkte erneut seine Verkehrsprognose für das Gesamtjahr 2020. Vor allem auf der Langstrecke leiden die Airlines und mit ihnen die Beschäftigten unter den Reisebeschränkungen zur Eindämmung der Pandemie. Die Lufthansa wollte zum Jahresende eigentlich bereits wieder 50 Prozent ihres üblichen Programms fliegen, hat nun aber wegen fehlender Nachfrage den Flugplan auf rund 30 Prozent gekappt.

Die Zukunft für die Langstreckenfliegerei ist so düster, dass selbst der größte Flugzeughersteller in den USA, Boeing, die Produktion seines internationalen Langstreckenflugzeugs, der 787 Dreamliner, in Charleston, South Carolina, zusammenstreicht. Der Bedarf läuft unter ferner liefen. Laut Boeing werden in den kommenden 10 Jahren rund 2.000 Verkehrsflugzeuge weniger benötigt als man vor der Krise noch angenommen hatte.

Weitere bearishe Entwicklungen für den Ölmarkt:

  • Die Sommer-Fahrsaison ist vorbei. Die Raffinerien werden über den Winter weniger Rohöl nachfragen, wenn sie in den Wartungsmodus übergehen. Auch die Crack-Spreads bzw. Raffineriemargen sind tendenziell rückläufig, was den Anreiz der Raffinerien zusätzlich verringert, den Durchlauf zu erhöhen.
  • Die Sorgen um die US-Wirtschaft nehmen angesichts steigender Corona-Neuinfiziertenzahlen zu. Fed-Chef Jerome Powell warnte, dass die Erholung der US-Konjunktur schleppend verlaufen würde. Die US-Wirtschaft sei weiter anfällig für markante Rückschläge. Sofern das Virus nicht eingedämmt würde, könne die US-Wirtschaft in eine Abwärtsspirale geraten. Ein Konjunkturpaket sei dringend geboten, so Powell. Doch dieses wird so schnell nicht kommen. US-Präsident Trump hat etwaige Pläne auf die Zeit nach der Präsidentschaftswahl verschoben.
  • Die Ölaktivität beschleunigt sich, und die Zahl der Bohrinseln steigt von Woche zu Woche, wobei die Zahl der Bohrinseln zuletzt 266 erreichte. Seit dem Tiefstand im Mai hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Nur ein erneuter Ölpreisverfall könnte den Trend einer steigenden US-Ölproduktion aufhalten.
  • Anschwellende Rohöllagerbestände im Nahen Osten und anderswo in Verbindung mit einer stark gestiegenen Produktion aus dem Iran, Iran und Libyen. Berichten von Bloomberg zufolge chartern Händler wieder in großer Zahl VLCC-Frachtschiffe, um Rohöl zu lagern, da die Lagertanks an Land voll sind.
  • China kauft immer noch Öl, aber die Importe schwächten sich zuletzt ab.