Als der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea um August verbal eskalierte, wurden Anleger nervös. Aktien wurden verkauft, Gold konnte profitieren. Jetzt schaukelt sich ein Konflikt auf, der wesentlich gravierender ist, doch niemand reagiert. Das ist ungewöhnlich.

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Der Iran und Saudi-Arabien führen schon lange einen Stellvertreterkrieg im Jemen. Die angespannte Situation ist also nicht ganz neu. Der Markt reagiert im Normalfall ein oder zwei Mal auf solche Spannungen und gewöhnt sich dann daran. Das Thema ist verarbeitet und abgehakt.

Die Lage spitzt sich allerdings zu. Die Situation ist nicht mehr vergleichbar mit der Lage vor noch wenigen Wochen. Saudi-Arabien wurde aus dem Jemen heraus angegriffen. Das war, wie auch der Kronprinz verlauten ließ, ein Kriegsakt. Zuletzt wurde der Stellvertreterkrieg aus dem Jemen auch in den Libanon übertragen.

Der Premierminister des Libanons, Hariri, verschwand in Saudi-Arabien und trat zurück. Die Gespräche in Paris deckten nicht auf, was dahintersteckte. Es ist jedoch schon jetzt klar, dass die Geschehnisse auf die Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zurückzuführen sind. Ein Funke genügt, um die Lage endgültig eskalieren zu lassen. Nun will sicherlich niemand einen Krieg in der Region, doch wer kann sich sicher sein, dass nicht ein Unfall zu einem direkten Krieg zwischen den beiden Kontrahenten führt?

Wie im Fall Nordkorea darf es einen Krieg einfach nicht geben. Die ganze Region wäre destabilisiert und würde in Chaos versinken. Leisten kann sich den Krieg auch niemand. Der niedrige Ölpreis sorgt dafür. Marode Staatsfinanzen werden im Ernstfall aber niemanden von einem Krieg abhalten.

Die Region ist der wichtigste Öllieferant für die Welt. Etwa 20 % des globalen Angebots kommt aus der Region. Fällt ein nennenswerter Teil dieses Angebots weg, kommt es zu einem massiven Preisanstieg bei Öl. Das sorgt nicht nur für einen Inflationsschub, sondern wohlmöglich auch zu einer globalen Rezession. Frühere Ölschocks haben gezeigt, dass das möglich ist.

Ölpreise im dreistelligen Bereich sind absolut denkbar. Geht man nun jedoch davon aus, dass sich die Lage wieder beruhigt, dann stehen die Zeichen für höhere Ölpreise schlecht. In den USA ist die Ölproduktion gerade auf ein neues Hoch gestiegen (Grafik 1). Im Normalfall würde das den Preis drücken, doch dieser Herbst ist nicht ganz normal.

Normalerweise fällt die Ölnachfrage von Raffinerien im Frühherbst und über den Jahreswechsel. Da in diesem Jahr die Hurrikansaison Raffinerien lahmlegte, wird die Nachfrage vorerst hoch bleiben. Das stützt den Ölpreis. Mittelfristig wird dieser Effekt abebben. Dann schlägt das Überangebot aus der US-Produktion wieder voll durch und wird Druck auf den Preis ausüben.

Geht man davon aus, dass es nicht zu einem katastrophalen Ereignis im Persischen Golf kommt, dürfte der Ölpreis demnächst wieder unter Druck geraten. Dazu fällt einem eine immer gültige Börsenweisheit ein: An Gewinnmitnahmen ist noch niemand verarmt.

Clemens Schmale

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