Auf dem Ölmarkt sehen wir gerade die ganz große Trendwende. Das spiegelt sich nicht nur im Preis wider. Auch die Art, wie Produzenten über den Markt reden und berichten, hat sich ganz klar gewandelt. Wurde bis vor kurzem nur von immer tieferen Preisen, Cashflow Problemen und Investitionskürzungen gesprochen, erwärmen sich Produzenten nun wieder für Expansionspläne.

    Die Investitionspläne sind immer noch bescheiden. Gerade erst vor zwei Jahren erreichten die weltweiten Investitionen ein Rekordhoch von knapp 700 Mrd. Dollar (siehe Grafik 1). Inzwischen sind die Investitionen unter 500 Mrd. gefallen und könnten im kommenden Jahr Richtung 400 Mrd. fallen. Es wäre das erste Mal in über 30 Jahren, dass das Investitionsvolumen in drei aufeinanderfolgenden Jahren schrumpft.

    Mit 400 Mrd. Dollar liegen die Investitionen immer noch auf dem Niveau der Jahre 2007-2009. Es ist also nicht so, dass wir historisch niedrige Investitionsquoten sehen. Dennoch warnen Produzenten vor gewaltigen Engpässen. Es ist von einem Rückgang der weltweiten Produktion von bis zu 10 Mio. Barrel pro Tag die Rede. Damit würde dann die Nachfrage ca. 8 Mio. Barrel oberhalb der Produktion liegen. Was das für Auswirkungen auf den Preis hat kann man sich ansatzweise vorstellen.

    Langfristig braucht es wieder mehr Investitionen, um die Nachfrage zu befriedigen. Daran kann man kaum rütteln. Ob nun aber gleich ein Engpass droht, ist schwer zu beurteilen. Behaupten kann man erst einmal viel. Betrachtet man die Historie der letzten 30 Jahre, dann kommen einem aber Zweifel an dieser Story.

    Grafik 2 zeigt die Investitionen, die weltweiten Bohrungen und die Produktion. Es fällt dabei auf, dass der Markt nach den hohen Preisen der 70er Jahre und Anfang der 80er Jahre Investitionen reduzierte. Es wurde auch mehrere Jahre lang deutlich weniger gebohrt. Trotzdem stieg die weltweite Produktion.

    Mit etwas Fantasie kann man erkennen, dass die Investitionen und Bohrungen von 1985 bis 1989 rückläufig waren und die Produktion dann von 1990 bis 1993 stagnierte. Das war es dann aber auch schon. Zu einem Rückgang der Produktion kam es nicht. Es kam auch nicht zu einem großangelegten Engpass.

    Natürlich hat sich der Ölmarkt seit den 80er Jahren gewandelt. Dennoch fällt es schwer daran zu glauben, dass aufgrund einer Reduktion der Investitionen die Produktion bald wegbrechen soll. Die Investitionen brachen zwischen 1985 und 1986 um über 40 % ein. Selbst nach drei Jahren kann von dieser Größenordnung heute keine Rede sein.

    Die Anzahl der Bohrungen bricht heute ähnlich schnell weg wie 1985, doch erste Anzeichen für eine neuerliche Ausweitung gibt es. In den USA steigt die Zahl der Bohrungen seit Wochen. Seit den Krisentiefs ist die Anzahl wieder um 40 % gestiegen. Das ist immer noch zwei Drittel unterhalb der Rekordhochs, doch es zeigt, dass viele Unternehmen wieder auf Expansionskurs gehen.

    Persönlich fällt es mir schwer an einen Kollaps der Ölproduktion zu glauben. Historisch lässt sich das nicht belegen. Vielmehr deutet sich eine Wiederholung der 80er Jahre an. Preise werden immer wieder zeitweise kräftig ansteigen, um dann wieder auf ein niedrigeres Niveau zurückzukehren. Eine Preisrange im Bereich von 50 bis 60 Dollar je Fass macht Sinn. Ab 60 Dollar je Fass dürften gerade Schieferölunternehmen massiv investieren und die Produktion ausweiten. Das sollte den Ölpreis deckeln.

    Clemens Schmale

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