Was haben sie gejubelt, die Börsianer, als Fed-Chef Ben Bernanke am Mittwoch die lang erwartete Rückführung der Anleihekäufe verkündete. „Tapering“ ist ab sofort keine Fiktion mehr, die Notenbank macht Ernst: Um zehn Milliarden US-Dollar pro Monat wird sie ihre Käufe von US-Schuldpapieren reduzieren. In Zahlen: Statt im Gegenwert von 85 Milliarden US-Dollar wird die Notenbank künftig monatlich „nur noch“ Staatsanleihen im Wert von 75 Milliarden US-Dollar ankaufen.

Wir erinnern uns: Ursprünglich war „Quantitative Easing“ als Notfallmaßnahme für das völlig aus dem Ruder laufende Wirtschafts- und Finanzsystem gedacht gewesen. Ende 2008 war das. Seither wurde jede Andeutung einer möglichen Reduzierung der öffentlichen Anleihekäufe von den Börsen mit satten Kursverlusten quittiert. „QE“ wurde zum Dauerzustand und ein mögliches Ende der Stützungskäufe sorgte für Angstschweiß und Panikattacken. Jetzt ist das plötzlich anders: Die Ankündigung der Fed vom Mittwoch bescherte DAX und Dow Jones Kursgewinne von jeweils rund zwei Prozent.

Begeistert sind die Anleger, weil jetzt „amtlich“ ist, dass die US-Konjunktur vor einer gigantischen Erholung steht. Jedenfalls glauben das die Börsianer. Die Logik dahinter: Wäre dem nicht so, dann würde die US-Notenbank ihre Anleihekäufe ja nicht reduzieren, nicht wahr?!

Gejubelt wurde außerdem über das gemeinsame Versprechen von Fed-Chef Bernanke und seiner designierten Nachfolgerin Janet Yellen, den US-Leitzins bis mindestens 2015 auf dem historischen Tiefstand zwischen Null und 0,25 Prozent zu belassen. In weiser Voraussicht hatten die beiden „Währungshüter“ damit klar gemacht, dass mit der leichten Rückführung des Tapering keineswegs ein Ende der Liquiditätsflut gemeint ist.

Doch wie so oft dürften die Anleger auch diesmal den Wald vor lauter (Weihnachts) Bäumen nicht sehen. Im Tapering-Jubel ist ihnen doch glatt entgangen, dass die Firmen in den USA noch nie in den vergangenen 17 Jahren einen derart düsteren Quartalsausblick abgeliefert haben wie zum Ende des ablaufenden Jahres 2013.

Zur Veranschaulichung die folgende Grafik. Dargestellt ist das Verhältnis negativer zu positiven Quartalsausblicken der im S&P500 gelisteten Firmen. Mit einem Verhältnis von annähernd 11,5 hat das Barometer zuletzt einen Wert ausgewiesen, der jedem Durchschnittsbörsianer den Schlaf rauben müsste, wäre da nicht die salbungsvolle Botschaft der US-Notenbank von dieser Woche.

Um das einmal klar zu stellen: Ein Verhältniswert von 11,5 bedeutet, dass derzeit 460 S&P-Firmen einen negativen Ausblick liefern und lediglich 40 Firmen ein erfreuliches viertes Quartal 2013 erwarten.

Damit steht es um die Gewinnaussichten der US-Firmen heute noch weitaus schlechter als im Umfeld der schweren Aktienbaissen von 2001 bis 2003 sowie von 2007 bis 2009. Seinerzeit waren die negativen Vorankündigungen der S&P500-Firmen zwar ebenfalls explodiert, aber in weit geringerem Umfang als zuletzt. Die drei roten „Christbaumspitzen“, mit der wir die Grafik verziert haben, verdeutlichen das.

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Das Problem ist nur: Der jüngsten Logik folgend müssten die Börsen auf schlechte Nachrichten künftig wieder mit Kursverlusten reagieren – und umgekehrt. Zuletzt war das genau anders herum. Da sind die Aktienkurse vor allem dann gestiegen, wenn die Nachrichtenlage düster war, weil damit die Aussichten auf noch mehr billiges Geld und weitere QE-Maßnahmen begründet wurden. Damit sollte jetzt Schluss sein. Und die Grafik oben macht deutlich, dass für negative Nachrichten in den kommenden Monaten reichlich Platz ist...

Wie sich das Bild im kommenden Jahr und darüber hinaus entwickeln dürfte, das machen die grün eingezeichneten Linien deutlich. Wie man sieht, passt die Grafik mit ein wenig Phantasie ganz hervorragend zur Jahreszeit: Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, Du bist so prächtig anzuschaun...

Spannend wird das vor allem im kommenden Jahr, wenn vor dem Hintergrund dieser Zahlen klar werden dürfte, dass der Jubel über die Rückführung des Tapering und die damit in Aussicht gestellte Wirtschaftserholung eine reine Fata Morgan war...

Wir wünschen allen unseren Lesern einen prächtig geschmückten Weihnachtsbaum, besinnliche Tage im Kreis der Familie – und frohe Weihnachten...

In der Januar-Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs werden wir der Frage nachgehen, wie man sich nach dem ausgelassenen Weihnachtsjubel der Börsianer für das kommende Jahr positionieren sollte.

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Zum Autor:

Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG, und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de und www.antizyklischer-aktienclub.de