Interview mit Corinna Illia

Sie handeln mit Oldtimern und betreiben gemeinsam mit Ihrem Mann auch eine Werkstatt für Liebhaber-Fahrzeuge. Wie muss man sich einen typischen Tag in einer Oldtimer-Werkstatt vorstellen?

Das Geschäft mit Oldtimern ist von Jahreszeiten abhängig. Im Winter ist es meistens ruhig, da viele Kunden ihre Fahrzeuge dann eingelagert haben. In den Monaten von März bis September kann es dagegen ganz schön hektisch werden, weil die Oldtimer dann bewegt werden. In dieser Zeit geht hin und wieder einmal etwas kaputt und die Kunden wollen dann natürlich möglichst schnell ein repariertes Fahrzeug, das sie auch wieder fahren können.

Das Thema „Oldtimer als Geldanlage“ wird immer präsenter. Wie hat sich der Oldtimermarkt während der vergangenen Jahre verändert?

Es hat bei Oldtimern immer schon Liebhaber gegeben, welche alte Fahrzeuge aus purer Leidenschaft gesammelt haben. Diese Gattung gibt es auch heute noch. Ab den Jahren 2002 und 2003 hat sich der Markt für Oldtimer allerdings verändert und die Preise sind stark angestiegen. Das betraf sowohl deutsche Automobile als auch englische oder italienische Marken. Studien haben ergeben, dass sich die Preise von Oldtimern innerhalb der vergangenen Jahre solide entwickelt haben. Seit 1999 klettern Preise für Oldtimer im Schnitt um 5,7 %. Das wissen wir, weil seit dieser Zeit vom Verband der Automobilindustrie alle sechs Monate der Deutsche-Oldtimer-Index (DOX) herausgegeben wird. Er bildet die durchschnittliche Wertentwicklung von 88 in- und ausländischen Fahrzeugtypen aus sieben Ländern ab.

Welche Marken laufen besser, welche schlechter?

Auch hierüber gibt der DOX Auskunft. Überdurchschnittlich entwickeln sich deutsche Marken, ihren Zenit erreicht haben im Hinblick auf die Wertentwicklung dagegen englische Marken. Stark im Kommen sind in den letzten Jahren italienische Marken wie Ferrari oder Maserati. Investoren müssen aber ähnlich wie an der Börse auf den Einstiegszeitpunkt achten. Ich gebe Ihnen einmal ein Beispiel: Der Ferrari 350 Lusso wurde 350 Mal gebaut und kostete im Jahr 1960 umgerechnet 30.000 Euro. Bis 1985 steigt der Durchschnitts-Wert auf 185.000 Euro, schießt dann bis zum Jahr 1990 auf 750.000 Euro, fällt 1995 wieder auf 195.000 Euro ab und steigt schließlich bis 2008 wieder auf 380.000 Euro. Wer sich 1990 von der Entwicklung hat blenden lassen und eingestiegen ist, sitzt noch heute auf Verlusten.

Sie haben die Preisdaten angesprochen, die es seit mehr als zehn Jahren für Oldtimer gibt und die Käufer einsehen können. Hilft diese Transparenz nicht dabei, dass Preisexzesse künftig ausbleiben?

Das ist eine schwierige Frage. Es gibt weltweite Daten von Fahrzeugverkäufen, auch die Auktionshäuser veröffentlichen regelmäßig aktuelle Daten. Außerdem werden bestimmte Händler gezielt abgefragt. Diese Daten erscheinen dann unter anderem in den beiden Fachzeitschriften „Motor Classic“ und „Oldtimer Markt“. Anhand dieser Daten lässt sich der Markt zwar ganz gut einschätzen, es gibt aber auch noch die Grauzone des Verkaufs von Privat an Privat. Diese Daten bleiben bei Erhebungen in der Regel unberücksichtigt. Insbesondere Fahrzeuge im exklusiven Bereich werden sehr häufig privat gehandelt. Zu diesen Fahrzeugen gibt es dann auch nur verhältnismäßig wenige Preisdaten.

Da Sie gerade die sehr teuren Fahrzeuge ansprechen: Wird mit diesen Automobilen noch gefahren oder ist das Risiko zu groß?

Oldtimer jeder Altersklasse wollen bewegt werden! Da ist der große Unterschied zwischen Gemälden oder Skulpturen, die man sich irgendwo aufhängt oder hinstellt. Ein Automobil muss bewegt werden, sonst steht es sich kaputt. Wir selbst haben erst kürzlich mit einem Cottereau Populaire aus dem Jahr 1905 an der Herkomer-Konkurrenz in Landsberg am Lech (älteste Tourenwagen-Rallye der Welt, A.d.R.) teilgenommen.

Wie ist das eigentlich: Gilt bei Oldtimern der Grundsatz je älter, desto teurer? Dann müsste Ihr Fahrzeug aus dem Jahr 1905 doch ein Vermögen wert sein…

Der Markt für Automobile ist weitaus komplexer! Der Cottereau Populaire, den wir bei dieser Rallye gefahren haben, hat beispielswei-se einen Versicherungswert von 70.000 Euro. Ginge es nur nach dem Alter, müsste er schon Millionen Wert sein. Die Bewertung von Oldtimern läuft also wesentlich komplexer ab. Um den Markt für Automobile verstehen zu können und Preisprognosen abzugeben, müssen Sie den Markt global betrachten und versuchen, einzelne Trends zu identifizieren. Drei maßgebliche Preistreiber bei Automobilen sind seit geraumer Zeit die Attribute „Cabrio“, „Sportlichkeit“ und „Seltenheit“. Zusätzlich muss die Historie jedes einzelnen Fahrzeugs passen. Die Geschichte eines Oldtimers muss möglichst lückenlos dokumentiert sein. Dazu gehören auch möglichst Originaldokumente. Gibt es Lücken in der Historie eines Fahrzeugs, werden ernsthafte Sammler es nicht anfassen. Das macht sich dann natürlich deutlich im Preis bemerkbar.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Mein Mann hat vor vier Jahren einen Kunden begleitet, der sich einen Aston Martin DB2 aus den 1950ern kaufen wollte. Der Wert liegt um die 200.000 Euro. Der Kunde hatte sich zwei Exemplare ausgesucht: Einen Wagen in Großbritannien und einen in den Niederlanden, jeweils Cabrios. Der Kunde hatte sich innerlich eigentlich schon für das Auto aus Großbritannien entschieden, da entdeckte mein Mann anhand der Fahrzeugpapiere, dass der Aston Martin ursprünglich ein Coupé war, dem nachträglich das Dach entfernt wurde. Der Preisunterschied beim Aston Martin DB2 zwischen Coupé und Cabrio beträgt etwa 150.000 Euro. Der Kunde hat dann das Angebot aus den Niederlanden wahrgenommen und ein echtes Cabrio gekauft und so für die nachhaltige Wertstabilität seines Investments gesorgt.

Laien sollten sich also beim Kauf von Oldtimern am besten von Experten beraten lassen?

Das würde ich dringend empfehlen! Der Markt ist sehr komplex. Es gibt beispielsweise auch Fälle, insbesondere bei Fahrzeugen mit dem Baujahr von vor dem Zweiten Weltkrieg, in denen Umbauten nicht zu einer Wertminderung führen, sofern sie dokumentiert sind. Beispielsweise im Bereich des Rennsports. Wegen der großen Komplexität des Marktes ist es ratsam, sich beim Kauf von Oldtimern an Sachverständige zu wenden.

Lassen Sie uns mal ganz konkret werden: Welche Modelle bis zu einem Alter von 40 Jahren, mit einem derzeitigen Wert von bis zu 50.000 Euro versprechen denn hohe Renditen?

Bei einem Fahrzeugwert von bis zu 50.000 Euro werden sie kaum hohe Renditen erwarten dürfen, da diese in der Regel von den notwendigen Wartungen und Reparaturen aufgezehrt werden. In dieser Preiskategorie legt man sein Geld wertstabil an und profitiert vor allem vom Fahrspaß. Cabrios von Fiat oder Alfa Romeo sind derzeit angesagt und noch nicht so teuer. Ein Fiat 1200 ist beispielsweise ein sehr schönes Automobil, das zudem relativ selten ist. Auch ein MG A oder Austin Healey ist interessant und im Bereich deutscher Fahrzeuge zum Beispiel ein Porsche 914 oder eine Mercedes Pagode, vor allem Cabrios und Roadster. Diese Modelle eignen sich als Einsteigerfahrzeuge, da sie zudem in der Unterhaltung nicht allzu teuer sind und sich wunderbar fahren lassen.

Wie hoch sind denn die Unterhaltskosten bei einem Fahrzeug in dieser Preisklasse?

Das ist schwer zu sagen. Grob geschätzt würde ich bei einer guten Wartung und hin und wieder ein paar Ersatzteilen von 2.500 Euro jährlich ausgehen.

Wie schwer ist es bei Oldtimern eigentlich Ersatzteile zu beziehen?

Wir unterscheiden bei uns zwischen Modellen, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden und Modellen, die danach gebaut wurden. Bei Automobilen, die während der vergangenen 65 Jahre gebaut wurden ist die Versorgung mit Ersatzteilen relativ gut. Es gibt eine ganze Menge spezialisierter Händler, bei denen Ersatzteile vieler Oldtimer bestellt werden können. Bei exotischeren Modellen kann es vorkommen, dass es eine Weile dauert, bis ein Ersatzteil verfügbar ist. Im Großen und Ganzen ist die Versorgung mit Ersatzteilen allerdings weitgehend gesichert. Im Bereich der Karosserie kann es dagegen schon schwieriger werden: Hier kann es sein, dass man Teile nachfertigen muss.

Bei Oldtimern, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, kann es deutlich schwerer werden, Ersatzteile zu beschaffen. Je näher wir dem Jahrhundertwechsel kommen, umso schwieriger wird es. Wir haben teilweise Fahrzeuge von Firmen, die seit 100 Jahren nicht mehr existieren – da kann man nichts mehr bestellen und muss die Ersatzteile nachfertigen lassen. Was die Sache allerdings erleichtert, ist, dass die Autoindustrie damals schon ähnlich organisiert war wie heute. Teile bekannter Zulieferer wie beispielsweise Bosch wurden in mehrere Modelle eingebaut. Das macht es uns heute leichter, Ersatzteile zu finden.

Was halten Sie denn von Youngtimern, die möglicherweise irgendwann einmal als Oldtimer gefragt sind? Kann das ein sinnvolles Investment sein oder ist das eher eine Lotterie?

Bei Youngtimern kommen Sie in den Bereich der Massenproduktion. Je mehr Fahrzeuge es von einem Modell gibt, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Preis aufgrund der Seltenheit steigt. Wenn Sie sich allerdings auf Sondermodelle konzentrieren, die in geringer Auflage gebaut wurden, gibt es auch hier Chancen auf eine Wertsteigerung. Aber auch hier gilt es, die richtigen Modelle zu finden. Der Ford A von 1903 ist eines der ersten Automobile, die millionenfach am Fließband gefertigt wurden. Einen Ford A konnten Sie sich
100 Jahre in die Garage stellen und hatten keinen nennenswerten Wertzuwachs.

Dieser Artikel ist in unserer Sonderpublikation Sachwerte erschienen. Weitere spannende Themen können Sie nach einer kurzen kostenfreien Anmeldung hier herunterladen.