1. Die Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) hat auf ihrem gestrigen Treffen in Wien beschlossen, die Förderquoten um 500.000 Barrels pro Tag auf nunmehr 28 Millionen Barrels pro Tag (mbd) zu erhöhen. Auf die tatsächliche Produktion dürfte sich diese Entscheidung jedoch kaum auswirken, denn diese liegt ohnehin schon seit Monaten deutlich über den offiziellen Förderquoten. Insofern ist die Erhöhung der Förderquoten mehr oder weniger einer „Legalisierung“ der bestehenden Überproduktion gleichzusetzen. Zudem hat der saudische Ölminister Ali I. Naimi noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass momentan keine Nachfrage nach zusätzlichem saudischem Öl zu verzeichnen wäre und er deshalb auch keine Veranlassung sehe, die Produktion auszuweiten. Er sieht den Grund für den jüngsten Ölpreisanstieg vielmehr in den fehlenden Raffineriekapazitäten, und hier insbesondere in den USA. Eine Ausweitung der Ölproduktion könnte daher kaum dazu beitragen, die Ölpreise zu senken, da nicht genügend Kapazitäten vorhanden sind, dieses Rohöl weiterzuverarbeiten. Für einen nachhaltigen Ölpreisrückgang wären Investitionen, und hier vor allem auch in Raffineriekapazitäten notwendig, womit der saudische Ölminister unserer Ansicht nach den Nagel auf den Kopf trifft. Trotz der hohen Preise finden diese Investitionen momentan aber noch nicht in ausreichendem Maße statt. Abgesehen von der Quotenerhöhung hat die OPEC gestern auch die Zusammensetzung des neuen OPEC-Korbs bekannt gegeben. Dieser soll aus den 11 wichtigsten Exportsorten der Mitgliedsländer bestehen. Die Gewichtung erfolgt nach den Produktions- und Exportmengen. Vorerst sollen der alte und der neue Korb-Preis parallel laufen. Über den Zeitpunkt der endgültigen Implementierung soll beim nächsten OPEC-Treffen im September entschieden werden.

2. Im Prinzip war das heutige OPEC-Treffen ein Non-Event, denn die OPEC hat ihre Preissetzungsmacht bereits vor geraumer Zeit verloren. Offiziell peilt man zwar immer noch Preise unter 50 US-Dollar pro Barrel (USD/bbl) an, doch de facto dürfte auch der OPEC klar sein, dass ihre einzige Möglichkeit, die Preise zu steuern, in einer aktiven Angebotspolitik liegt. Um die Preise nachhaltig zu senken, müsste sie also in der Lage sein, das Angebote deutlich auszuweiten. Dies ist allerdings nur dann möglich, wenn genügend freie Kapazitäten vorhanden sind. Und genau hier liegt das Problem, denn die OPEC verfügt kaum noch über freie Kapazitäten. Insofern kann sie sich zwar Preise von unter 50 USD/bbl wünschen, von einem aktiven Anpeilen kann aber nicht die Rede sein. Für die Ölpreisentwicklung sind die Entscheidungen der OPEC schon seit geraumer Zeit nur noch von marginaler Bedeutung. Schuld an dem jüngsten Preisanstieg ist vielmehr die Tatsache, dass die Nachfrage weiterhin verhältnismäßig stark wächst, während die Entwicklung auf der Angebotsseite damit kaum noch Schritt hält und immer mehr Fragen aufwirft.

3. Zu Beginn des zweiten Quartals hatten schwächere Konjunkturindikatoren und kräftig steigende Rohöllagerbestände bei vielen Marktteilnehmern zu der Überzeugung geführt, dass der kräftige Ölpreisanstieg der vergangenen Quartale nun endgültig seine Wirkung zeigt und die Ölnachfrage in Zukunft deutlich schwächer wachsen wird als bisher angenommen. Insbesondere Spekulanten hatten dies zum Anlass genommen, Long-Positionen (Wetten auf steigende Preise) an der New York Mercantile Exchange abzubauen und gleichzeitig Short-Positionen (Wetten auf fallende Preise) aufzubauen. Dies schlug sich auch prompt in fallenden Preisen nieder. Die ursprünglichen Sorgen, dass die Angebotsentwicklung über kurz oder lang nicht mehr mit der Nachfrageentwicklung Schritt halten kann, waren plötzlich wie weggeblasen, und es gab natürlich auch diesmal keinen Mangel an Marktbeobachtern, die nun endgültig das Ende der Ölpreishausse verkündeten. Pünktlich mit dem Beginn der „Driving Season“ in den USA erhielt der vorübergehende „Optimismus“ an den Ölmärkten aber einen jähen Dämpfer. Bessere Konjunkturindikatoren, ein kräftiges Wachstum der Ölnachfrage in den USA und ein Rückgang der Öllagerbestände nahmen den Spekulationen über eine schwächere Nachfrageentwicklung den Wind aus den Segeln.

Eigentlich nichts Neues, denn auch die vorübergehenden Ölpreisrückgänge in den vergangenen zwei bis drei Jahren funktionierten stets nach dem gleichen Muster. Besonders im Frühjahr und Herbst (April/Mai und November/Dezember) kommt es sehr schnell vor, dass saisonbedingte Nachfragerückgänge Spekulationen nähren, dass sich die Nachfrage auch in Zukunft deutlich schwächer entwickeln wird. Auch die etwas schwächere Nachfrageentwicklung in China kann nicht mehr für Entspannung sorgen, da für die Sommermonate bereits wieder deutlich stärkere Engpässe bei der Stromversorgung prognostiziert werden. Insofern ist davon auszugehen, dass die Privatverbraucher wieder vermehrt dazu übergehen, ihren eigenen Strom mit Dieselgeneratoren zu erzeugen, was die Ölnachfrage sprunghaft ansteigen lassen könnte. Schließlich bleibt also festzustellen, dass die erhofften preisdämpfenden Effekte von Seiten der Nachfrage ausbleiben. Trotz der anhaltend hohen Ölpreise wächst die Nachfrage vergleichsweise kräftig weiter.

4. Gleichzeitig sind die jüngsten Nachrichten von der Angebotsseite alles andere als beruhigend. Während die Produktionsrückgänge in Norwegen zu erwarten waren, sorgen die jüngsten Entwicklungen in Russland für Unsicherheit. Während das Produktionswachstum vieler Nicht-OPEC Länder in den vergangenen Jahren häufig hinter den Erwartungen zurückblieb, war Russland mit Jahreswachstumsraten von zuweilen deutlich über 10% stets eine Quelle verlässlichen Wachstums. Zwar hatte man auch hier mit einem langsamen Nachlassen der Wachstumsdynamik gerechnet; dass sich das Wachstum allerdings derart rapide abschwächt, überrascht und verunsichert die Märkte doch sehr. Die jüngsten Produktionszahlen weisen zwar immer noch leicht positive Jahreszuwachsraten aus. In den nächsten Monaten ist es aber nicht auszuschließen, dass die Zuwachsraten in den negativen Bereich abrutschen. Verantwortlich hierfür sind wohl die Nachwehen des Yukos-Skandals. Aber nicht nur die ex-Yukos-Produktion hat stark gelitten, sondern auch das Investorenvertrauen ist stark angeknackst. Aktuell lässt vieles darauf schließen, dass Präsident Putin sehr daran gelegen ist, einen Teil der in den Neunzigerjahren durch die Privatisierung abgegebenen Kontrolle über den Ölsektor wieder zurückzugewinnen. Angesichts dieser Unsicherheit über die weitere Entwicklung des Ölsektors in Russland ist es kaum verwunderlich, dass sich Investoren, vor allem auch ausländische Investoren, bei ihren Investitionsentscheidungen stark zurückhalten.

5. Alles in allem haben die jüngsten Entwicklungen an unserer grundsätzlichen Einschätzung des Ölmarkts nichts geändert. Angesichts des weiterhin stetigen Nachfragewachstums bei mehr oder weniger konstantem Angebot werden die ohnehin spärlich gesäten freien Kapazitäten weiter aufgebraucht. Dementsprechend nervöser wird der Markt auf jegliche das Angebot betreffenden Nachrichten reagieren, und davon könnte es in den nächsten Wochen und Monaten einige geben. Erstens hat die Hurrikan-Saison in den USA gerade erst begonnen. Bereits in der vergangenen Woche konnte man einen ersten Vorgeschmack bekommen, wie sich drohende Hurrikane an der US-Golfküste auf den Ölpreis auswirken: Tropensturm Arlene ließ die Preise gleich um ein bis zwei USD/bbl steigen. Zweitens werden die Märkte die Angebotsentwicklung in Russland sehr genau im Auge behalten. Und zu guter Letzt stellen auch mögliche Raffinerieausfälle ein Risiko für die Ölpreisentwicklung dar, denn angesichts der hohen Kapazitätsauslastung ist das System sehr anfällig für Ausfälle.

Insgesamt rechnen wir daher über die nächsten Monate mit tendenziell steigenden Preisen, wobei Hurrikane oder Raffinerieausfälle auch zu einem vorübergehenden kräftigen Überschießen des Ölpreises führen könnten. Diese Preisspitzen sollten sich aber relativ schnell wieder zurückbilden. Preisrückgänge aufgrund von besser als erwarteten Lagerbestandsdaten oder schwächeren Konjunkturdaten, die Spekulationen über eine schwächere Nachfrageentwicklung aufkommen lassen, dürften auch in den nächsten Quartalen zwischenzeitlich zu stärkeren Preisrückgängen führen, diese dürften aber immer nur von kurzer Dauer sein. Für einen nachhaltigen Preisrückgang gibt es unserer Ansicht nach nur ein Rezept, und dieses lautet Investitionen. Trotz der hohen Preise finden diese momentan aber noch nicht in ausreichendem Maße statt. Der Ölmarkt arbeitet mehr oder weniger an der Kapazitätsgrenze, und solange die Kapazitäten nicht deutlich ausgeweitet werden, wird der Preis nicht nur auf hohem Niveau verharren bzw. sogar tendenziell noch weiter steigen, sondern er wird auch sehr starken Schwankungen unterliegen, denn vorübergehende Ausfälle in einem Land können unter diesen Umständen nicht mehr wie in der Vergangenheit durch den Rückgriff auf freie Kapazitäten in einem anderen Land kompensiert werden.

Quelle: DekaBank

Die DekaBank ist im Jahr 1999 aus der Fusion von Deutsche Girozentrale - Deutsche Kommunalbank- und DekaBank GmbH hervorgegangen. Die Gesellschaft ist als Zentralinstitut der deutschen Sparkassenorganisation im Investmentfondsgeschäft aktiv. Mit einem Fondsvolumen von rund 130 Mrd. Euro gehört die DekaBank zu den größten Finanzdienstleistern Deutschlands. Im Publikumsfondsgeschäft hält der DekaBank-Konzern einen Marktanteil von etwa 20 Prozent.