London / Istanbul (Godmode-Trader.de) - Die Türkei hat einen schwierigen Sommer hinter sich, schreibt Portfoliomanager Eli Koen von Union Bancaire in einem aktuellen Marktausblick auf das Land. „Beginnend mit dem Terroranschlag an der türkisch-syrischen Grenzstadt Suruç am 20. Juli, dem Abbruch der Koalitionsgespräche und den verkündeten Neuwahlen für den ersten November sowie dem Scheitern des Friedensprozesses mit der kurdischen PKK-Partei. Sollte der Wahlausgang am 1. November ähnliche Ergebnisse wie vom 7. Juni liefern, wird das Land allerdings weiterhin in einer politischen Sackgasse stecken, was zu einem Negativeffekt an den Märkten führen würde“, so Koen.

    „Risikoprämien für die Türkei sind natürlich von diesen Entwicklungen betroffen, was sich wiederum negativ auf den Aktienmarkt, die Währung und Zinsen auswirkt“, so der Experte weiter. Kurzfristig konzentrierten sich Marktteilnehmer stark auf den Wahlausgang und mögliche weitere Terroraktivitäten im Land.

    Das wirtschaftliche Bild der Türkei sieht nach Ansicht von Koen trotz der negativen politischen Entwicklungen relativ stabil aus: Das Bruttoinlandsprodukt wächst um drei Prozent in 2015 – langsam für türkische Verhältnisse, aber akzeptabel im jetzigen weltweiten Umfeld. Einige Branchen vermerken starken Zulauf: Autoverkäufe sind im Vorjahresvergleich um 50 Prozent gestiegen; Immobilienverkäufe nahmen um 19 Prozent zu und der Markt für Haushaltsgeräte um zehn Prozent. Die Kreditvergabe in der Türkei liegt auf einem gesunden Niveau von 19 Prozent. Die türkischen Banken sind seiner Einschätzung nach auch angemessen kapitalisiert. Das Leistungsbilanzdefizit ist von über zehn auf fünf Prozent gefallen. Die Budgetentwicklung bleibt stark – das Haushaltsdefizit und die staatliche Verschuldung sind niedrig. Die Inflation von 7,1 Prozent ist für türkische Verhältnisse nicht übermäßig hoch.

    „Die politische Situation um die Türkei herum birgt sowohl Chancen als auch Risiken“, resümiert Portfoliomanager Koen: „Die mögliche Lockerung der Sanktionen gegen den Iran sollten sich positiv auf die Handelsbeziehungen der Türkei auswirken. Der Iran ist nicht nur einer der größten Nachbarn, sondern auch historisch ein wirtschaftlicher Partner der Türkei gewesen. Die weitere Eskalierung der politischen Situation in Syrien und im Irak könnte sich allerdings negativ auf die bereits verschlechterte Handelssituation mit den beiden Ländern auswirken. Das wiederum könnte zu einer kurzfristigen Belastung an der Istanbuler Börse führen. Nachrichten werden kurzfristig weiter von der politischen Lage in der Türkei dominiert werden. Die Volatilität im Markt kann mittelfristig anhalten. Sobald die politische Situation in der Türkei klarer ist, gehen wir davon aus, dass Anleger die langfristigen Fundamentaldaten stärker beachten werden, die einen positiveren Ausblick für das Land vermitteln“.