Shah: „Ich würde mich in diesem Fall auf die Seite der Anleihenmärkte stellen. Was haben wir wirklich gelernt, was wir nicht schon wussten? Die Märkte erwarteten bereits einen Anstieg der Inflation. Die große Frage ist doch, wie hartnäckig diese Inflation ist. Diese Frage wurde noch nicht beantwortet und wird auch in den nächsten Monaten nicht beantwortet werden.“

Dennoch warnt sie davor, den derzeit zu beobachtenden Anstieg der Verbraucherpreise in den USA nur mit Basis- und Nachholeffekten zu erklären. Sie sieht vielmehr drei grundsätzliche Treiber am Werk, die auch mittelfristig für Inflation sorgen werden.

  • Auf der Angebotsseite würden sowohl die pandemiebedingten Unterbrechungen der Versorgungskette als auch eine zunehmende Preissetzungsmacht der Anbieter zu steigenden Preisen führen. Wenn die US-Wirtschaft wieder anspringe, würden die Kapazitäten nicht ausreichen, um die aufgestaute Nachfrage zu befriedigen, was die Versorgungsengpässe verschärfe. Anders als nach der Finanzkrise hätten die Verbraucher heute einen erheblichen Nachholbedarf, größere Ersparnisse und seien eher in der Lage, höhere Preise zu verkraften. Tatsächlich würden bereits 30 Prozent der kleinen Unternehmen Preiserhöhungen in den nächsten 3 Monaten planen.
  • Auf der Nachfrageseite sieht Seema Shah neben den gigantischen Konjunkturprogrammen von addiert annähernd 9 Billionen USD vor allem Lohnzuwächse und die Kaufkraft der Verbraucher als inflationär wirkende Faktoren. Die Unterstützungmaßnahmen der Regierung hätten für weniger Entlassungen gesorgt, weshalb gar nicht so viel Reserve im Arbeitsmarkt sei wie nach der Finanzkrise. Ein weiterer Unterschied zur Erholungsphase nach der Finanzkrise sei die heute gesünderen Bilanzen der privaten Haushalte.
  • Schließlich die Fed: Ihr neues "Average Inflation Targeting Framework" würde es ihr erlauben, die Inflationsrate für eine gewisse Zeit über das 2 %-Ziel hinausschießen zu lassen, bevor sie Straffungsmaßnahmen einleite. Damit werde eine gewisse Überhitzung möglich, wodurch Inflationsdruck wahrscheinlicher werde. Im letzten Jahr sei die Geldmenge M2 in der US-Wirtschaft um USD 4 Billionen (ein Anstieg von 26 %) gestiegen. Das sei nicht nur der größte jährliche Anstieg seit den 1940er Jahren, sondern liege auch deutlich über dem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 5,8 % im letzten Jahrzehnt.

Seema Shah: „In Anbetracht dieser Faktoren befürchten wir, dass nach Jahren minimaler Inflationserwartungen die Portfolios der Anleger auf steigende Inflationsraten nicht vorbereitet sind. Das betrifft vor allem die Rentenseite, wo wir empfehlen, Hochzinsanleihen und inflationsgeschützte Treasuries (TIPS) ins Portfolio zu nehmen. Sie haben in der Vergangenheit einen gewissen Kaufkraftschutz geboten. Auch Kreditverbriefungen oder Nachranganleihen können Anlegern mit ihren variablen Zinsstrukturen Chancen bieten.

Aktien sollten sich angesichts weiter guter Finanzierungsbedingungen weiterhin gut entwickeln. Allerdings führen höhere Inflationserwartungen und Anleiherenditen zu einer Verschiebung: Bei anhaltender wirtschaftlicher Erholung wird sich die Rotation in zyklische und Value-Aktien fortsetzen. Die steiler werdende Zinskurve bietet ein günstiges Umfeld für Finanzwerte.“