Als die Corona-Pandemie die Welt auf den Kopf stellte und die Aktienmärkte zeitweise so schnell fielen wie nie zuvor, da tat Starinvestor Warren Buffett etwas Überraschendes: Er verkaufte Aktien.

Früher war Buffett bekannt dafür, dass er dann, wenn alle anderen in Panik gerieten und die Aktienkurse scheinbar ins Bodenlose fielen, mit Vergnügen auf Einkaufstour ging. Als Value-Investor legt Buffett schließlich großen Wert darauf, Aktien dann zu kaufen, wenn sie im Verhältnis zu ihrem fundamentalen Wert zu einem günstigen Preis zu haben sind. Auch wenn die meisten US-Aktien im Zuge des Corona-Crashs fundamental trotz der Kursverluste vielleicht nicht wirklich billig waren, so waren sie doch billiger als wenige Wochen zuvor oder danach. Doch Buffetts Einkaufstour fiel aus.

"Man verdient Geld an der Börse, indem man einen Dollar kauft und nur fünfzig Cent dafür zahlt", zitierte Buffett einmal seinen früheren Lehrmeister Benjamin Graham. In einem Interview sagte Buffett außerdem: "Ich werde Ihnen sagen, wie man reich wird. (...) Seien ängstlich, wenn andere gierig sind. Seien Sie gierig, wenn andere Angst haben."

Doch im Corona-Crash hielt sich Buffett zumindest scheinbar nicht an die eigenen Ratschläge. Als die Kurse von Mitte Februar bis Mitte März kollabierten, hielt sich Buffett zurück mit größeren Transaktionen. Doch im April, als die Kurse bereits einen Boden gefunden hatten, da trennte sich Buffetts Investmentholding Berkshire Hathaway im großen Stil von ihren Airline-Aktien. Vor dem Crash hielt Berkshire Hathaway Aktienpakete aller vier großen US-Fluggesellschaften im Wert von insgesamt mehreren Milliarden Dollar. Doch im April verkaufte Berkshire Hathaway sämtliche Airline-Aktien.

Buffett begründete die Verkäufe Anfang Mai auf der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway damit, dass sich die Aussichten für die Airlines durch die Krise wohl für längere Zeit eintrüben könnten. Es sei nicht absehbar, ob die Menschen in den Jahren nach Corona so gerne und so viel fliegen würden wie zuvor. Die Airlines würden voraussichtlich auf Sicht von Jahren unter großen Überkapazitäten leiden, so Buffett.

Doch als Buffett verkaufte, da griffen andere zu. Wer diese anderen Anleger waren, das zeigt eine Statistik des US-Online-Brokers Robinhood. Robinhood hat in den vergangenen Monaten und Jahren vor allem unerfahrene Kleinanleger an den Markt gelockt. Denn bei Robinhood können Aktien ohne Gebühren gehandelt werden. Zudem müssen Anleger keine ganzzahlige Aktienanzahl kaufen, sondern können auch nur Bruchteile einer Aktie erwerben. Das macht Robinhood vor allem für Anleger interessant, die mit nur wenig Geld in den Aktienmarkt einsteigen wollen. Während der Corona-Krise eröffneten zahlreiche US-Privatanleger ein Depot bei Robinhood und begannen mit dem Aktienhandel.

Während Buffett seine Airline-Aktien verkaufte, griffen die Privatanleger wie verrückt bei den stark gefallenen Papieren zu, wie die Statistik von Robinhood zeigt. Der Online-Broker veröffentlicht nämlich, wie viele seiner Anleger eine bestimmte Aktie in ihrem Depot haben.

Die größte Airline-Position von Berkshire Hathaway vor dem Crash waren die Aktien von Delta Air Lines. Hier hatte Berkshire Hathway am Ende des ersten Quartals 2020 noch Aktien im Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar im Portfolio, bevor sich Buffett im April von der Position, wie auch von den anderen Airline-Aktien, trennte.

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Delta Air Lines

Doch während Buffett verkaufte, griffen Privatanleger beherzt zu. Mitte Februar, bevor die Kurse einbrachen, hatten nur rund 18.000 Robinhood-User die Delta-Aktien in ihrem Depot. Doch in den folgenden Wochen und Monaten, während die Kurse ins Rutschen gerieten, stockten die privaten Trader und Anleger kräftig auf. Ende März war die Zahl der Robinhood-User, die die Delta-Papiere in ihrem Depot hatten, bereits auf rund 189.000 gestiegen. Während sich Buffett im April von den Aktien trennte, griffen die Privatanleger weiter zu. Ende April hatten bereits rund 417.000 Robinhood-User die Aktien in ihrem Depot. Auch direkt vor und während der jüngsten Kursexplosion stockten die Privatanleger weiter auf. Zuletzt hatten mehr als 587.000 Robinhood-User die Anteilsscheine von Delta Air Lines im Depot. Eine vergleichbare Entwicklung gab es auch bei den Aktien der anderen großen US-Fluggesellschaften American, United und Southwestern Airlines. Auch hier kauften mehrere hundert tausend Privatanleger die Aktien, nachdem diese stark eingebrochen waren.

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American-Airlines-Aktien

Während Buffett sich mit großen Verlusten von seinen Airline-Aktien trennte, griffen die unbedarften Privatanleger also zu und kauften wie verrückt die Aktien der stark gefallenen Fluggesellschaften, bevor diese sich in den vergangenen Wochen kräftig erholten.

Auch wenn die Papiere der Fluggesellschaften zuletzt wieder stärker korrigierten, dürften die allermeisten Privatanleger mit den von ihnen gekauften Papieren bereits prozentual zweistellig im Plus sein. Und die Privatanleger beschränkten sich nicht auf Airline-Aktien. Praktisch überall griffen die Privatanleger zu, während Buffett und viele andere Profis unentschlossen an der Seitenlinie des Spielfelds verharrten.

Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass Buffett letztlich Recht behält und sich die Papiere der Fluggesellschaften auf Sicht der kommenden Jahre als miserables Investment erweisen werden. Aktuell aber scheint es aber fast so, als hätten die ahnungslosen Privatanleger in der Krise mehr Gespür für den Markt besessen als das "Orakel von Omaha".


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