Die von der Internationalen Energieagentur (IEA) geführten Statistiken zur Produktion, zum Verbrauch und zur Aufbewahrung von Rohöl haben ein entscheidendes Manko: Sie sind entweder falsch oder zumindest unvollständig. Denn in den Statistiken klafft allein für die Jahre 2014 und 2015 ein riesiges Loch von 550 Millionen Barrel Öl, wie der Finanzjournalist John Kemp von der Nachrichtenagentur Reuters ermittelt hat. Von diesem Öl ist laut IEA nichts über den Verbleib bekannt. Was mit diesem Öl passiert ist, könnte aber entscheidend sein für die Frage, wie es mit dem Rohölpreis weitergeht.

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    Es gibt im Wesentlichen zwei unterschiedliche Hypothesen zu der Frage, was mit dem Öl passiert ist. Eine Möglichkeit: Das Öl hat gar nie existiert sondern ergibt sich nur rechnerisch, weil bei Produktion und Verbrauch fehlerhafte oder unvollständige Zahlen an die IEA gemeldet wurden. Die Menge von 550 Millionen Barrel Öl, über dessen Verbleib nichts bekannt ist, könnte bedeuten, dass die Überproduktion bei Rohöl überhaupt nicht so groß ist, wie die Märkte bisher meinten. Es wurde also entweder weniger Öl produziert, als die IEA ermittelt hat oder mehr Öl verbraucht. Eine weniger stark ausgeprägte Überproduktion könnte die Erholung der Ölpreise in den kommenden Monaten erheblich beschleunigen - sollte die Überproduktion wegen fehlerhaften Statistiken tatsächlich nicht so groß sein, wie die Märkte bisher unterstellten.

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    Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit: Das "fehlende" Rohöl könnte produziert und an unbekannter Stelle eingelagert worden sein. Der Ausbau strategischer und privater Erdölreserven in China könnte eine solche in den Statistiken fehlende "Senke" für das Erdöl sein. Aber auch findige Investoren in anderen Ländern könnten den niedrigen Rohölpreis genutzt haben, um Reserven anzulegen, die in keiner Statistik auftauchen. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, könnte das einen stärkeren Anstieg der Ölpreise für längere Zeit verhindern.

    Denn beginnt der Preis wieder zu steigen, würden die "stillen Reserven" sukzessive wieder aufgelöst: Das dadurch steigende Angebot würde den Preisanstieg bremsen und eine zu starke Erholung des Ölpreises verhindern. Denn bei jedem Preisanstieg würde zusätzliches Angebot aus den aufgelösten Reserven auf den Markt strömen und so den Preis wieder drücken.

    Es gibt einige Argumente dafür, dass tatsächlich die zweite Möglichkeit wahr ist. Denn das "Loch" in der Statistik war in den Jahren 2014 und 2015 besonders groß. In diesen Jahren war die Überproduktion aber auch besonders hoch und der Ölpreis fiel auf immer niedrigere Stände. Es würde also für Investoren oder auch Staaten Sinn ergeben, größere Mengen Rohöl in den Jahren 2014/2015 aufzukaufen, einzulagern und später - zu einem höheren Preis - wieder zu verkaufen. Sollte dies tatsächlich wahr sein, könnte die Erholung der Ölpreise in den kommenden Monaten und Jahren erheblich ausgebremst werden.