So schnell kann's gehen. Namhafte, bis vor kurzem noch recht hoffnungsfrohe Institute und Analysten kommen zu dem Schluss, dass der Wirtschaftseinbruch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA und Europa um bis zu einem Zehntel schrumpfen lassen könnte. Die am Donnerstag gemeldeten rekordhohen 3,3 Millionen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe (Stichtag war der 21. März) in den USA (zum Höhepunkt der Finanzmarktkrise waren es 0,66 Millionen) verdeutlichen die Dramatik und Dynamik der Situation.

Zumindest für die Nachkriegszeit sind das Ausmaß sowie das Tempo der Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft einzigartig. Konnte man nach der Pleite von Lehman noch ein gewisses Zögern im politischen Entscheidungsprozess kritisieren, so ist die Geschwindigkeit diesmal regelrecht atemberaubend.

ZENTRALBANKEN ZIEHEN FAST ALLE REGISTER

Viele Zentralbanken haben die Zinsen im Rekordtempo gesenkt, in den meisten Industrieländern auf nahe Null. Dem Experiment der Eurozone mit Negativzinsen sind andere große Notenbanken (noch?) nicht gefolgt. Dafür wurden aber im großen Stil Anleihekäufe beschlossen, um einerseits das Zinsniveau bei länger laufenden Staatsanleihen und Unternehmensanleihen zu senken, und andererseits dem Bankensektor Liquidität zuzuführen. Darüber hinaus wurden auch die Kreditfazilitäten für den Bankensektor aufgestockt oder neue kreiert, um die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft zu sichern.

RIESIGE FISKALPAKETE IN PAPIERFORM GEBRACHT…

Mehr noch als auf den Zentralbanken liegt jedoch das Augenmerk auf der Fiskalpolitik. Momentan macht besonders das US-Konjunkturpaket von sagenhaften zwei Billionen Dollar Schlagzeilen. Noch vor wenigen Wochen galten zwei Billionen Dollar als Größenordnung für den zu erwartenden wirtschaftlichen Schaden für die ganze Welt. Nun ist bereits allein das US-Konjunkturpaket so groß, welchem das Repräsentantenhaus vermutlich am Freitag zustimmen sollte. Dies entspricht fast 10 Prozent des BIPs1, was nun vielleicht auch anderen Finanzministern als Maßstab dienen könnte.

Zwei Arten von Wirtschaftshilfen gilt es zu unterscheiden: Zum einen direkte fiskalische Hilfen, wie zum Beispiel Kurzarbeitergeld oder die Übernahme von Sozialversicherungsbeiträgen für besonders krisengeschüttelte Unternehmen. Zum anderen Bürgschaften und Garantien, um die Versorgung mit Liquidität sicherzustellen. Im Falle Deutschlands belaufen sich die fiskalischen Hilfen auf 3,5 Prozent und die Kreditgarantien auf bis zu 14 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Frankreich hat immerhin ebenfalls 1,9 Prozent an fiskalischen Hilfen und 12,7 Prozent an Kreditgarantien angekündigt. Großbritannien liegt mit seinen Programmen zwischen den Werten von Frankreich und Deutschland. Als länderübergreifende Institution hat die Europäische Union (EU) eigene Stützungsmaßnahmen im Umfang von 0,9 Prozent vom BIP der EU auf den Weg gebracht.

…MÜSSEN ERST NOCH UMGESETZT…

Angesichts des Tempos, mit dem manche Pakete durch den Gesetzgebungsprozess geschossen werden, sind handwerkliche Fehler kaum auszuschließen. Unklar ist zum Beispiel, wie und wann genau in den USA die versprochene Subvention von 1.200 Dollar pro Erwachsenem und 500 Dollar pro Kind auch den Ärmsten zu Hilfe kommen wird. So manches Paket wird vermutlich nachgeschärft werden müssen.

…UND BEZAHLT WERDEN

Aufgeschoben ist auch die Frage, wer letztendlich die Kosten zu tragen haben wird. Einen Teil werden vermutlich Sparer in Form von noch niedrigeren Realzinsen auf ihre Sparguthaben oder sichere Anlageformen bezahlen. Auch die Steuerzahler werden wahrscheinlich nicht ganz ungeschoren davonkommen.

Man kann erwarten, dass die Maßnahmen von Seiten der Notenbanken und der Finanzminister den Wirtschaftseinbruch abfedern werden. Das Risiko, dass sich der Wirtschaftseinbruch zu einer Pleitewelle und damit einer Finanzkrise auswächst, ist gesunken, aber nicht aus der Welt. Eine Rezession scheint jedoch unvermeidlich.

HILFSPAKETE SCHLIESSEN MEDIZINISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE RÜCKSCHLÄGE NICHT AUS

Die Volatilität an den Märkten dürfte anhalten. Zumindest solange, bis das Ausmaß der Krise besser abschätzbar ist. Dabei geht es nicht nur um die Zahl der Neuerkrankungen in einzelnen Ländern, wie etwa Italien. Denn eine Gefahr bei Covid-19 ist, dass es bei jedem Rückgang in einem Land schon in einem oder mehreren anderen Ländern die nächste Welle losgeht. Auch Impfstoffe und bessere medizinische Behandlungsmethoden dürften noch längere Zeit auf sich warten lassen. Was uns optimistischer stimmt, ist der immer besser werdende Umgang mit der Krankheit in einigen Ländern und das Hochfahren von Testkapazitäten. In der Zwischenzeit sollte man aber auch konventionelle Gefahrenherde nicht aus den Augen verlieren, von notleidenden Krediten italienischer Banken und chinesischer Immobilienentwickler bis hin zu den anhaltenden Turbulenzen am Markt für hochverzinsliche US-Unternehmensanleihen. In Zeiten wie diesen sind Durchhaltervermögen, Geduld und fundierte Einschätzungen der Risiken gefragt. Panik wäre dagegen definitiv ein schlechter Ratgeber.