Fahrassistenzsysteme gehören mittlerweile zur Standardausstattung unserer Kraftfahrzeuge. ABS, ESP und ASR erhöhen schon seit Jahren die Sicherheit im Straßenverkehr. Einparksensoren erleichtern uns das Rangieren und helfen dabei, Blechschäden zu vermeiden. Wir haben uns längst an diese elektronischen Helfer gewöhnt. Jetzt stehen die Hersteller vor einem wesentlich größeren Schritt. Derzeit arbeitet die Automobilindustrie mit Hochdruck an Technologien für autonomes Fahren. Aber auch Unternehmen aus anderen Branchen sehen großes Potenzial und möchten in diesem Milliardenmarkt mitmischen. Das prominenteste Beispiel ist Google. Laut einer Studie vom Forbes Magazin ist der Internetkonzern momentan sogar das einflussreichste Unternehmen, wenn es um das selbständige Fahren geht. Den zweiten Platz belegt mit Intel ein weiterer IT-Gigant. Erst danach folgen führende Automobilhersteller wie General Motors, Mercedes-Benz, Audi und Nissan. Aber auch Apple ist mit von der Partie.

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    Was derzeit noch nach einer reinen Zukunftsvision klingt, könnte schon bald Realität werden. Die Branche geht davon aus, dass die Technologie für selbstfahrende Fahrzeuge schon in einigen Jahren verfügbar sein wird. Tesla-Chef Elon Musk spricht konkret von fünf bis sechs Jahren. Zudem verspricht der Vorstandsvorsitzende des Elektroauto-Pioniers ein deutlich vermindertes Unfallrisiko. Selbstfahrende Autos würden zehn Mal sicherer sein, als wenn eine reale Person am Steuer sitzt, sagte Musk kürzlich in einem Zeitungsinterview. Zuvor müssten jedoch noch einige regulatorische Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.

    General Motors will schon im Jahr 2016 Autos mit Fahrautomatik auf den Markt bringen. Auf Autobahnen und Schnellstraßen mit durchgängiger Fahrbahnmarkierung soll der Fahrer in diesem Fahrzeug unterwegs sein können, ohne seine Hände am Steuer haben zu müssen, berichtete das "Wall Street Journal". Zu den Kosten für die sogenannte "Super Cruise"-Funktion äußerte sich General Motors bisher nicht. Daimler will spätestens 2025 auch eine Technik für Lastwagen mit Autopilotenfunktion auf den Markt bringen. Spätestens 2020 soll auf der Straße getestet werden.

    Professor Dr. Frank Gauterin, Leiter des Instituts für Fahrzeugsystemtechnik des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), geht davon aus, dass sich autonomes Fahren stufenweise in verschiedenen Anwendungsbereichen etablieren wird. "Beginnend mit bereits verfügbaren Anwendungen wie automatischem Einparken und Staufahrt werden neben Nischenanwendungen zunächst einfach zu beherrschende Aufgaben wie die Autobahnfahrt angeboten werden", sagte Gauterin im Gespräch mit GodmodeTrader.de. Es werde dabei zunächst aber immer eine überstimmende Eingriffsmöglichkeit des Fahrers geben. Voraussetzung für eine vollautonome Fahrt ohne Eingriffsmöglichkeit des Fahrers sei vor allem die Klärung der rechtlichen Haftungsfragen. Für die Änderung gesetzlicher Regelungen müsste der Nachweis erbracht werden, dass autonomes Fahren die Unfallzahlen signifikant verringert. "Dazu wäre die Technik aber in einigen Jahren in der Lage", so Gauterin.

    Im deutschen Verkehrsrecht gilt heute noch, dass der Fahrer zu jedem Zeitpunkt das Lenkrad mit beiden Händen fest umschließen muss. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt scheint aber nicht abgeneigt zu sein, dies zu ändern. Er sieht rund um das automatisierte Fahren große Chancen für die deutschen Autobauer und Zulieferer. Sein Ministerium will die Entwicklung der Technik vorantreiben: "Wir wollen den Prozess der Digitalisierung aktiv gestalten - im Sinne der Verkehrssicherheit, der Verbraucher und des Wirtschafts- und Innovationsstandorts Deutschland", sagte er der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Dazu sei bereits ein Runder Tisch eingerichtet worden, um rechtliche, wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen zu klären. Erste Ergebnisse werden bis Ende des Jahres erwartet. Die US-Bundesstaaten Arizona, Kalifornien, Florida und Michigan sind schon einen Schritt weiter. Tests auf öffentlichen Straßen sind dort schon erlaubt.

    Auswirkungen auf die Automobilbranche

    Autonomes Fahren könnte zu einem vollständigen Wandel in der individuellen Mobilität führen. So könnte beispielsweise Carsharing einen enormen Boom erleben. Hauptproblem des Gemeinschaftsautos ist derzeit vor allem die Entfernung zum Fahrzeug. Das wäre beim autonomen Fahren jedoch hinfällig, da das Fahrzeug einfach selbständig auf Bestellung vor die eigene Haustüre fahren würde. Je nach aktuellem Bedarf könnte man dann einen Zwei- oder Viersitzer oder auch einen Transporter bestellen. Hierfür müssten in jeder Stadt Parkstationen eingerichtet werden, von denen aus der "Kunde" in 10 bis 15 Minuten erreichbar ist. Damit würde sich auch das Parkplatzproblem in den Innenstädten entspannen. An diesen Stationen könnten die Fahrzeuge auch gewartet und gereinigt werden.

    Eine größere Verbreitung von Carsharing hätte einerseits einen schrumpfenden Automobilmarkt zur Folge. Andererseits erweitert sich auch der Kundenkreis. Personengruppen, die bislang kein eigenes Fahrzeug nutzen, wie etwa Senioren im fortgeschrittenen Alter, Kinder und Jugendliche oder Personen ohne Führerschein könnten dies nun tun, erklärt KIT-Leiter Frank Gauterin gegenüber GodmodeTrader.de. Zudem könnten neue Geschäftsmodelle (Geschäfte und Hotels holen Kunden ab und bringen sie anschließend an ihr nächstes Ziel, Ausliefern von Waren, …) entstehen, die für Fahrzeugabsatz sorgen. Probleme würden dagegen insbesondere die öffentlichen Verkehrsmittel und Taxi-Unternehmen bekommen. Aber auch die Hersteller von Luxusfahrzeugen müssten neue Verkaufsargumente finden. Es ist nur schwer vorstellbar, dass selbstfahrende Ferraris gefragt wären. Anstelle von Sportlichkeit und Leistung dürfte es vielmehr auf Komfort und Ausstattung in der Fahrgastzelle ankommen.

    Wie schnell könnte der Wandel vonstattengehen?

    Derzeit werden Kooperationen zwischen datensammelnden und -liefernden Unternehmen wie z.B. TomTom, Nokia, Google, INRIX aufgebaut. Firmen wie Bosch oder Continental haben Sensoren, insbesondere Radar, Ultraschallsensoren und Kameras im Produktportfolio, die für die Umfelderkennung eingesetzt werden. Im Bereich der Technik zur schnellen und sicheren Ver- und Entschlüsselung von Car-to-Car-Nachrichten sowie der Algorithmen für Umfelderkennung, Szeneninterpretation und automatischer Handlungsgenerierung ist das KIT führend und arbeitet mit großen Herstellern zusammen.

    Es wird aber noch einige Jahre dauern, bis die Technologie ausreichend erprobt ist und gesetzliche Hürden aus dem Weg geräumt sind. Danach könnte jedoch alles sehr schnell gehen, sofern die Unfallzahlen dadurch tatsächlich deutlich verringert werden können. Davon ist aber auszugehen. Schon jetzt ist technisches Versagen bei Unfällen die große Ausnahme. Die Schwachstelle ist fast immer der Mensch. Dies könnte die Entwicklung hin zum autonomen Fahren drastisch beschleunigen. Bei jedem Unfall, der auf menschliches Versagen zurückzuführen, könnte der öffentliche Druck zunehmen, "menschliche Fahrer" von der Straße zu verbannen. Der Weg dorthin ist jedenfalls vorgezeichnet.