Gastbeitrag von Stephan Heibel, Experte auf Guidants

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    Nachdem Anleger über vier Wochen lang aufgrund der Rallye im DAX nahezu euphorisch waren, sorgte die Verschnaufpause vor einer Woche für eine Abkühlung, wobei sich die gute Laune jedoch halten konnte. Das heutige Umfrageergebnis zeigte weiterhin ein Sentiment unter Anlegern, das von guter Laune dominiert wird, aber fern von Euphorie ist. Es macht sich eine gewisse Selbstzufriedenheit breit, immerhin notiert der DAX im November kontinuierlich nahe an seinen Jahreshochs.

    Das könnte an der extrem hohen Investitionsquote liegen, die wir insbesondere bei Privatanlegern messen konnten: Privatanleger sind derzeit so stark investiert wie historisch betrachtet nur in 10 % aller Fälle. Auch das Euwax-Sentiment zeigt eine im November stark zurückgegangene Absicherungsneigung der Privatanleger an.

    Das heißt: Der nächste Schub dieser Rally kann nicht mehr dadurch erzeugt werden, dass Privatanleger mobilisiert werden, denn die sind schon investiert. Der nächste Schub muss entweder von internationalen Anlegern kommen, die Deutschland als Investitionsland entdecken, oder aber durch die einheimischen institutionellen Anleger, deren Investitionsquote noch moderat ist und deren Long-Spekulationen in den vergangenen Wochen zurückgefahren wurden.

    Die Zukunftserwartung hat sich in dieser Woche aufgehellt: Nachdem sich zuvor im Rahmen der anhaltenden Rallye Skepsis breit machte, ob das hohe Kursniveau wohl gehalten werden könne, hat die nun abgelaufene Woche Zuversicht unter unseren Anlegern erzeugt.

    Und diese Zuversicht drückt sich auch in der Investitionsbereitschaft aus: Kaum noch jemand möchte seine Aktienpositionen in den kommenden zwei Wochen verkleinern.

    In den USA sind Anleger ebenfalls stark bullisch ausgerichtet, wie das Put/Call-Verhältnis der CBOE anzeigt. Fondsmanager haben ihre Investitionsquote auf 77 % belassen, ein durchschnittliches Niveau für das laufende Jahr. Immerhin ist die Bullenquote unter den Privatanlegern mit 5 % relativ neutral. Der Angst und Gier Indikator zeigt mit 78 % jedoch bereits Gier an, was zu Vorsicht mahnt.

    Interpretation

    Privatanleger rechnen fest mit einer Jahresendrally, zumindest haben sie sich entsprechend positioniert. Im Sinne der Sentiment-Theorie ist das jedoch leider ein Indikator dafür, dass Privatanleger eine Jahresendrally nicht mehr erzeugen können, denn sie sind ja schon investiert und haben somit kein Kapital mehr zur Verfügung, mit dem sie die Kurse weiter in die Höhe treiben könnten.

    Das muss von institutionellen Anlegern erfolgen. Diese haben in diesen Tagen auch ausreichend Gründe dafür, denn im Sinne der Portfoliokosmetik werden gerne gerade diejenigen Aktien gekauft, die im laufenden Jahr besonders erfolgreich waren. Außerdem wird es schon die eine oder andere Aktie geben, die heute bereits für die beabsichtigte Portfoliostruktur im kommenden Jahr gekauft wird.

    Doch wenn diese kosmetischen Aktivitäten beendet werden, dann könnte auch seitens der institutionellen Anleger das Kaufinteresse nachlassen. Es braucht dann einen neuen Impuls aus geopolitischer Perspektive, um internationale Anleger aufs Parkett zu rufen.

    Somit dreht sich wieder einmal alles um den Handelsstreit zwischen den USA und China: Kommt eine Teileinigung? Wann kommt sie? Oder dreht Trump zuvor nochmals an der Daumenschraube?

    Mit +25 % im laufenden Jahr hat der DAX viele Anleger für das schwache Vorjahr entschädigt. Der Schock des Ausverkaufs im Dezember vor einem Jahr sitzt vielen Anlegern noch in den Knochen, so dass eine negative Meldung zu einem schnellen Ausverkauf führen könnte. Schnell und heftig, jedoch kaum nachhaltig, denn anders als vor einem Jahr steht der US-Notenbankchef Jay Powell in diesem Jahr parat, um die Geldschleusen weiter zu öffnen, sollte es erforderlich werden. Entsprechend könnte ein kurzer und heftiger Ausverkauf schnell von institutionellen Anlegern zum Einsammeln von Schnäppchen genutzt werden, was die Gefahr für einen heftigen Kurseinbruch trotz der ziemlich bullisch positionierten Privatanleger verringert.