Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass es in kaum einem europäischen Land keine Probleme mit Banken gibt

In Italien türmen sich die faulen Kredite auf. Die Summe all dieser Kredite liegt irgendwo im Bereich von 350 Mrd. Euro. Das sind ca. 17 % aller ausstehender Kredite (der Fairness halber muss man sagen, dass nicht 350 Mrd. faul sind, sondern 200 Mrd. – von 150 Mrd. weiteren Krediten wird ausgegangen, dass sie bald faul werden).

ANZEIGE

In Deutschland sitzen Banken nicht so systematisch auf faulen Krediten wie in Italien. Dafür gibt es andere Probleme. Viele Landesbanken kämpfen noch immer mit ihren Geschäften in der Schiffsfinanzierung und suchen nach Käufern. Wenn sich Banken selbst verkaufen müssen ist das nie ein gutes Zeichen.

Die Großbanken, insbesondere die Deutsche Bank, haben ganz andere Probleme. Der Deutschen Bank wurde die zweifelhafte Ehre zuteil als eine der Banken zu gelten, die weltweit für die größte Ansteckungsgefahr sorgen können, da sie sehr hohe systemische Risiken in ihrer Bilanz hält. Ganz nebenbei ist die Bank immer noch dabei, Milliardensummen für vergangene Skandale aufzuwenden und ihr Geschäft zu sanieren, welches kaum noch Gewinne abwirft.

Von griechischen und zyprischen Banken muss man gar nicht sprechen. Die Zukunft ist trotz großangelegter Rekapitalisierungen noch immer offen. Britische Großbanken verdauen den Brexit-Schock – als ob die Geschäftslage nicht auch ohne Brexit schlimm genug wäre.

Die Probleme der Banken sind nicht ganz neu, doch in den letzten Wochen und Monaten haben sie sich immer deutlicher präsentiert

Es wird immer offensichtlicher, dass es keine Strategie ist, hier einfach nur abwartend zuzuschauen. Die Probleme werden nicht von alleine verschwinden.

Der Schock zu Jahresbeginn, als Bankaktien in Rekordtempo abverkauft wurden, ist wieder vorbei. Trotzdem zeigen die Aktienkurse, dass Anleger keine Perspektive für Bankaktien sehen. Einen großangelegten Rebound gibt es nicht. Die Zentralbank nimmt das zur Kenntnis, zeigt sich jedoch nur sehr zaghaft besorgt, denn Aktienkurse sind nicht der beste Maßstab für die Verfassung einer Bank.

Die EZB sieht die fallenden Aktienkurse als Konsequenz der Profitabilitätskrise der Banken und nicht als Folge von fehlendem Eigenkapital. 2008 mussten Anleger fürchten, dass das Eigenkapital der Banken nicht ausreichen würde, um die Verluste abzudecken. Staatliche Stützung der Banken war notwendig. Derzeit kann man bis auf Ausnahmefälle davon nicht sprechen. Banken haben so viel Kapital wie seit Jahrzehnten nicht.

Am Kapital mangelt es nicht - dafür mangelt es an Gewinnen

Wieso sollten Anleger Aktien von Unternehmen kaufen, die keinen Gewinn erwirtschaften? – Draghi bezeichnet die Aktienkursgeschehnisse daher als Folge einer Gewinnkrise und nicht als Folge einer Bankenkrise im klassischen Sinne (mangelndes Eigenkapital).

Obwohl die EZB keine Kapitalprobleme im Allgemeinen sieht (Ausnahme bilden z.B. einige italienische Banken), sagen die Kurse von Anleihen etwas anderes. Grafik 1 zeigt den Kurs einer Nullkuponanleihe der Deutschen Bank. Der Kurs dieser Anleihe sollte bis Laufzeitende tendenziell steigen, um die Rendite einigermaßen konstant zu halten. Das trifft auf den Kurs teilweise zu. Er stieg mehrere Jahre bis Anfang 2006. Danach kam es zu einem deutlichen Kursverlust mit entsprechendem Renditeanstieg, der in der Finanzkrise seinen Höhepunkt fand.


Als die Finanzkrise als abgehakt galt, nahm der Kurs seinen Aufwärtstrend wieder auf. Seit 2015 hat sich die Sachlage wieder verändert. Der Kurs fällt und die Rendite steigt. Anfang 2016 erkennt man den Schock gut an der stark steigenden Rendite, die von weniger als 3 % auf knapp 4 % hinaufschnellte.


Anleihekurse sagen mehr über den Zustand der Kapitalposition einer Bank aus als deren Aktienkurs

Ein Aktienkurs ist vor allem durch die Gewinnaussichten getrieben. Anleihekurse sagen etwas über die Erwartung von Anlegern in Bezug auf das Kapital aus. Eine Bank muss keine Gewinne schreiben, um eine Anleihe zurückzahlen zu können, sofern sie ausreichend Kapital hat. Fallen die Kurse von Anleihen und steigen die Renditen, dann nehmen die Zweifel zu, dass die Bank über ausreichend Eigenmittel verfügt, um die Anleihen bedienen zu können.

Will man noch deutlichere Hinweise erhalten, dann lohnt ein Blick auf CDS (Credit Default Swaps – Kreditausfallversicherung) von Banken. Per 22. Juli standen die CDS für europäische Banken zwischen 70 und 200 Basispunkten (Grafik 2). An der Spitze steht die Deutsche Bank. Wer hier 10 Mio. gegen einen Ausfall versichern will, muss dafür pro Jahr über 200.000 Euro ausgeben.
Die Höhe der CDS erscheint auf den ersten Blick nicht unbedingt katastrophal. Vergleicht man sie jedoch mit den Spreads zur Zeit der Finanz- und Eurokrise, dann sind die Spreads schon hoch. Die Bank for International Settlements (Grafik 3) zeigt sehr schön den Verlauf über die Jahre. Während der Finanzkrise notierten die CDS im Bereich von 200 bis 600 Basispunkten.

Während der Euro- und Staatsschuldenkrise der Jahre 2010 bis 2012 stiegen die CDS noch einmal sehr viel deutlicher an. In Deutschland kamen Werte von gut 300 Basispunkten zustande. Der CDS für die Deutsche Bank ist in den letzten Monaten davon nicht mehr so weit entfernt.

Eine ausgewachsene Bankenkrise sehen wir derzeit noch nicht

Die Lage ist jedoch ernst. Die CDS und Anleihekurse zeigen, dass Anleger weniger Zutrauen haben. Es muss etwas geschehen. Bleibt es so, wie es derzeit ist, kann sich die schlechte Situation in eine ausgewachsene Krise entwickeln. Das geschieht dieses Mal dann übrigens nicht über Nacht, sondern vielmehr über Jahre – wie etwa in Italien. Das macht die Situation besonders herausfordernd. Eine schleichende Entwicklung wird kaum wahrgenommen, bis es zu spät ist.

Draghis neues Mantra, dass es sich um eine Gewinn- und keine Kapitalkrise handelt, ist bis zu einem gewissen Grad korrekt. Doch wenn Banken Verluste schreiben, müssen sie diese Verluste über ihr Kapital auffangen. Dauert eine Gewinnkrise lang genug an, dann wird aus ihr eine Kapital- und damit Bankenkrise. Die Profitabilität der Banken muss wieder hergestellt werden, ansonsten droht tatsächlich die nächste Krise, wenn auch nicht in naher Zukunft, sondern erst in mehreren Jahren.

Clemens Schmale

Sie interessieren sich für Makrothemen und Trading in exotischen Basiswerten? Dann folgen Sie mir unbedingt auf Guidants!