Ein Großteil des deutschen Auslandsvermögens, das über riesige Handelsbilanzüberschüsse im Laufe von Jahrzehnten erwirtschaftet wurde, dürfte unwiederbringlich verloren sein. Dies sagte der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Chef des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, auf einer Diskussionsrunde auf der Anlegermesse Invest am vergangenen Freitag in Stuttgart.

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Grund seien die hohen sogenannten Target-2-Forderungen der Bundesbank, die sich auf mehr als 923 Milliarden Euro belaufen und rund 46 Prozent des deutschen Auslandsvermögens ausmachen, so Hans-Werner Sinn. Die Target-2-Salden entstehen durch große Ungleichgewichte im innereuropäischen Handel, durch den Notenbanken wie die Bundesbank hohe Forderungen und andere europäische Notenbanken hohe Verbindlichkeiten gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) anhäufen. Zuletzt stiegen die Target-2-Forderungen der Bundesbank dabei vor allem auch durch das gigantische Wertpapierkaufprogramm der EZB.

Die Target-2-Forderungen der Bundesbank seien aber letztlich niemals einlösbar und müssten deshalb ehrlicherweise auf null abgeschrieben werden, sagte Sinn. "Das sind Forderungen, die die Bundesbank nicht fällig stellen kann und die verzinst werden zum Hauptrefinanzierungssatz der EZB, welcher von der Mehrheit der Target-2-Schuldnerländer auf null gesetzt wurde. Jetzt frage ich Sie: Wie würde eine Firma eine Forderung bilanzieren, die ewig läuft, die sie nicht fällig stellen kann und die einen Zins trägt, der vom Schuldner festgelegt wird auf null. (...) Das ganze Geld ist heute schon weg, (...) das werden wir nie mehr wiederkriegen. Das sind 46 Prozent des gesamten Nettoauslandsvermögens der Bundesrepublik Deutschland, welches durch die historischen, riesigen Exportüberschüsse aufgebaut wurde", so Sinn. Ausländische Investoren würden Unternehmen wie etwa den Roboterbauer Kuka in Augsburg und Immobilien in Deutschland aufkaufen. Deutschland erhalte im Gegenzug "völlig wertlose" Forderungen gegen das Euro-System in Form der Target-2-Salden, so Sinn.

Die Euro-Krise sei nur scheinbar überwunden worden. Nach dem Platzen der japanischen Immobilien- und Aktienmarktblase im Jahre 1990 habe es sieben Jahre gedauert, bis viele Banken wirklich Probleme bekamen. Vorher hätten sich die Banken durch Bewertungstricks in den Bilanzen künstlich über Wasser gehalten. Erst, als Verbindlichkeiten tatsächlich fällig wurden und bezahlt werden mussten, sei das ganze Ausmaß der ungedeckten Schulden sichtbar geworden. Ähnlich könnte sich die Situation auch in Europa entwickeln. Nach dem Aufflammen der Euro-Krise im Jahr 2011 und 2012 drohe nun, sieben Jahre später, in Europa der Moment des Erwachens. "Das Gerede um die Bankenunion, um die Einlagensicherung, die jetzt unbedingt kommen muss in Europa, das ist ja nur ein Reflex darauf, wie drängend es ist", sagte Sinn. "Wenn wir diese Bankenunion machen, dann gnade uns Gott."

Schon die Geburtsstunde des Euro sei ein "Rettungsschirm" für die Länder Südeuropas gewesen. "Als der Maastrichter Vertrag geschlossen wurde, da waren die Länder Südeuropas praktisch schon pleite. Italien, Spanien, Portugal mussten für ihre Staatsschulden Zinsen von 12 Prozent zahlen. Griechenland von 25 Prozent pro Jahr. "Der Euro war der Rettungsschirm für die südeuropäischen Staaten", sagte Sinn. Die niedrigen Zinsen in der Eurozone hätten einen künstlichen Boom in der Eurozone ausgelöst - bis die Euro-Krise zuschlug und die Finanzierung der südeuropäischen Staaten nur noch über Krisenmaßnahmen gewährleistet werden konnte. Am Ende habe nur noch das Versprechen von EZB-Präsident Mario Draghi, den Euro unter allen Umständen zu retten, sowie das QE-Programm der EZB für Entspannung gesorgt. Insgesamt habe die EZB seit 2015 mit frisch gedrucktem Geld Staatsanleihen im Volumen von 1.800 Milliarden Euro und Unternehmensanleihen im Volumen von 500 Milliarden Euro aufgekauft. "Dadurch wird heute viel verschleppt und verdeckt, weil marode Zombi-Kunden von Banken, die eigentlich schon längst pleitegehen müssten, künstlich über Wasser gehalten werden", sagte Sinn. Durch die Krisenpolitik der EZB habe es faktisch eine Vergemeinschaftung der Schulden in der Eurozone gegeben, obwohl dies durch den Maastricht-Vertrag eigentlich ausgeschlossen wurde.

Der eigentliche Grund der Finanzkrise sei eine viel zu geringe Regulierung und eine viel zu geringe Eigenkapitalausstattung der Banken gewesen. Auch die heute genannte Kernkapitalquote der Banken von 8 Prozent sei eine "Mogelpackung", weil bei der Berechnung der Kernkapitalquote viele Aktiva der Banken nur teilweise oder überhaupt nicht berücksichtigt würden. Die Kernkapitalquote von 8 Prozent entspreche in Wahrheit einer Eigenkapitalquote von nur 2 Prozent. "So lange wir die Banken so spielen lassen, werden wir immer einen Casino-Kapitalismus haben", betonte Sinn. Auch stehe die nächste Krise "schon ziemlich nahe vor der Haustüre", so Sinn.


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