Obwohl das Jahr erst drei Monate alt ist, mussten wir schon einiges mittmachen: Italienwahl, Zypernkrise, Nordkorea, Geldschwemme aus Japan, Abstufung Großbritanniens, Libor Skandal, BER Debakel, Dreamliner Desaster, Fiskalklippe. Was tat die Börse? Sie stieg. Nichts konnte die Kurse aufhalten. Jetzt könnte Ungemach drohen. Ein eigentlich unspektakuläres Ereignis zwang die Kurse in den USA Ende vergangener Woche in eine andere Richtung. Wider Erwarten handelte es sich dabei nicht um Staatspleiten, Hilfspakete, Bonitätsabstufungen oder Notenbankpolitik. Es war der US Arbeitsmarktbericht. Inzwischen erreichen die Indizes wieder neue Hochs. Der Schrecken war also nur von sehr kurzer Dauer. Das könnte allerdings trügerisch sein. Es ist durchaus möglich, dass die erste Korrektur des Jahres nicht von den üblichen Verdächtigen ausgelöst wird, sondern vollkommen überraschend von Konjunkturdaten – und die haben es in sich, auch wenn es die Kurse bisher nicht zeigen.

Überraschung

Der US Arbeitsmarktbericht war für Investoren eine böse Überraschung. Nach 268.000 neu geschaffenen Stellen im Vormonat wurde für März mit 190.000 Stellen gerechnet. Es wurden lediglich 88.000. Damit wird die Börse von der Realität eingeholt. Anfang März fielen die Vereinigten Staaten von der Fiskalklippe. Eine negative Reaktion blieb an den Börsen aus. Einen Monat nach dem Sturz zeigen sich die ersten Konsequenzen. Wie überraschend das nun wirklich ist, sei dahingestellt. Es ist aber ein guter Anlass, einen Blick auf die wirtschaftliche Lage der USA zu werfen, schließlich ist die Welt noch immer vom Wohl der größten Volkswirtschaft abhängig.

Insgesamt arbeiten in den USA derzeit ca. 135 Mio. Menschen (total non-farm). Der erste Chart zeigt die Entwicklung dieser Beschäftigtenzahl (Workforce). Die Daten sind nicht saisonal adjustiert, daher ergibt sich das wellenartige Bild. Es zeigt die monatlichen Schwankungen sehr gut. Dabei folgt die Gesamtzahl einem immer gleichen Muster: dem ersten Anstieg folgt ein scharfer Zacken nach unten, dann ein kleiner usw. Im Februar haben wir den scharfen Zacken gesehen, im März die darauffolgende Aufwärtsbewegung. Im konjunkturellen Aufschwung ist diese Aufwärtsbewegung stärker als der vorherige Rückgang. Im Abschwung ist es umgekehrt, der scharfe Zacken nach unten also größer als die darauffolgende Aufwärtsbewegung. Der März 2013 war diesbezüglich äußerst ernüchternd, denn die Erholung war geringer als der Rückgang im Februar. Im April sollte jetzt wieder ein Rückgang erfolgen, der vor allem durch den öffentlichen Sektor getrieben sein dürfte (rote Linie). Hier verhalten sich die Wellen genauso wie bei der Gesamtzahl, allerdings sind die großen und kleinen Zacken versetzt. Geht die Gesamtzahl stärker zurück, verzeichnet der öffentliche Sektor einen kleineren Rückgang.

Mit einem insgesamt schwächeren Umfeld und dem stetigen Abbau von Stellen im öffentlichen Sektor seit Mitte 2010 ist im April mit keiner Trendwende zu rechnen. Beunruhigend ist das Muster seit Jahresanfang, weil es jenem von 2008 und 2000 zu ähneln droht. Jedes Mal, wenn die Erholung nach dem scharfen Zacken unter dem Ausgangswert endete, trat eine Trendwende am Arbeitsmarkt ein. Für die USA hieße das ein vorläufiges Ende der Erholung. Der Zusammenhang zwischen den Mustern am Arbeitsmarkt und dem Dow Jones ist auch noch einmal im nächsten Chart dargestellt. Die Divergenz, die sich momentan zwischen Beschäftigung und Index ergibt, ist ungewöhnlich und mahnt zur Vorsicht. Selten hat sich eine solche Divergenz zu Gunsten der Indizes aufgelöst. Fairerweise muss man natürlich sagen, dass auch noch nie zuvor die Notenbank Fed eine so aktive Rolle in der Kursgestaltung der Indizes gespielt hat.

Untermauert wird diese Möglichkeit noch von der Gesamtzahl der Einstellungen. Dieser Wert beinhaltet neu geschaffene Stellen, aber auch die Jobwechsel. Der dritte Chart zeigt deutlich, wie wenig dynamisch der Arbeitsmarkt in den USA noch immer ist. Seit Mai 2012 bildet sich ein Plateau aus. Auch das verheißt nichts Gutes. Im Gegenteil: der März Wert war so schlecht, dass sich im April eine Trendwende zum Schlechten andeutet.

Die US Wirtschaft muss man damit noch nicht komplett abschreiben. Immerhin wächst sie noch und die Stimmungsindikatoren sind noch im positiven Bereich. Der ISM Index, der die Stimmung der Einkaufsmanager widerspiegelt, zeigt mit einem Wert von 51,3 noch Expansion an. Der Index zeigt allerdings auch klar eine gewisse Erschöpfung oder sogar einen Abwärtstrend. Damit ist es nicht vollkommen unmöglich, dass der Wert im April oder Mai unter die Marke von 50 fällt. Das würde auf Kontraktion der Wirtschaft hindeuten. Ein Abwärtstrend ist kein Problem. Die Phase von 2004 bis 2008 zeigt das. Kritisch ist die Unterschreitung der 50er Marke dafür umso mehr. Der Aktienmarkt konnte sich in diesen Fällen einer Korrektur nicht entziehen.

Die Verbraucherstimmung, die von der Uni Michigan erhoben wird, zeigt momentan noch einen Aufwärtstrend. Die Divergenz zwischen ISM und der Verbraucherstimmung ist äußerst ungewöhnlich. Im Zweifelsfall kann den Einkaufsmanagern aber mehr vertraut werden. Sie haben einen gewissen Vorlaufcharakter. Die meisten Hochs wurden zwei Monate vor dem Hoch des Verbrauchervertrauens ausgebildet. Auch hier gilt natürlich: die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht haben ja diesmal die Verbraucher Recht und nicht die Manager.

Die Abkühlung der US Wirtschaft hat auch für die Weltwirtschaft Folgen. Die USA sind der weltgrößte Importeur (von fast allem). Das monatliche Handelsbilanzdefizit beträgt stattliche 40 Milliarden Dollar. Wenn die USA weniger importieren, schlägt sich das also auf dem Weltmarkt nieder. Der nächste Chart zeigt den Verlauf von Importen aus ausgewählten Ländern. Die Importe aus China verlaufen noch in einem Trend. Für Mexiko, Japan und Deutschland hat sich allerdings bereits ein Top gebildet. Aggregiert man die Daten der einzelnen Länder auf (rechte Skala), dann zeigt sich auch hier eine Trendumkehr. Der saisonale Abschwung konnte nicht mehr auf einem höheren Tief enden als das vorherige Tief. Damit kann entweder eine Stagnation eintreten oder ein weiterer Rückgang wie z.B. 2000-2002. Für die Weltwirtschaft ist das kein gutes Signal.

Was bringt die Zukunft?

Die Daten unterstützen momentan keinen Optimismus – ganz im Gegensatz zu den Kursen. Fast täglich werden neue Hochs erreicht. Vollkommen unbegründet ist das nicht, denn die Wirtschaftsdaten setzten sich nicht unbedingt 1:1 in Unternehmensgewinne um. Die beginnende Bilanzsaison kann die Indizes noch einmal nach oben treiben. Früher oder später holen die Fundamentaldaten aber auch die Börse ein. Es besteht natürlich Grund zu der Hoffnung, dass es sich nur um eine kleine Wachstumsdelle handelt, die von der Fiskalklippe verursacht wurde, der private Sektor aber weiterhin robust wächst. Erst mit den April und Mai Daten wird sich zeigen, wohin die Reise tatsächlich geht. Bis dahin sind steigende Kurse denkbar.

Grund zur Sorge gibt es dennoch genug. Trotz steigender Kurse sind die Renditen auf sichere Staatsanleihen in den letzten Wochen gesunken, der Ölpreis als guter Konjunkturindikator brach regelrecht nach unten weg und Gold konnte sich stabilisieren. Wirklich negative Konjunkturaussichten gibt es nicht. Alle Prognosen sind positiv. Es geht immer nur um die Frage, wie schnell das Wachstum anzieht bzw. wie schnell immer neue Hochs an den Börsen gesehen werden. Kaum jemand hat ein Szenario auf dem Radar, welches auch eine andere Richtung kennt. Allein das sollte stutzig machen. Zusammen mit der extrem niedrigen Volatilität kann die Stimmung schnell kippen.

Für den Dow Jones wird es in der am Mittwoch erreichten Range von 14.800 bis 15.000 Punkten eng. Favorisiert ist ein weiterer Ausbruch nach oben. Ausgehend von den derzeitigen Kursniveaus sollten Anleger aber nicht von einer plötzlichen und heftigen Korrektur überrascht werden. Enge Stops sollten gesetzt sein. Kommen die Kurse ins Rutschen liegen die Ziele bei 14.000 und ggf. 12.900 Punkten.

Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf eine Tradevorstellung. Es gibt keinen Grund, nicht weiter an steigenden Kursen zu partizipieren. Die Risiken für eine schmerzhafte Korrektur sind allerdings hoch. Das sollte bei allem Freudentaumel über immer neue Rekorde nicht vergessen werden.

Viel Erfolg

Clemens Schmale