Telekommunikation und Informatik klingt weder einzeln noch als Kombination besonders sexy. Es klingt auch nicht nach einer weltbewegenden Revolution. Was dem Namen an Attraktivität und Schwung fehlt, wird durch das Potential mehr als wettgemacht. Der Markt für Telematik wächst mit rasantem Tempo. Seit der Krise 2009 verging kein Jahr, indem der Zuwachs geringer war als 20%. Die Aktien ziehen entsprechend mit – derzeit noch ohne allzu große Übertreibung.

Rasantes Wachstum

Telematik – die Kombination aus Kommunikationstechnologie und Informatik – ist ein vielseitiger Markt. Derzeit ist das Thema vor allem auf den Automarkt fokussiert. Hier geht es um die Kommunikation von Maschine zu Maschine (M2M), der Vernetzung von Benutzer und Auto und Maschine zur Cloud (um Inhalte verfügbar zu machen wie Internetradio, Dokumente, Google Maps etc.). Dabei handelt es sich weniger um eine Revolution als um eine Evolution. Vernetzung ist seit Jahren ein Thema, das große Aufmerksamkeit genießt. In vielen Bereichen bleibt der Begriff Vernetzung vage und es ist nicht zu erkennen, was es eigentlich bringen soll. Der Nutzen von Vernetzung zeigt sich im Bereich Consumer Telematics aber sehr gut und vor allem konkret. Über Telematik wird ein Auto z.B. mit Medien vernetzt, was den gesamten Komplex von Entertainment umfasst. Dazu gehört Internetradio ebenso wie Fernsehen für Mitfahrer/Kinder. Neben solchen netten Spielereien gibt es auch ganz praktische Anwendungen wie das Tracking von Fahrzeugen, Positionierung, Diebstahlsicherung bzw. Verfolgung von Fahrzeugen nach Diebstahl, Fernanalyse von Problemen/Schäden und Sicherheitsdienste. Wie gesagt, das meiste davon klingt nicht besonders sexy. Telematik ist praktisch und Praktisches hat ein enormes Potential. Das zeigt das hohe Wachstum des Marktes. Die erste Grafik zeigt den Auto- und Telematikmarkt. Viele Autos sind noch nicht mit Telematik Hardware und Software ausgestattet. Das wird sich in Zukunft ändern. Derzeit werden zwischen 80 und 90 Millionen Fahrzeuge pro Jahr verkauft (rechte Skala in der ersten Grafik). Allein eine zunehmende Marktdurchdringung bedeutet gigantisches Wachstum. Vor wenigen Jahren waren gerade einmal 10% der Neuwagen mit Telematik Lösungen ausgestattet. Bis 2018 wird es knapp die Hälfte aller Neuwagen sein.

Der Telematikmarkt hatte gewisse Anlaufschwierigkeiten. Bis 2011 gelang es dem Markt nicht, die 5 Milliarden-Dollar-Grenze zu überschreiten. Das lag zum einen an der Reife der Technologie und zum anderen an den Kosten. Ein Telematiksystem für ein Auto kostete 2003 im Durchschnitt noch 2000 Dollar. Inzwischen sind die Kosten auf unter 700 Dollar gesunken und werden bis 2018 noch einmal um 50% sinken. Damit erschließt sich die Technologie nicht nur für das Hochpreissegment, sondern auch für den Massenmarkt. Der Primärmarkt für Autotelematik kann von derzeit 5 Milliarden auf 20 Milliarden im Jahr 2018 ansteigen. Der Markt für Service, Ersatzteile usw. sollte sich bis 2018 verdreifachen.

Als Verbraucher und Anleger fragt man sich natürlich, ob es Telematik denn wirklich braucht. Ein Blick auf die Verkäufe von solchen Systemen in Europa beantwortet die Frage recht eindeutig. Seit 2008 haben sich die Verkäufe in Europa bereits fast verdreifacht. Das Wachstum liegt aller Voraussicht nach auch in den kommenden Jahren deutlich über 20%. Das hohe Wachstum lässt erahnen, dass es sich hier nicht um einen Trend handelt, der in wenigen Jahren wieder verschwunden ist. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Der Nutzen

Die Technologie wird in mehreren Bereichen eingesetzt. Die reine M2M Bereich lässt sich in mehrere Kategorien einteilen. Dazu gehört Sicherheit, Gesundheit, Überwachung, Tracking, Analyse und Steuerung. Nicht alle diese Bereiche haben direkt mit Autotelematik zu tun. In dem Bereich Gesundheit etwa geht es um die Fernüberwachung von Patienten über elektronische Geräte, die z.B. Herzfrequenz überwachen. Für den Automarkt ist der Bereich Sicherheit am weitesten entwickelt. Dabei geht es um das Registrieren von Unfällen, mobile Assistenz bei Unfällen oder Schäden, das Lokalisieren von Fahrzeugen, Vernetzung zum Notruf usw. Im reinen M2M Bereich ist das eine beeindruckende Vielfalt. Es geschieht hier alles vollkommen automatisch. Das ist eine tolle Sache. Die Zahlen belegen, dass ich mit meiner Einschätzung nicht alleine bin. Der Markt sollte in den nächsten zwei Jahren um 250% wachsen.

Treiber dieser Entwicklung sind nicht so sehr die Verbraucher. Hersteller von Autos wollen auf die Technologie allerdings nicht mehr verzichten. Viele Konsumenten erkennen zwar den Nutzen, fragen aber selten gezielt nach der Implementierung solcher Systeme. Das wird sich auch immer mehr ändern, denn auch für Verbraucher ergeben sich Kostenvorteile. So muss ein Auto in Zukunft für eine Überprüfung nicht mehr in die Werkstatt. Problem und Schäden können automatisch und frühzeitig erkannt werden. Für Elektrofahrzeuge kann erkannt werden, wann der benötigte Strom am günstigsten ist und entsprechend zu niedrigeren Stromtarifen geladen wird. Auch im Bereich der Kommunikation von Fahrer und Auto ist noch erhebliches Potential. Es geht um Warnsysteme und intelligente Erkennung von Gefahrensituationen. In Kombination mit Ortungssystemen ist dann der Autopilot nicht mehr weit.

Vorangetrieben wird die Technologie aber nicht allein von Herstellern und marginal dem Konsumenten, sondern auch von ganz anderen Industrien, wie der Versicherungswirtschaft und der Politik. In einigen Ländern gibt es Initiativen, für Neuwagen verpflichtende Notrufsysteme zu integrieren. Für die Versicherungswirtschaft ist Telematik absolut revolutionär. Über die Analyse von Fahrverhalten kann jeder Autobesitzer eine individuelle Prämie erhalten. Für viele Verbraucher kann das erhebliche Ersparnis bringen. Aus datenschutzrechtlicher Sicht gibt es hier sicherlich noch einige Fragezeichen. Bis diese endgültig geklärt sind, können aber immerhin Daten bei Unfällen gesammelt werden, sodass ein Unfallhergang sehr viel schneller und präziser nachvollzogen werden kann als bisher. Versicherungsunternehmen ersparen sich dadurch längere Verfahren und Sachverständige. Für Betroffene kann sich die Zeit, in der ein Schaden bearbeitet und ausbezahlt wird, erheblich verkürzen. Allein diese Möglichkeiten können für Autofahrer hohe Rabatte bei der Versicherung bedeuten.

In den USA entwickelt sich der Markt für Versicherungslösungen schnell. Derzeit sind zwar erst 3% aller versicherten Fahrzeuge mit Telematiklösungen ausgestattet, allerdings rechnet die Wirtschaft mit einer Ausweitung des Anteils auf ein Drittel bis Ende des Jahrzehnts. Das entspricht dann 60 Millionen Fahrzeugen in den USA. Die Fahrer können von geringeren Prämien, Zusatzleistung, verbesserter Sicherheit und Schnelligkeit im Schadenfall profitieren. Für Versicherungstarife werden Fahrer in Zukunft wahrscheinlich zwischen zwei Varianten wählen können: nach Gebrauch des Fahrzeugs (pay as you drive) und nach Fahrleistung (pay how you drive).

Die Technologie für alle beschriebenen Einsatzgebiete ist vorhanden und marktreif. Für den Endverbraucher wird die Marktdurchdringung noch Jahre in Anspruch nehmen. Im B2B Bereich (Business to Business) ist mit einer schnelleren Adaption zu rechnen. Gerade Transport- und Logistikunternehmen können durch Fahrt-, Fahrer- und Frachtkontrolle Kosteneinsparungen erzielen und für erhöhte Sicherheit sorgen. Für Anleger stellt sich nun die Frage, wie schnell sich dieser kaum aufzuhaltende Trend in Performance ummünzen lässt.

Telematik für Anleger

Bei Telematikunternehmen muss zwischen zwei Segmenten unterschieden werden. Das eine Segment ist die M2M Technologie, das andere – platt formuliert – alles andere. Im M2M Bereich ist die Marktkonzentration verhältnismäßig hoch. Sierra Wireless allein beansprucht über ein Drittel des Marktes für sich, gefolgt von Cinterion (Gemalto) mit 23%, Telit mit 18% und SimCom mit 13%. Da diese 4 Unternehmen den Markt praktisch beherrschen, wächst auch deren Umsatz im Einklang mit dem Markt. Das entspricht ca. 30% pro Jahr. Die Profitabilität ist zwischen den Firmen ungleich verteilt. Sierra Wireless schaffte es unlängst seit langem wieder in die Gewinnzone. Telit ist seit drei Jahren profitabel, allerdings mit erheblicher Volatilität, Gemalto ist ein Urgestein der Branche und solid profitabel. SimCom notiert leider nicht an der Börse. Müsste man den drei Unternehmen eine Rangordnung geben, dann stünde Gemalto sicherlich ganz vorne. Das Unternehmen ist kein reiner M2M Anbieter. Diese Diversifizierung reduziert die Volatilität erheblich. Telit ist das kleinste der drei Unternehmen, hat aber im reinen M2M Markt gute Chancen, sich zu behaupten. Sierra Wireless neigt zu Zukäufen und Verkäufen von Unternehmensteilen und ist damit nicht immer gut berechenbar. Das zeigt sich auch im Aktienkurs. Gemalto und Telit sind damit die zwei attraktivsten Kandidaten für Anleger.

Die nicht auf M2M Telematik Lösungen spezialisierten Anbieter sind zahlreicher als im ersten Segment. Zu den an der Börse notierenden Gesellschaften gehören IHS, Mix Telematics, CGI Group, NEC Corp, Raytheon, SWARCO, VeriServe, Amdocs und Novatel Wireless. Nicht alle dieser Unternehmen sind primär auf Telematik spezialisiert. Raytheon ist eigentlich ein Rüstungskonzern, der das Thema mehr am Rande aufgreift. Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über die Gewinnentwicklung der einzelnen Unternehmen und ihrer Spezialisierung. Die Geschäftsentwicklung gibt gewissen Aufschluss darüber, welches Unternehmen gut positioniert ist. Für Anleger, die sich auf das Thema Telematik fokussieren wollen, bieten sich nach den vier Kriterien (Sektor, Geschäftsverlauf, Chart, Zukunftsaussichten) nur drei Unternehmen an: MixTelematics, Gemalto und IHS.

In Mio. USD

2008

2009

2010

2011

2012

Sektor

IHS

99.00

135.00

141.00

135.00

158.00

Analytics

MixTelematics

57.00

69.00

66.00

72.00

103.00

Fleet Management

CGI

275.00

295.00

353.00

417.00

134.00

IT/Business Process Services

NEC

-3,025.00

116.00

-127.00

-1,124.00

System Integration

Raytheon

1,670.00

1,940.00

1,840.00

1,870.00

1,900.00

Rüstung

SWARCO

4.00

3.50

3.20

2.00

Traffic Management

VeriServe

298.00

97.00

173.00

36.00

Quality Services

Amdocs

379.00

326.00

343.00

346.00

391.00

Network/Data Efficiency

Novatel

-1.24

3.91

-33.40

-25.00

-90.00

M2M, Mobile Computing

MixTelematics ist eines der ganz wenigen spezialisierten Unternehmen, die seit längerem profitabel arbeiten. Mit dem Fokus auf das B2B Geschäft und einer klar dominierenden Position ist das Unternehmen gar nicht mehr wegzudenken. Gemalto wiederum bietet Sicherheitslösungen für Telematiksysteme an. Das Thema Datenverarbeitung und Sicherheit wird mit steigender Marktreife und Marktdurchdringung immer wichtiger werden. IHS ist ein etablierter Anbieter von Datenverarbeitung, -Bereitstellung und Analyse. Das ist ein Bereich, der auch unabhängig von Telematik großen Erfolg hat. Die enorme Datenmenge, die heutzutage vorhanden ist, muss geordnet, priorisiert und analysiert werden. Wachstum in Bezug auf Telematik ergibt sich vor allem durch Versicherungslösungen. Damit eine Versicherung entsprechen Tarife berechnen kann, braucht sie analytische Services.

Alle drei Unternehmen weisen starke Trends auf. Eine Investition hat aber keine Eile. Die Branche konsolidiert seit einigen Wochen und wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen, um die Konsolidierung abzuschließen. Der Sektor bewegt sich auf die Marktreife zu. Die eigentliche Marktdurchdringung ist zwar noch gering, aber die Produkte sind weit fortgeschritten. Nach einem ersten Höhenflug der Aktien vor 2008 kam mit dem Bärenmarkt eine große Ernüchterung. Die Bodenbildungsphase dauerte teils zwei Jahre. Seitdem lässt sich bei einem Großteil der Unternehmen ein schöner Rounding Bottom erkennen, der sich seit einigen Monaten in solide, langfristige Aufwärtstrends wandelt. Besonders ist hier wieder Mix Telematics hervorzuheben (Langfristchart bei Morningstar). Nach einer bereits laufenden Konsolidierung hat die Aktie mittelfristig Verdopplungspotential.

Viel Erfolg

Clemens Schmale

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse nicht investiert.