Hallo liebe Leserinnen und Leser,

vergangene Woche habe ich Ihnen an dieser Stelle das Ausbruchstrading als den wichtigsten meiner Handelsansätze definiert, in der heutigen Ausgabe der Wochenendkolumne werden wir uns einem weiteren Handelsstil zuwenden: Dem Extrematrading.

Als Extrema werden in der Mathematik lokale und globale Maximal- und Minimalwerte genannt. Vergleicht man nun einen Kursverlauf mit der grafisch dargestellten Kurve einer mathematischen Funktion, lassen sich die Begriffe analog auf die Börse übertragen: Ein globales Minimum entspricht also einem Allzeittief im Kursverlauf eines Basiswertes, ein lokales Maximum stellt demnach ein temporäres Zwischenhoch dar.

Das Extrematrading ist ein antizyklischer und damit spekulativer Handelsansatz, bei dem versucht wird, einen Einstieg entgegen der Marschrichtung in einem sich schnell bewegenden Basiswert zu finden. Ziel dabei ist es, die Position nach einer Gegenbewegung mit einem Gewinn zu verkaufen. Ferner besteht in einigen wenigen Fällen die Chance, eine Trendwende zu erwischen und die Position anschließend z.B. mit einem Trailing Stop versehen weiter laufen zu lassen.

Man versucht also, ein lokales Hoch oder Tief zu erwischen, um anschließend ein paar Punkte in die Gegenrichtung der laufenden, dynamischen Trendbewegung mitzunehmen oder aber in wenigen Fällen. Dabei kommt es nicht darauf an, exakt am Tief oder am Hoch eines Basiswertes in den Trade zu kommen, das wird sehr selten passieren. Vielmehr wird im Vorfeld ein Preisbereich, eine Kauf- bzw. Verkaufszone definiert, wo einer oder mehrere Einstiege stattfinden.

Was ist die Idee dahinter? Wie schon erwähnt, man möchte eine Gegenbewegung oder ggf. eine Trendwende handeln. Die Gegenbewegung zu handeln ist dabei das Primärziel des Trades, eine Trendwende zu spielen nur das optionale Sekundärziel, das aber nur selten in Frage kommt. In erster Linie möchte man also einen kurzen Abbau des überkauften oder des überverkauften Zustandes des Basiswertes handeln. Es wird mit Hilfe der Charttechnik versucht, Übertreibungsphasen innerhalb eines Kursverlaufs ausfindig zu machen und sich anhand eines strikten Tradingkonzepts gegen die Trendrichtung zu positionieren. Dabei wird antizyklisch agiert, was generell riskanter ist, als prozyklisch mit dem Trend zu gehen.

Wie geht man vor? Nehmen wir das Beispiel eines abstürzenden Basiswertes. Überall liest und hört man die Börsenweisheit: "Greife nicht in das fallende Messer!". Generell richtig, aber auch schon zu einfach. Dieser Spruch mag sicher als Leitlinie für Anfänger dienen, jedoch müsste man ihn für den erfahrenen Trader leicht modifizieren: "Greife nicht in das fallende Messer ohne den richtigen Handschuh an!". Der Handschuh ist in diesem Fall eine Metapher für charttechnische Unterstützungen (dazu zählen horizontale Elemente, steigende/fallende Trendlinien, gleitende Durchschnittslinien und Fibonacci Retracements). Dabei gilt: Umso mehr Unterstützungen sich in einem Preisbereich schneiden, um so wahrscheinlicher wird es, dass der Kursrutsch dort temporär endet. Man versucht also, Kreuzunterstützungen als Einstiegspunkte zu wählen. Diese sind umso "stärker", je mehr Chartelemente dort liegen und desto markanter (vielfach wahrgenommen vom Kurs) sie sind. Keinesfalls sollte "blind", also an beliebigem Pukt, in das Messer gegriffen werden.

Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Gerresheimer am 08.10.2012. Würde Sie hier auf Anhieb erkennen, wo man diesen heftigen Kursrutsch auffangen könnte?


Anbei nun der Originalchart aus der Analyse vom 09.10.2012 mit eingezeichneten Chartelementen. Der erste Abschnitt des Originaltexts lautete:

"Die Gerresheimer Aktie wurde in den letzten Tagen stark abverkauft, heute findet ein bullisches Reversal an der Kreuzunterstützung aus Aufwärtstrendlinie, EMA200 (rot) und horizontal 36,33 - 36,67 Euro. Die Aktie befindet sich also auf potenziellem Kaufniveau, eine Kurserholung bis mindestens 37,60 - 38,10 und idealerweise 39,10 - 39,40 Euro sollte jetzt folgen."


Zuletzt nun der anschließende Kursverlauf. Es wurden beide Erholungsziele erreicht.


Dies ist gewiss ein Idealbeispiel, wie es nicht immer zu sehen ist. Allerdings zeigt es sich hier, wie wichtig es ist, Kreuzunterstützungen für diesen Ansatz zu nutzen. Bei 37,58 - 37,65 lag nämlich weiter oben schon eine horizontale Unterstützungszone (Hoch vom 20.06., Tief vom 02.08.). Dieser einfache Horizontalunterstützungsbereich wurde aber direkt durchschlagen. Erst an der dreifachen Kreuzunterstützung bei 36,33 - 36,67 Euro konnte der Kurs wieder deutlich nach oben drehen und die erwartete Erholung vollziehen. Umso mehr Chartelemente in einer Zone zusammenlaufen, umso wahrscheinlicher ist eine Reaktion an diesem Bereich.

Wie handele ich nun solche Übertreibungen? Es erfolgen Einstiege in Long- oder Shortpositionen an markanten Kreuzunterstützungen bzw. Widerständen. Dies kann direkt per Kauf- oder Verkaufslimit geschehen oder aber nach Beobachten des Verhaltens an dieser Preiszone. Zweitere Variante hat den Vorteil, bereits Ansätze auf eine Trendwende in niedrigen Zeitebenen zu erhalten und damit erhöhte Wahrscheinlichkeitswerte der erwatteten Gegenbewegung vorzufinden. Der Nachteil ist dann allerdings, dass sich der Kurs womöglich schon von seinen Tiefs nach oben gelöst hat und man dadurch einen etwas schlechteren Einstieg erhält. Ein anderer Vorteil beim späteren Einstieg ist der Blick auf das Handelsvolumen. Umso höher es in einem Tiefpunkt bzw. Hochpunkt ist, umso wahrscheinlicher wird anschließend eine Gegenbewegung. Im Idealfall hat man mit einem temporären Maximum auch einen Volumenpeak, eine Umsatzspitze.

Einen Vorteil kann man sich dadurch verschaffen, indem man den übergeordneten Trend beachtet. Zwar agiert man dann im sehr kurzfristigen Zeitfenster antizyklisch, im übergeordneten Zeitfenster erwischt man hingegen einen Einstieg in Trendrichtung. Ein Beispiel dazu war die Huntington Analyse vom 21.02.2013. Hier wird innerhalb einer Aufwärtsbewegung seit November auf eine (kurzfristig) antizyklische Tradingchance nach zweitägigem Kursrutsch hingewiesen. Die Basis dafür bietet eine dreifache Kreuzunterstützung: Im Bereich bei 6,73 - 6,82 $ lagen nämlich das offene Gap vom 17.01.2013, der EMA50 (blau) sowie eine hier nicht eingezeichnete Aufwärtstrendlinie (maximale Auflagepunkte an allen November- und Dezembertiefs). In diesem Chartbeispiel wird auch die Möglichkeit zweier Einstiegspunkte angedeutet, also die geplante Longposition zu splitten (durchgezogener und gestrichelter blauer Pfeil).


Anbei nun der weitere Kursverlauf bis jetzt. Der Vorteil eines solchen antizyklischen Einstiegs im übergeordneten Trend ist auch ersichtlich: Hier konnte auf mehr als nur eine Gegenbewegung anch oben hin gesetzt werden. Es kam tatsächlich zur kompletten Neutralisation des Kursrutsches und einer Rückkehr zu den Jahreshochs - im übergeordneten Aufwärtstrend seit November kein Wunder. Eine "große" Trendwende am Ende eines Abwärtstrends zu erwischen ist um einiges schwerer, als einen solche "kleine" Trendwende innerhalb eines übergeordneten Aufwärtstrends.


Wie sichere ich mich ab und wo steige ich aus? Auch im antizyklischen Ansatz haben wir klare Unterstützungen definiert, deren Bruch prinzipiell das erwartete Szenario kippt. Eine sinnvolle Absicherung kann also ein Stück unterhalb des definierten Unterstützungsclusters erfolgen. Da wir es beim antizyklischen Ansatz oftmals mit sehr dynamischen Bewegungen zu tun haben macht es Sinn, den Stop Loss sogar noch etwas weiter weg zu legen, um nicht durch überschießende Bewegungen ungünstig ausgestoppt zu werden. Das bedeutet nicht, dass man mit einem weiter entfernten Stop Loss mehr Einsatz riskiert. Die Position muss dann entsprechend verkleinert werden, um die Depotvorgaben des maximalen Verlusts pro Trade einzuhalten. Erste Gewinnmitnahmen bieten sich an Chartelementen wie horizontalen Unterstützungen / Widerständen, Trendlinien oder Fibonacci Retracements der vorangegangenen Trendbewegung an.



Fazit: Das Extrematrading ist ein hochspekulativer und entsprechend risikoreicher Ansatz, der aber auch enorme Chancen bietet. Es ist eine umstrittene Disziplin, die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Als spekulative Beimischung im Depot hat sie bei strikter Beachtung des Moneymanagements aber durchaus ihre Berechtigung. Die Vorteile sind: Günstiger Einstieg mit gutem Chance-Risko-Verhältnis, Positionen laufen schnell ins Plus. Die hohe Volatilität an Extrempunkten bietet dem kurzfristigen Trader jedoch nicht nur Chancen: Es besteht die latente Gefahr, die Heftigkeit einer Extrembewegung zu unterschätzen und in eine "Übertreibung der Übertreibung" hineinzugeraten, weshalb das Einhalten von Absicherungen höchste Priorität hat.

In den kommenden Ausgaben werde ich an dieser Stelle einen weiteren Handelsansätze vorstellen.

Ein schönes Wochenende und viel Erfolg,

André Rain - Technischer Analyst bei GodmodeTrader.de

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