Man muss den Redetext von Trump schon genau untersuchen, um alle Themenblöcke aufzählen zu können. An Themen hat es nicht gemangelt. Nicht weniger als 25 große Themenblöcke hat er in seiner Rede abgehandelt. Man kann auch sagen: die Rede war so vollgepackt, wie es nur eben ging.

ANZEIGE

Die amerikanische und internationale Presse hat seine Ansprache gelobt. Dabei kam es gar nicht so sehr auf die Inhalte an, sondern vielmehr auf den Ton. Dass der Ton die Musik macht, scheint nun auch Trump begriffen zu haben. Wie die Presse meint, sei er noch nie so präsidial gewesen. Selbst die New York Times - von Trump auf die Fake News Liste gesetzt - konnte sich zu einer ansatzweise positiven Beurteilung hinreißen lassen.

Was der Presse in ihrem Jubel vollkommen entgangen ist: schon die Siegesrede nach den Wahlen wurde durch die Bank weg als präsidial und versöhnlich gefeiert. Davon blieb nach den ersten Tweets nicht mehr viel übrig. Mal sehen, ob es dieses Mal anders ist. Persönlich habe ich da meine Zweifel.

Ob nun präsidial oder nicht, inhaltlich hatte es die Rede in sich. Um das zu erkennen, musste man die Rede nicht einmal hören. Die Börsenkurse sagten eigentlich alles. Die Euphorie kam unter anderem daher, dass Anleger neue Hoffnung schöpfen konnten. Die Rally seit der Wahl ist auf Hoffnungen begründet, Hoffnungen, dass der Staat mehr ausgibt, indem mehr investiert wird, die Regulierung gelockert wird, die Unternehmenssteuern gesenkt werden und die Mittelschicht entlastet wird.

Zuletzt begann die Hoffnung ein klein wenig zu bröckeln. Nun griff Trump all diese Themen wieder auf. Die Message ist damit klar: keines der großen Themen ist vergessen worden. Es wird daran gearbeitet und die Reformen werden kommen. Genau das wollten und mussten Anleger hören.

Noch wichtiger als die Bestätigung der Pläne war wohl aber das, was nicht gesagt wurde. Dabei wurde eine ganze Menge nicht gesagt. Der aggressive Ton gegenüber China und Mexiko kam nicht vor. Weder wurde erwähnt, dass Mexiko für die Mauer zahlen wird, noch wurden Zölle von 35-45 % auf mexikanische und chinesische Importe angedroht. Auch China als Währungsmanipulator zu brandmarken war kein Thema.

Bessere Beziehungen zu Russland wurden nicht erwähnt, allerdings bekundete Trump, dass er auf generell gute Beziehungen mit derzeitigen Freunde und ehemaligen Feinden hofft. Vermutlich wurde auch deswegen nicht erwähnt, dass der Atom-Deal mit dem Iran unbedingt weg muss.

Die Themen, die Anlegern vor allem Sorgen bereitet haben (groteske Zölle, Währungs- und Handelskrieg, überbordender Protektionismus), wurden nur am Rande oder gar nicht erwähnt. Das ist erst einmal eine Erleichterung. Ob es dann auch so kommt, wird man sehen.

Würde sich Trump an den Inhalten der Rede orientieren, sieht es gar nicht so schlecht aus, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Persönlich glaube ich es erst, wenn ich es erlebe. Das Vorgehen des Präsidenten war bisher etwas volatil. Insofern ist ein wenig Skepsis durchaus angebracht.

Angebracht bleibt die Skepsis auch, weil die Rede in einem Punkt wenig konziliant war. Die Verurteilung von illegal ins Land gekommenen Ausländern bleibt extrem scharf. Keine Frage, die USA können diese Zuwanderer abschieben usw. Es ist aber nicht zielführend, eine bestimmte Gruppe pauschal zu verurteilen und zu kriminalisieren.

Die USA sollen ihre Gesetze umsetzen wie Trump fordert. Was sie nicht tun sollen, ist eine bestimmte Gruppe von Menschen zu identifizieren, zu verurteilen und zum Sündenbock für alles zu machen. Das ist gefährlich und kann nur tragisch enden.

Clemens Schmale

Sie interessieren sich für Makrothemen und Trading in exotischen Basiswerten? Dann folgen Sie mir unbedingt auf Guidants!