Istanbul (Godmode-Trader.de) - Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im April Neuwahlen für den 24. Juni ausrief, dachten viele, das Ergebnis steht fest. In einer Doppelwahl werden Präsident und Parlament neu gewählt. Es wird ein zweifacher Sieg von Erdogan und seiner AKP-Partei, so wie bei allen Wahlen seit 2002. Klar! Doch in Umfragen schrumpft Erdogans Vorsprung, die Opposition ist im Kommen. Und selbst das Undenkbare scheint möglich: Das Erdogan verliert, oder sich zumindest einer Stichwahl um die Präsidentschaft stellen muss.

    Muharrem Ince, der Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Volkspartei (CHP), hat großen Anteil daran, dass der Ausgang der Wahl wieder offen ist. Die türkischen Massenmedien schweigen die Opposition weitgehend tot, doch Ince hat es mit seiner Anti-Erdogan-Strategie geschafft, dennoch auf sich aufmerksam zu machen. Er absolvierte in den vergangenen Wochen mehr als doppelt so viele Auftritte wie Erdogan. Und er gibt nun auf einmal die Themen vor und nicht die Regierungspartei. Seine CHP ist eine Allianz mit der neu gegründeten, rechtsnationalen IYI-Partei und der islamischen Saadet-Partei eingegangen. Beide würden ihn wohl in einer Stichwahl gegen Erdogan unterstützen.

    Ein Grund, dass Erdogan in den Umfragen abrutschte, ist auch die Währungskrise. Die türkische Lira gehört in diesem Jahr zu den weltweit schwächsten Währungen. Die Gründe für den Sinkflug sind nicht auf den ersten Blick erkennbar, denn die türkische Wirtschaft wächst - im vergangenen Jahr um mehr als sieben Prozent. Von dem wirtschaftlichen Einbruch nach dem Putschversuch im Sommer 2016 hat sich das Land also erholt.

    Doch es gibt zahlreiche Gründe für den Einbruch der Lira. Die Türkei muss viele Waren importieren, darunter Energie. Damit einher geht ein hohes Defizit in der Leistungsbilanz. Um diesen Fehlbetrag zu finanzieren, ist die Türkei auf ausländisches Kapital angewiesen. Da die Zinsen in den USA steigen, erscheinen auch Anlagen in der Türkei weniger attraktiv, die Investoren ziehen sich zurück. Mit dem Kapitalabzug geht dem Schwellenland allmählich die Luft aus. Auch die Wirtschaftspolitik macht der Lira zu schaffen: steigende Haushaltsdefizite und Staatsschulden sind ein großes Problem, das Wirtschaftswachstum ist zu einem großen Teil erkauft. Hinzu kommt, dass das Vertrauen der Anleger in das politische System sehr fragil ist.

    Das liegt auch an manchen Äußerungen Erdogans, etwa zu Notenbank, die er am liebsten kontrollieren würde, wie er offen zugegeben hatte. Solche Töne vergrault Investoren. Hintergrund: Erdogan ist ein Gegner hoher Zinsen, diese sind nach klassischer ökonomischer Lehre aber nötig, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Er empfiehlt dagegen Zinssenkungen. Der Wahlausgang dürfte somit mitentscheidend für die weitere Kursentwicklung der Lira sein.