Istanbul (Godmode-Trader.de) - Das Ausmaß überraschte: Während die meisten Bankvolkswirte und Analysten einen Zinsschritt in der Türkei angesichts der aktuellen Lira-Krise und grassierenden Inflation fast schon zwingend erwartet hatten, kam der vorgenommene ganz große Schritt der Währungshüter letztlich dann doch unerwartet. Die türkische Notenbank CBRT erhöhte den Zinssatz für einwöchiges Notenbankgeld von 17,75 auf 24,00 Prozent. Das ist eine Straffung um satte 625 Basispunkte!

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    Man werde den strafferen geldpolitischen Kurs durchziehen, bis es Verbesserungen bei der Inflation gebe, teilten die Notenbanker mit. Diese lag im August bei annähernd 18 Prozent. Falls nötig sind weitere Zinserhöhungen notwendig, hieß es aus Ankara. „Bei der Entscheidung der Türkischen Zentralbank war es ein Bangen um das Ergebnis“, kommentierte Garland Hansmann, Portfolio Manager Investec Multi Asset Credit den Zinsentscheid. „Der Markt war besorgt, dass die Zentralbank nur wenig oder gar nicht die Zinsen erhöhen würde, was der Krise in der Türkei neuen Zunder geben würde“.

    Der Grund der Besorgnis liegt in Staatspräsident Recep Erdogan stets wiederholten mantraartigen Forderungen, Zinssenkungen vorzunehmen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Aber trotz seiner Einlassungen habe sich die Zentralbank dazu entschieden, den Zins zu erhöhen, lobte Experte Hansmann. Diesen Schritt werde der Markt als ausreichend starkes Signal ansehen, um der Krise zumindest etwas entgegenzuwirken.

    Die tatsächliche Straffung der monetären Bedingungen wird tatsächlich weniger als die heute verfügten 6,25 Prozent betragen. Vor der Sitzung hatte die Notenbank in Ankara den Geschäftsbanken über ihre Tagesgeldfazilität Liquidität mit einem Zinssatz von 19,25 Prozent zur Verfügung gestellt. Die CBRT erklärte jedoch, dass sie nun wieder alle Mittel über die Benchmark-Repo-Fazilität für eine Woche bereitstellen wird. De facto aber läuft die heutige Entscheidung auf eine etwas bescheidenere Straffung von 4,75 Prozent hinaus.

    Dennoch wird die Tatsache, dass die türkischen Notenbanker ziemlich aggressive Maßnahmen ergriffen haben, Bedenken hinsichtlich einer erodierenden Unabhängigkeit zerstreuen. Auch am Devisenmarkt war die Reaktion eindeutig. Die Lira hat sich seit der Entscheidung um zwischenzeitlich rund vier Prozent gegenüber dem Dollar erholt. Höhere Zinssätze werden dazu beitragen, größere ausländische Kapitalzuflüsse in die Türkei zu transferieren. Dies wiederum könnte dazu beitragen, die Rollover-Risiken im Bankensektor zu reduzieren, der eine hohe Belastung durch kurzfristige Auslandsverschuldung aufweist.

    Das einzige, was der CBRT anzulasten ist, ist vielleicht der späte Zeitpunkt für die Maßnahme. Bereits im August hätte eine ausgeprägte Zinserhöhung die Krise womöglich abgemildert. Die Notenbank ließ die Lira im August einbrechen und erklärte nur, dass sie reagieren würde, wenn die Inflationszahlen weiter nach oben gingen. Was dann ja auch passierte. Die Jahresrate kletterte von 15,8 Prozent im Juli auf 17,9 Prozent im August.

    Als nächstes ist nun zu beobachten, wie Präsident Erdogan auf die Entscheidung der CBRT reagieren wird. In seinen heutigen Kommentaren bekräftigte er seine Ablehnung hoher Zinsen und bescheinigte der CBRT eine desaströse Erfolgsbilanz. Diese hat sich mit ihrer heutigen Entscheidung nun etwas Zeit gekauft. Jedes Anzeichen jedoch, dass Erdogan versuchen wird, seinen Einfluss auf geldpolitische Entscheidungen wieder geltend zu machen, könnte schnell dazu führen, dass die Marktstimmung wieder dreht.