Keine Frage: Deutschland ist eines der wirtschaftlich leistungsfähigsten und erfolgreichsten Länder weltweit, wie man zum Beispiel am Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der Summe aller in einem Jahr hergestellten Waren und Dienstleistungen, ablesen kann. Aber der wirtschaftliche Erfolg schlägt sich weder in einem besonderen Reichtum bei den Privatpersonen noch beim deutschen Staat nieder. Ganz im Gegenteil: Der deutsche Staat gehört weltweit sogar zu den eher ärmeren Staaten, wie eine neue IWF-Studie ergeben hat.

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Die IWF-Studie liefert erstmals ein umfassendes Bild der Vermögenslage vieler Länder weltweit. Bei der Ermittlung des Vermögens ging der IWF so vor, wie auch Unternehmen vorgehen, wenn sie eine Bilanz aufstellen: Erstmals wurden sowohl sämtliche Vermögenswerte als auch Verbindlichkeiten der Staaten ermittelt und einander gegenübergestellt. Die IWF-Studie folgt also dem Prinzip der "doppelten Buchführung", wonach sich das Reinvermögen aus der Differenz zwischen den Vermögenswerten und Verbindlichkeiten (Schulden) ergibt.

Staaten hingegen wirtschaften oft anders und wissen meist nicht einmal, welche Vermögenswerte und Verbindlichkeiten sie tatsächlich besitzen, wie die IWF-Studie ergeben hat. Stattdessen liegt der Fokus bei den Staatsfinanzen meist darauf, Einnahmen und Ausgaben auszugleichen, was oft nur durch die Aufnahme neuer Schulden möglich ist.

Die IWF-Studie bezieht auch Vermögenswerte und Verbindlichkeiten in ihre Betrachtung mit ein, die sonst oft unter den Tisch fallen, etwa die in einem Land vorhandenen Bodenschätze, die Pensionsverpflichtungen der Staaten für ihre Beamten sowie die Vermögenswerte und Verbindlichkeiten von Unternehmen in staatlichem Besitz und staatlichen Zentralbanken.

Die westlichen Staaten schneiden in der IWF-Analyse sehr schlecht ab. So ist etwa in Ländern wie den USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien das Nettovermögen der Staaten negativ. Die Staaten haben jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt und sitzen auf riesigen Schuldenbergen und gigantischen, oft unfinanzierten Pensionsverpflichtungen.

Im Falle Deutschlands sind die öffentlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen (anders als etwa die Pensionsverpflichtungen für Beamte) gar nicht in der Analyse enthalten, weil sie nach IWF-Lesart nicht dem Zentralstaat, also der Bundesrepublik, sondern den Beitragszahlern gehören. Wären auch die öffentlichen Versicherungen in der Analyse enthalten, würde die Bilanz für Deutschland wohl noch deutlich schlechter ausfallen.

Zu den weltweit wohlhabendsten Staaten im Verhältnis zum jeweiligen BIP gehören Norwegen, Russland, Kasachstan und Australien, was vor allem an den in diesen Ländern reichlich vorhandenen Bodenschätzen sowie im Falle Norwegens auch an dem aus Öleinnahmen gespeisten norwegischen Staatsfonds liegt. Die nach dem Nettovermögen im Verhältnis zum jeweiligen BIP ärmsten Staaten laut IWF-Analyse sind Portugal, Großbritannien und Gambia.

Die Grafik zeigt als schwarzen Strich das Nettovermögen der jeweiligen Staaten im Verhältnis zum BIP. Vermögenswerte sind als blaue Balken, Verbindlichkeiten als rote Balken dargestellt. Die gelben Rauten entsprechen den Finanzschulden der jeweiligen Zentralregierung.

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Im Falle der Schwellenländer (in der Grafik nicht aufgeführt) liegt China laut IWF-Analyse beim Nettovermögen des Staates in Bezug zum BIP ganz vorne.

Als Resultat aus der Studie fordert der IWF die Staaten dazu auf, besser über die Vermögenswerte und Verbindlichkeiten Buch zu führen. Nur so sei ein solides wirtschaften im Sinne der Bürger des jeweiligen Landes möglich.

Hier geht es zur IWF-Studie: The Wealth of Nations: Governments Can Better Manage What They Own and Owe


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