Der Westen ist mit sich selbst zufrieden, weil die Sanktionen zu wirken scheinen. Ob die Wirkung auch wirklich Sinn macht, sei dahingestellt, denn Russland exportiert nach wie vor fast genauso viel wie vor den Sanktionen, importiert aber einfach weniger. Die Exporte sind leicht rückläufig, was allerdings eher den sinkenden Preisen bei Öl zuzuschreiben ist als den Sanktionen. Die Importe hingegen brechen nahezu weg. Damit fehlen europäischen Ländern mehrere Milliarden Einnahmen während Russland wieder autarker wird.

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Mittel- bis langfristig wird das Fehlen gewisser Importe aus dem Bereich Hochtechnologie zum Problem. Kurzfristig macht sich das kaum bemerkbar. Viel problematischer sind die Sanktionen im Bereich des Kapitalmarktes. Hier machen sich die Folgen bereits jetzt deutlich bemerkbar. Ein Blick auf den Rubelkurs genügt, um festzustellen, dass hier etwas nicht stimmt. Seit Juli hat die Währung fast ein Viertel abgewertet. Damit ist die Währung so schwach wie seit der Währungsreform 1998 nicht mehr.

Die russische Zentralbank sieht das noch relativ gelassen. Die Interventionen halten sich in Grenzen. Grafik 1 zeigt die Interventionen seit Beginn der Finanzkrise. 2008 wurde der Rubel mit Beträgen von 30 bis 60 Mrd. USD pro Monat gestützt. Seitdem ist es ruhig geworden. Im Februar/März 2014 stützte die Zentralbank mit insgesamt 30 Mrd. die Währung. Seitdem ist nicht viel passiert. Erst jetzt im Oktober beginnt die Notenbank wieder zu intervenieren. Bis zum vergangenen Wochenende waren es knapp 12 Mrd. USD.

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Die Intervention hat nicht viel gebracht. Der Rubel verliert nach wie vor weiter an Wert. Die Notenbank müsste also viel größere Beträge in die Hand nehmen, um etwas zu bewirken. Trotz der Interventionen ist der Rubel um 2,4% schwächer geworden. Man kann sich vorstellen, dass es noch deutlich mehr gewesen wäre, hätte die Zentralbank nichts unternommen.

Nach Ende der Finanzkrise hat Russland einen Teil der Interventionen wieder rückabgewickelt, d.h. sie hat Rubel gegen USD verkauft. Seit 2013 kauft die Notenbank unterm Strich wieder Rubel gegen USD. In den vergangenen anderthalb Jahren wurden 70 Mrd. USD aufgewendet, um die eigene Währung zu stützen. Gebracht hat es nichts.

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Dass die Notenbank nun überhaupt interveniert, zeigt, dass sie die Währung noch nicht aufgegeben hat. Die Wirkungslosigkeit zeigt aber auch, dass sie noch sehr viel mehr tun müsste. Ob sie das auf Dauer kann ist fraglich. Die Reserven der Notenbank sind hoch. Sie erreichten ihr bisheriges Hoch kurz vor der Finanzkrise mit 600 Mrd. USD. Dann gingen die Reserven stark zurück – ziemlich genau um den Betrag, der für die Interventionen aufgewendet wurde.

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Bevor die aktuelle Krise begann hatte die Notenbank 530 Mrd. an Reserven. Inzwischen sind es mit 450 Mrd. 80 Mrd. weniger. Sollte die Notenbank den Kampf um den Rubel aufnehmen, dann sind 200 Mrd. schnell aufgebraucht. Das wäre riskant. Russland braucht die Dollar für das Bankensystem und Unternehmen. Sie in Interventionen zu verheizen macht die Sache nicht wirklich besser. Anderseits ist eine Abwertung des Rubels um weitere 20 oder 30% auch nicht gerade eine gute Option. Die Inflation dürfte dramatisch ansteigen, die Wirtschaft ins Chaos gestürzt werden.

Noch ist der Zeitpunkt nicht gekommen an dem Russland aufgeben muss bzw. aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben sollte. Dieser Zeitpunkt liegt mindestens 200 Mrd. USD entfernt. Der Stillstand im Ukrainekonflikt könnte sich noch mindestens ein halbes Jahr hinziehen. Dann dürfte so langsam der Punkt gekommen sein, an dem sich Russland überlegen muss, ob es die Auseinandersetzung wirklich wert ist.