Der US-Ökonom Adam Posen, früheres Mitglied des geldpolitischen Komitees der Bank of England, erhebt schwere Vorwürfe gegen die deutsche Wirtschaftspolitik. In einem Interview mit dem US-Finanzsender CNBC sagte Posen:

Die deutsche Wirtschaftspolitik hat fünf schwere Fehler. Erstens zahlen deutsche Firmen ihren Arbeitskräften keinen angemessenen Lohn, wenn man die hohe Produktivität der deutschen Wirtschaft berücksichtigt. Dadurch betrügt Deutschland die eigenen Arbeitskräfte. Zweitens investiert Deutschland nichts, weder im öffentlichen Sektor noch im privaten Sektor. Drittens bedeuten die vorherigen beiden Punkte, dass sich Deutschland einen Wettbewerb liefert mit Niedrig-Lohn-Volkswirtschaften. Viertens zockt Deutschland die anderen Euro-Länder und den Rest der Welt ab, weil es davon profitiert, dass der Euro deutlich schwächer ist, als es die Deutsche Mark wäre. Fünftens versucht Deutschland, seinen weltweiten Marktanteil auszubauen, während es überall in der Welt eine hohe Arbeitslosigkeit gibt. Dadurch wird Deutschland zum Exporteur von Deflation. Ich könnte noch einen sechsten Punkt nennen: Deutschland hat die ganzen faulen Kredite, die es Südeuropa geliehen hat, noch nicht abgeschrieben, so wie das die Franzosen, die Finnen und die Österreicher getan haben. Die deutsche Wirtschaftspolitik sorgt aktuell also auf jede nur denkbare Art und Weise für Probleme.

Das komplette Video mit Adam Posen können Sie hier sehen.

Posen gestand ein, dass Deutschland nicht aktiv auf dem Devisenmarkt manipuliere und dass der nun disktutierte Mindestlohn die Probleme zumindest symbolisch angehen könnte. Trotzdem nutze Deutschland das System aus. „Wenn Deutschland mehr Transferzahlungen an Südeuropa geleistet hätte, indem es mehr der faulen Kredite abgeschrieben hätte, wenn Deutschland eine expansivere Geldpolitik gefördert statt blockiert hätte und wenn Deutschland mehr zuhause investiert hätte, würden die Ungleichgewichte in Europa und der Welt abnehmen.“

Mit anderen Worten: Deutschland soll gefälligst zahlen, indem die „faulen Kredite an Südeuropa“ abgeschrieben werden, Deutschland soll eine noch expansivere Geldpolitik unterstützen, obwohl die jetzige schon nicht angemessen für die deutsche Wirtschaft ist und Deutschland soll seine Binnenwirtschaft künstlich stimulieren, damit Länder wie Griechenland und Spanien, aber auch die USA, mehr exportieren können.

Die Forderung kommt nicht von ungefähr. Auch das US-Finanzministerium hat vor kurzem die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft kritisiert (siehe hier).

Es ist nicht das erste Mal, dass die USA sich unliebsame Konkurrenz dadurch vom Hals schaffen wollen, indem sie andere Länder dazu auffordern, die eigene Wettbewerbsfähigkeit künstlich zu reduzieren. Im sogenannten Plaza-Abkommen aus dem Jahre 1985 setzten die USA durch, dass der Dollar gegenüber Mark und Yen abgewertet wird. Im Hintergrund stand die Lobbyarbeit der US-Industrie, die mit zunehmender Konkurrenz aus Japan und Deutschland zu kämpfen hatte. Im Anschluss an die Übereinkunft sorgten die damaligen G5-Staaten für eine künstliche Herabsetzung der japanischen und der deutschen Wettbewerbsfähigkeit zu Gunsten der USA. Deutschland sollte sich das kein weiteres Mal gefallen lassen.

Oliver Baron