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Mir fällt es immer noch schwer, die Zahlen zum US-Wachstum des ersten Quartals zu verdauen. Dafür gibt es natürlich einen triftigen Grund. Dieser lässt sich auf ein Wort herunterbrechen: Konsum.

Die US-Wirtschaft IST Konsum. Viel mehr hat die Wirtschaft kaum zu bieten. Grafik 1 zeigt die Beiträge zum Wirtschaftswachstum. Man sieht auf einen Blick, dass der Konsum dominiert. Das ist nicht erst seit gestern so, sondern seit Jahrzehnten. Der Konsum trägt dabei zwischen 65 % und 75 % zum Wachstum bei. In den letzten Jahren war es sogar noch ein bisschen mehr. Insbesondere 2014 und 2015 wurde das Wachstum so gut wie ausschließlich vom Konsum getragen.

Wenn der Konsum nicht läuft, muss man sich ernsthafte Sorgen machen. Anfang 2017 lief der Konsum gar nicht. Vom annualisierten Wachstum von 0,7 % trug der Konsum lediglich 0,23 Prozentpunkte bei, also ca. ein Drittel. Dass die Zahlen insgesamt nicht schlechter ausgefallen sind, liegt nur an dem glücklichen Umstand, dass die Investitionen ansprangen. Dies war höheren Rohstoffpreisen zu verdanken. Es handelt sich vermutlich um einen Einmaleffekt.

Wie außergewöhnlich schlecht der Konsum lief, zeigt Grafik 2. Dargestellt ist nur der Wachstumsbeitrag des Konsums zum Gesamtwachstum. Man sieht ohne größere Analyse, dass tiefere Werte als Anfang 2017 nur selten vorkommen. Außerhalb von Rezessionen kam es überhaupt nur 8 Mal vor, dass der Beitrag kleiner war.

Die Datenreihe umfasst 185 Quartale oder gut 61 Jahre. Es ist also wirklich außergewöhnlich, was da gerade geschehen ist. Zudem traten schlechtere Werte nur kurz vor oder nach Rezessionen auf. Man kann eigentlich sagen, dass sich die US-Wirtschaft im ersten Quartal wie in einer Rezession verhalten hat.

Die USA stecken (noch) nicht in einer Rezession. Die Luft wird jedoch dünner. Es deutet sich für das zweite Quartal erst einmal ein kleiner Rebound an. Es ist unwahrscheinlich, dass wir in Q2 eine Kontraktion sehen. Insgesamt bleibt die Lage aber angespannt. Anleger nehmen das gar nicht wahr. Sie feiern sich selbst und kaufen Aktien, was das Zeug hält.

Das Vertrauen in die US-Wirtschaft ist ungebrochen. Das zeigt sich schon allein daran, dass die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Zinsschritt im Juni auf über drei Viertel gestiegen ist. Derzeit besteht kein Zweifel an mindestens drei Zinsschritten in diesem Jahr. Die Notenbank hat das gerade erst bestätigt.

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Es gibt ja auch so etwas wie statistische Unsicherheit. Statistiker haben chronische Probleme das Wachstum im ersten Quartal gut zu bestimmen. Oftmals braucht es mindestens eine Revision, um den tatsächlichen Daten näher zu kommen. Die Lage kann sich noch nachträglich verbessern. Das rechtfertigt jedoch nicht die Ignoranz der Anleger. Risiken sieht momentan niemand. Das ist gefährlich.

Trotz allem bleibe ich bei meinem bullischen Bias, den ich seit Anfang Juli 2016 kurz nach dem Brexit-Votum vertrete. Die Risiken für einen abrupten Trendwechsel sind allerdings gestiegen. Stellen sich die Daten für Q1 nicht als statistische Anomalie heraus und bleibt Q2 schwach, wird es vermutlich Zeit, den Bias zu revidieren.

Clemens Schmale

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