Die regionale Notenbank von New York berechnet jeden Monat die Rezessionswahrscheinlichkeit auf Basis der Zinsentwicklung. Der letzte Datenpunkt stammt von Ende April. Zu diesem Zeitpunkt war der wahrhaftig weltbewegende Tweet noch nicht geschrieben. Die Ankündigung neuer Zölle durch Trump gab es noch nicht. Trotzdem stiegt die Rezessionswahrscheinlichkeit an.

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Sie liegt nun bei 27,5 %. Diese Wahrscheinlichkeit zeigt, wie hoch das Risiko einer Rezession in 12 Monaten ist. Wir haben also nicht jetzt das Risiko einer Rezession, sondern vielmehr ein erhöhtes Risiko, dass in einem Jahr die wirtschaftliche Lage ganz anders aussieht.

Die Wahrscheinlichkeit war schon lange nicht mehr so hoch wie jetzt. Zuletzt war sie im März 2007 so hoch. Das war genau ein Jahr vor Beginn der Großen Rezession in den USA. 27,5 % klingt noch relativ harmlos, doch die Historie zeigt, dass man sie ernst nehmen muss.

Die Wahrscheinlichkeit erreichte zur Zeit der Finanzkrise gerade einmal ein Hoch bei 41,7 %. Bei der Rezession Anfang der 90er Jahre waren es sogar nur 33,2 %. 27,5 % klingen da plötzlich nicht mehr so harmlos.


Das größte Problem an der Sache ist aber, dass das Risiko weitläufig ignoriert wird. Das gilt für alle Akteure: Anleger, Politik und Notenbank. Die Notenbank erhöht die Zinsen zwar vorläufig nicht, doch um wirklich sicherzugehen, müsste sie die Zinsen senken.

Anleger machten sich Ende 2018 Sorgen. Diese Sorgen waren 6-12 Monate verfrüht. Die Politik für ihren Teil reagierte auf den Aktienmarkt. Anstatt Anfang 2019 neue Zölle einzuführen, verschob sie das Datum drei Monate nach hinten. Dann legte der Markt wieder deutlich zu und der Arbeitsmarkt brummte weiter.

Das ermunterte eine härtere Haltung gegenüber China. Das sendete zwar einen kurzen Schock in den Markt, doch Anleger sind schon wieder dabei, diesen abzuhaken. Am Ende läuft alles darauf hinaus, dass jeder die Rezession kommen sehen könnte, doch nicht reagiert.

Die Daten sind öffentlich zugänglich und eigentlich allen bekannt. Jeder kann sehen, dass wir uns auf einen Abschwung zubewegen. Der Rand des Kliffs ist schon erkennbar. Trotzdem wird Gas gegeben. Dann noch rechtzeitig zu bremsen (Handelskonflikt beilegen, Zinsen senken) wird schwierig. Das Zeitfenster, um eine Rezession im kommenden Jahr abzuwenden, schließt sich schnell.

Für Anleger bedeutet das auf Sicht von Tagen und Wochen wenig. Das favorisierte Szenario, welches ich im Oktober 2018 entworfen habe (neue Allzeithochs) gilt immer noch. Neue Hochs wurden bereits erreicht. Nun ist nur noch die Frage, ob der Markt diese um bis zu 10 % überschießen kann, bevor es deutlich nach unten geht.