Warren Buffett ist bedingungsloser Optimist. Seit Jahrzehnten ist er davon überzeugt, dass es jeder neuen Generation bessergehen wird als der letzten. Nun hat dieses Bild kleine Risse bekommen. Buffett prangert an, dass ein Großteil der Verbesserungen nicht mehr bei allen ankommt.

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Höhere Einkommen und höherer Lebensstandard sind inzwischen den oberen Einkommensschichten vorbehalten. Der Grund: die USA, die lange Zeit von Chancengleichheit profitierten, haben sich polarisiert. Von Chancengleichheit ist nicht mehr viel zu sehen. So gibt es immer mehr Menschen, die keinen Aufstieg mehr schaffen.

Wie gravierend dieses Problem ist, zeigt die Entwicklung der Lebenserwartung. Die USA hatten bis in die 80er Jahre die höchste Lebenserwartung unter den wohlhabenden Ländern – Japan ausgenommen. Bis Ende der 90er Jahre lag die Lebenserwartung dann nur noch im OECD Durchschnitt (Grafik 1). Seither geht der Anstieg der Lebenserwartung zurück.

Die Lebenserwartung steigt inzwischen nicht mehr nur langsamer als im Rest der Welt, sondern geht sogar zurück. 2015 und 2016 sank die Lebenserwartung. Das ist ein sehr seltenes Ereignis. Im Normalfall kommt das nur vor, wenn außergewöhnliche Umstände wie eine Epidemie oder ein Krieg den Trend unterbrechen.

In den USA gab es zuletzt kein solches Ereignis. Es ist vielmehr eine Ansammlung verschiedener Entwicklungen. Dazu gehört die Zugänglichkeit zum Gesundheitssystem ebenso wie die vergleichsweise hohe Wahrscheinlichkeit erschossen zu werden. Seit einigen Jahren trägt auch die um sich greifende Opioid Abhängigkeit zu einer geringeren Lebenserwartung bei.

Im Vergleich zu Ländern mit niedrigen Einkommen ist die Lebenserwartung noch immer stattlich. Auch gegenüber dem weltweiten Durchschnitt leben Amerikaner 6 Jahre länger (Grafik 2).

Im Vergleich zu Ländern mit hohen Einkommen wie etwa der Schweiz oder Island ist die Lebenserwartung jedoch bescheiden. Ein Isländer lebt 4 Jahre länger als ein Amerikaner und ein Japaner gleich 5 Jahre länger.

Deutsche bringen es immerhin noch auf 2,4 Jahre.

Dieser Vergleich soll nicht dazu dienen die USA schlecht zu machen. Er soll lediglich zeigen, dass etwas schiefläuft. Meiner Einschätzung nach sind es die ersten sichtbaren Effekte einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft – gespalten anhand der Chancen und Einkommen.

Einkommens- und Chancenungleichheit ist keine Lappalie. Sie hat gravierende Auswirkungen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diejenigen, die zurückgelassen wurden, es auch merken und sich wehren. Der legendäre Hedgefonds Manager Ray Dalio befürchtet, dass sich dieser Zustand im nächsten Wirtschaftsabschwung manifestieren wird, indem sich Amerikaner untereinander „an die Kehle springen.“

Clemens Schmale

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