London, 14.1.2020 - Im politischen und wirtschaftlichen Kartenspiel, das im Jahr 2020 ausgeteilt wird, zeigt der derzeitige US-Präsident eine sehr starke Hand. Mag sein, dass die Demokraten mit der Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens ihre „Trump(f)”-Karte aufgedeckt haben und dass eine schwächere Weltkonjunktur die Gegner Trumps begünstigen, aber niemand sollte Donald Trumps beeindruckende Eigenschaft als politischer Aktivist unterschätzen - und nicht zuletzt seine Fähigkeit, seine Stammwähler vor den Präsidentschaftswahlen in diesem Jahr zu mobilisieren.

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„It’s the economy, stupid”

Dieser Slogan ist heute noch genauso treffend wie im Präsidentschaftswahlkampf 1992, als der Wahlspruch von Bill Clintons Wahlkampfstrategen erfunden wurde – er betont, dass der Zustand der US-Wirtschaft eine wichtige Rolle bei der Ernennung des nächsten Amtsinhabers im Weißen Haus spielen wird. Wie in jedem Kartenspiel spielt das Glück eine große Rolle und Trump scheint mehr Glück als die meisten anderen zu haben. Clinton erlangte seinen ruhmreichen Sieg gegen George W. Bush mit dem Versprechen, eine angeschlagene Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Während Trumps demokratischer Gegner zweifellos das Argument eines Rückgangs der US-Wirtschaft im Jahr 2020 vorbringen kann, so sollten sich die Markterwartungen einer ausgewachsenen Rezession als übertrieben erweisen. Wahrscheinlicher ist, dass die US-Wirtschaft weiter vor sich hin dümpelt, eine Meinung, die von IWF-Ökonomen geteilt wird, welche für 2020 ein schwächeres Wachstum von 2,1 Prozent gegenüber 2,4 Prozent in diesem Jahr prognostizieren.

Es besteht jedoch zu Recht der Eindruck, dass die Wachstumsaussichten der USA angesichts der globalen Konjunkturabschwächung trüb bleiben – teilweise bedingt durch Trumps Protektionismus, für den der Handelskrieg mit China nur ein Beispiel ist – und diese Aussichten werden wahrscheinlich weiter bis ins Jahr 2020 und darüber hinaus fortbestehen. Ganz unabhängig davon, wie die US-Wahlen im November auch ausgehen – Trumps kriegerische Haltung gegenüber China seit seinem Amtsantritt als Präsident hat die Rivalität zwischen den beiden Nationen angeheizt, und diese wird auf absehbare Zeit die globalen, wirtschaftlichen und politischen Perspektiven prägen.

Angesichts der gegenwärtigen Aussichten für das Weltwirtschaftswachstum ist es besorgniserregend, dass die großen Zentralbanken der westlichen Welt nur über begrenzte Feuerkraft verfügen, um einem starken Abschwung entgegenzuwirken. Die Zinsen bleiben auf historischen Tiefstständen und obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt hat, das Anleihekaufprogramm wieder aufzunehmen, herrscht anderweitig wenig Bereitschaft dazu. Der scheidende EZB-Präsident Mario Draghi hat die Regierungen der Eurozone aufgefordert, ihre Haushaltsausgaben zu erhöhen, um die jeweilige Wirtschaft anzukurbeln. Dies ist eindeutig der Weg des geringsten Widerstands, der sich vor allem für Politiker, die eine Wiederwahl anstreben, als attraktiv erweisen dürfte – aktuell insbesondere in Großbritannien zu beobachten, wo unlängst nicht nur die Labour Party, sondern auch die Conservative Party, die sich einst für Sparmaßnahmen einsetzte, höhere Ausgaben versprachen. Interessanterweise scheint sogar der IWF derzeit mehr Staatsausgaben für Länder zu fördern, in denen „die Wirtschaftsaktivität geschwächt ist oder sich drastisch verlangsamen könnte” und in denen „der Spielraum für eine geldpolitische Lockerung begrenzt ist”.

Schulden statt Verantwortung für die Nachwelt

Es ist durchaus nichts Neues, Wirtschaftsflauten mit Staatsausgaben zu bekämpfen, aber es kommt zu einer Zeit, in der der durchschnittliche Schuldenberg der größten Volkswirtschaften mehr als 70 Prozent ihres BIP beträgt – der höchste Stand seit mehr als 150 Jahren, mit Ausnahme des Anstiegs zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Die Bedienung dieser Schulden stellt in einem Niedrigzinsumfeld kein Problem dar, kann jedoch schnell Kopfschmerzen bereiten, wenn die Zinssätze steigen und das Wachstum sich abschwächt. In seinem jüngsten Bericht zur globalen Finanzstabilität schätzt der IWF, dass ein nur halb so starker Konjunkturrückgang wie während der Finanzkrise 2007-08 bis zu 40 Prozent der in den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt ausstehenden Unternehmensschulden gefährden könnte – atemberaubende 19 Billionen US-Dollar. Die Tragfähigkeit derartiger Schulden in einer Zeit, in der sich die Weltwirtschaft verlangsamt, bleibt eine Schlüsselfrage sowohl für das Jahr 2020 als auch die folgenden Jahre.

Wäre da nicht die Tatsache, dass sich die meisten westlichen Staaten angesichts einer zunehmend unruhigen und unsicheren Welt weitgehend gut behauptet haben, könnte dies alles recht düster erscheinen. Nimmt man als Beispiel das Vereinigte Königreich, so hat sich die Wirtschaft des Inselstaates trotz des nationalen Dramas mit Namen Brexit als widerstandsfähig erwiesen. Kritiker könnten argumentieren, dass das Vereinigte Königreich die Europäische Union noch nicht verlassen hat; daher ist es noch zu früh, um die tatsächlichen Auswirkungen abzuschätzen. In den USA befindet sich die Arbeitslosigkeit auf einem fast 50-Jahrestief und es gibt immer noch Anzeichen für ein angemessenes Beschäftigungswachstum, auch wenn es sich verlangsamt hat. Obwohl insbesondere in der Gig Economy Bedenken hinsichtlich der unsicheren Arbeitsverhältnisse bestehen und der Anteil der US-amerikanischen Arbeitnehmer, die nicht an der Wirtschaft teilnehmen, zunimmt, bleibt das Bild insgesamt ermutigend. Inzwischen ist die Inflation, die in den 1970er und 1980er Jahren zum Verhängnis der Wirtschaftssysteme wurde, dermaßen gebändigt worden, dass man jetzt gar mittels Reflation versucht, die Länder wieder zu stärken – mit Ausnahme natürlich in Argentinien.

Inmitten der guten Nachrichten gibt es dennoch Anlass zur Sorge. Das weltweite verarbeitende Gewerbe ist seit einigen Monaten rückläufig, auch wenn sich der Abwärtstrend etwas verlangsamt hat, während die weltweiten Exporte den stärksten Einbruch seit Oktober 2012 hinlegten, und Deutschland den Abschwung anführte. In China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, ist das BIP-Wachstum auf ein fast 30-Jahrestief gesunken, was die Frage aufwirft, ob das Land erneut das Weltwirtschaftswachstum, ähnlich wie damals nach der globalen Finanzkrise 2007-08, ankurbeln kann.

Das Beste aus dem Wahlzyklus machen

Tatsächlich deuten alle Konjunkturberichte auf eine Weltwirtschaft hin, die sich an einem Wendepunkt befindet. Weiteres moderates Wachstum ist ebenso wahrscheinlich wie eine schädliche Rezession. In einem US-Wahljahr möchte man sich nicht in dieser schwierigen Lage befinden. Anlegern sollte die historische Wertentwicklung des Aktienmarktes im Vorfeld einer US-Präsidentschaftswahl etwas Trost spenden. Eine Studie über Wahlzyklen zwischen 1952 und 2000 ergab, dass ein Investor, der im Besitz eines Aktienportfolios war, das den S&P 500 Index widerspiegelte, in den 27 Monaten vor einer US-Wahl (vom 1. Oktober des zweiten Jahres einer Amtszeit bis zum 31. Dezember des Wahljahres), hohe Renditen erzielte. Die Wertentwicklung seines Portfolios lag je nach Wahljahr zwischen 16 und 70 Prozent. Passend dazu stellte dieselbe Studie fest, dass Bärenmärkte, die per Definition durchschnittliche jährliche Verluste von 15 Prozent oder mehr verzeichnen, in der Vergangenheit in den ersten beiden Jahren der Amtszeit des Präsidenten vorkommen. Dieser letzte Punkt ist angesichts der zeitlichen Länge des aktuellen Bullenmarktes umso relevanter.

In einem US-Wahljahr ist es unvermeidlich, dass die polarisierende Figur von Donald Trump die Schlagzeilen dominieren und einen störenden Einfluss auf die Weltmärkte ausüben wird. Die Macht der Politik konnte schon seit jeher die Aufmerksamkeit von den Fundamentaldaten ablenken, und die anhaltende Rivalität zwischen den USA und China wird die Märkte auch in den kommenden Jahren beeinflussen. In einem solchen Umfeld ist die Relevanz einer fundierten Analyse der Unternehmen und Märkte für Anlageentscheidungen nicht zu unterschätzen.