„Würden die Menschen unser Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen Früh“. Dieses Zitat des Firmengründers Henry Ford ist mehr als 100 Jahre alt – und doch ist es aktueller denn je:

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Am kommenden Sonntag entscheiden die Schweizer über die Vollgeld-Initiative und haben es damit in der Hand, das ungedeckte Papiergeldsystem aktueller Prägung ein für alle Mal zu beenden.

Würde die Initiative angenommen, würde dies einen Sturm der Revolution in Europa entfachen:

In ihrem Kern fordern die Initiatoren nicht weniger als die Abschaffung des Geldmonopols der privaten Banken. Dass hier die Ursache vieler Ungleichgewichte in unserem Geldsystem zu finden ist, hat sich bei vielen Menschen längst herumgesprochen. Auch elektronisches Buchgeld soll nach den Vorstellungen der Vollgeld-Initiative deshalb künftig nur noch von der Schweizer Nationalbank in Umlauf gebracht werden.

Wenig verwunderlich wird die Initiative von Medien und Politik nach allen Regeln der Kunst torpediert und madig gemacht. Besonders hervorgetan hat sich hier die Neue Zürcher Zeitung, die in den vergangenen Tagen ein ganzes Sammelsurium an Negativ-Prognosen für den Fall herausgegeben hatte, dass die Schweizer sich erdreisten sollten, der Initiative zuzustimmen.

Hier,hier und hier.

Doch die Angst von Mainstream und Politik vor einer Revolution mit „neuem Geld“, das die Banken an die Kandare nehmen könnte, ist unbegründet:

Gerade die Schweizer haben überhaupt keine Veranlassung, ihr Geldsystem auf den Kopf zu stellen: Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt und nirgendwo sonst lebt es sich so komfortabel.

Viele Eidgenossen mögen die Untiefen des ungedeckten Papiergeldsystems vielleicht verstanden haben, denn in Gelddingen hatten die Schweizer die Nase schon immer weit vorne. Doch werden sie deshalb den Worten Henry Fords folgend eine Revolution anzetteln, bei dem sie am Ende als der Buhmann Europas dastehen, mit einem Geldsystem, das in der jüngeren Finanzgeschichte nirgendwo ausprobiert wurde?

Das ist nicht anzunehmen.

Wie Geldsystemrevolutionen tatsächlich gedeihen, das zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher: Das so genannte „Wunder von Wörgl“ etwa, ein Freigeld-Versuch, der wegen seiner erstaunlichen Erfolge schnell wieder abgebrochen wurde, konnte nur im Umfeld der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre entstehen:

Weil die Menschen hungerten und zu Tausenden ihre Arbeitsplätze verloren, waren sie bereit zu einem Experiment, das die bestehende Geldordnung vollkommen außer Kraft setzte. Der Erfolg war beachtlich: Der kleine Ort in Tirol konnte sich von der Weltwirtschaftskrise nahezu vollständig abkoppeln. In den USA schlug der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher der Regierung deshalb sogar vor, Wörgl-ähnliches Geld zur Überwindung der Depression einzuführen.

Auch das Ende des Wörgler Wunders ist vielsagend: Weil die Österreichische Nationalbank ihre Felle davonschwimmen sah, wurde das Notgeld kurzerhand verboten - und Wörgl versank wieder in der Weltdepression.

Es lohnt sich, dazu ein wenig zu stöbern, denn die Geschichte ist wirklich erstaunlich. Sie zeigt, dass auch das bestehende Geldsystem keineswegs in Stein gemeißelt ist.

Das "Wunder von Wörgl" zeigt: Änderungen am Geldsystem sind jederzeit möglich – wenn die Bereitschaft dazu da ist und ein entsprechendes Umfeld. Und genau das ist der springende Punkt:

Leider braucht es dazu meist eine existenzielle Krise.

Doch weil in der Schweiz niemand hungert und die Menschen nicht nur satt und zufrieden, sondern auch noch sehr vermögend sind, wird die Geldrevolution, die manche schon heraufziehen sehen, an diesem Sonntag nicht stattfinden.

Wohlgemerkt, an diesem Sonntag nicht. Denn längerfristig sieht die Sache vollkommen anders aus:

Eine Geldreform ist dringend notwendig, und viele Menschen werden das auch bereits erkennen. Doch das alleine reicht nicht: Revolutionen kommen historisch betrachtet immer erst dann in Gang, wenn es nicht mehr anders geht. Wenn die Not die Menschen zu neuen Ideen zwingt.

Auf den Punkt gebracht: Revolutionen werden nicht gemacht, sie werden durch äußere Ereignisse erzwungen.

Also nehmen wir an, die Rentenansprüche der Bürger in Europa fallen aus, weil Staaten aufgrund eines Flächenbrands im internationalen Bankensystem Bankrott gehen und die Regierungen mit in den Abgrund reißen. DANN wären wohl alle bereit, noch heute das Geldsystem zu reformieren. Notfalls auch mit Gewalt.

Aber so lange alles „irgendwie“ läuft, im TV demnächst wieder die Fußball-WM für Stimmung sorgt und im Kühlschrank ein kühles Bier steht, wird es keine Geldreform geben.

Man kann das schade finden. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass historische Umbrüche ein entsprechendes Umfeld brauchen. Und dieses Umfeld heißt nicht:

„Wir leben im Friede-Freude-Eierkuchen-Land und haben uns alle lieb…“

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Zum Autor:

Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG. Weitere Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de


Andreas Hoose vertritt mit diesem Artikel seine eigene Meinung. Diese muss sich nicht zwangsläufig mit der Meinung von GodmodeTrader decken. Es erfolgt keine Prüfung durch eine Schlussredaktion.