„Zum Jahreswechsel hin sorgen an den Märkten zwei Nachrichten für Optimismus. Die erste kommt aus den USA, wo die Märkte den Sieg von Joe Biden ohne eine wirkliche „blaue Welle“ als optimales Ergebnis betrachten (blau ist die Farbe der Demokratischen Partei). Ein republikanisch kontrollierter Senat und selbst ein Patt würden es dem neuen Präsidenten sehr schwer machen, extreme Maßnahmen in Form von Mehrausgaben, Gesetzesverschärfungen und Steuererhöhungen durchzusetzen. Gute Nachrichten kamen auch von Pfizer/BioNTech und Moderna, die hochwirksame Impfstoffe entwickeln. Auch andere Studien geben zunehmend Anlass zum Optimismus.

Beide Nachrichten haben jedoch auch Schattenseiten: Die Märkte unterschätzen die Gefahr, dass Biden dem radikaleren Teil seiner Partei Zugeständnisse machen muss. Was die Impfstoffe betrifft, so steht eine Bestätigung ihrer Wirksamkeit noch aus. Das wahrscheinlichste Szenario ist ein Stop and Go, bei dem das Virus den Ton angibt, bevor sich die Wirtschaft erholen kann.

Bisher ein gutes Jahresergebnis für die Börsen

Im laufenden Jahr liegen die meisten risikobehafteten Anlagen im Plus – trotz der Kurseinbrüche im März. Betrachtet man die Umstände dieses außergewöhnlichen Jahres, ist das ein sehr gutes Ergebnis. Die Märkte gehen davon aus, dass Bidens Sieg und der „fast“ verfügbare Impfstoff die Weltwirtschaft ankurbeln können. Da jedoch insbesondere in Europa noch eine zweite Welle rollt, dürfte die Erholung weder schnell noch besonders weitreichend sein. Daher können Anleger aus unserer Sicht auch weiterhin mit niedrigen Zinsen rechnen, trotzdem dürfte in naher Zukunft das Wachstum wieder anspringen. Die Zentralbanken greifen den Märkten also weiterhin unter die Arme. Regierungen müssen nach unserer Auffassung jedoch weiterhin mit ihren Zentralbanken an einem Strang ziehen. Wegen der zweiten Welle werden in vielen Ländern die Haushalte aufgestockt, außerdem steigt der Druck auf die EU, ihren Wiederaufbaufonds schneller voranzutreiben.

Biden-Sieg reduziert politische Risiken

Zwar räumt der Sieg Bidens die politische Unsicherheit nicht vollständig aus, reduziert jedoch die Risiken. Für die Märkte sind das gute Nachrichten. In der Außenpolitik können wir tendenziell mehr multilaterale Kooperation erwarten, was gut für Europa ist. In den Beziehungen zwischen China und den USA erwarten wir dagegen keine Entspannung. Vor allem an der Technologiefront werden beide Länder weiter miteinander konkurrieren, Biden dürfte jedoch strategischer vorgehen. Auch die Demokraten sehen China als Konkurrenten, werden allerdings im Ton weniger hart sein als Trump.

Steigende Bedeutung von ESG

Eine erfreuliche Konsequenz aus Bidens Sieg ist das Comeback von ESG-Themen (vor allem Klima und soziale Gerechtigkeit), das wir bereits jetzt beobachten können. Tatsächlich ist eine Diskussion entbrannt, ob die Fed ihr Mandat erweitern und explizit zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit beitragen soll, was einer bedeutenden Richtungsänderung gleichkäme. US-Unternehmen dürften weiter an der Verbesserung ihres ESG-Profils arbeiten. Dadurch würden zwei langfristige Anlagethemen weiter an Bedeutung gewinnen: das Wachstum der asiatischen Wirtschaft, angeführt von China, und der US-Fokus auf Innovation und ESG.

Wie ist der Ausblick für 2021?

Wir erwarten zu Jahresbeginn eine zyklische Erholungsphase, allerdings bei anhaltend niedrigen Zinsen und hoher Liquidität. Risikobehaftete Anlagen, insbesondere Aktien, dürften sich in diesem Umfeld gut entwickeln; wir erwarten Themenrotationen, die Suche nach attraktiven zyklischen Kaufgelegenheiten sowie eine Erholung der Value-Aktien. Die Schwellenländer werden wohl im kommenden Jahr und vor allem im ersten Halbjahr 2021 schneller wachsen als die Industrieländer. Sowohl Europa als auch die USA dürften dann noch immer mit der zweiten Welle kämpfen, während sich die Wirtschaft auf der Südhalbkugel und in China weiter erholt. In Verbindung mit dem anhaltend schwachen US-Dollar sind dies gute Voraussetzungen für Schwellenländer-Anleihen und Schwellenländer-Währungen, wobei aus unserer Sicht hier weiterhin eine sorgfältige Auswahl wichtig ist.

Unternehmensanleihen profitieren von der hohen Liquidität; da wir uns vermutlich auf eine Erholungsphase zubewegen, sind sie jedoch im Vergleich zu Aktien nicht mehr ganz so attraktiv bewertet. Außerdem werden wir wahrscheinlich weitere Kreditausfälle bei Anleihen mit schwachem Rating sehen, eine Reihe von Unternehmen werden möglicherweise nicht überleben. Daher ist es nach unserer Auffassung bei Unternehmensanleihen wichtig, sich verstärkt auf die Analyse zu konzentrieren und nach solventen Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen zu suchen. Staatsanleihen (US-Treasuries und Euro-Kernländer) sind unserer Meinung nach nach wie vor unattraktiv und vor allem für Liquiditäts- und Absicherungszwecke interessant.

Fazit: Ungezügelter Optimismus zeichnet ein stark vereinfachtes Bild der Lage, denn wahrscheinlich stehen uns einige harte Monate bevor. Absicherung und Liquidität sind weiterhin wichtig, wie wir meinen, da wir uns vermutlich nicht linear auf eine stärkere Wachstumsphase zubewegen. Wir sehen jedoch durch eine Anpassungsphase auch Chancen für Themenrotationen.