New York (BoerseGo.de) - Die Wall Street startete das frische Jahr mit Bravour. Anscheinend ist das Crash-Jahr 2008 jetzt endlich in den Köpfen abgeschlossen und der Blick wird wieder nach vorne gerichtet.

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    Nur kurzer Blick in den Rückspiegel
    Daher konnte die einzige Konjunkturnachricht des Tages nur wenig irritieren, obwohl sie wie gewohnt krottenschlecht ausfiel. Im Dezember war die US-Industrie wieder empfindlich geschrumpft. Das signalisierte jedenfalls der US-Einkaufsmanager-Index, der auf 32,4 Prozent abrutschte. Werte unter der 50,0-Marke bedeuten, dass die amerikanische Industrie schrumpft. Der von Bloomberg ermittelte Konsens der Volkswirte ging nur von einem Rückgang von 36,2 (November) auf 35,4 aus. Verschiedene regionale Industrie-Barometer, etwa aus Chicago, hatten allerdings bereits schon einen schwachen Dezember angekündigt. Die Wall Street hakte daher die düsteren Zahlen aus der jüngsten Vergangenheit schnell ab und konzentrierte sich auf die - hoffentlich bald bessere - Zukunft.

    Börsenlokomotive Obama?

    Die Hoffnungen richten sich zunehmend auf Obama, der sein Amt am 20 Januar antritt. Dann sollte auch dessen bereits angekündigtes gigantisches Infrastruktur-Paket Gestalt annehmen, das bereits weltweit Appetit auf Industrieaktien macht. Am kommenden Montag trifft sich der künftige US-Präsident deswegen mit den Führern der US-Kongress. Die Wall Street wettet jetzt anscheinend darauf, dass die erwarteten massiven Investitionen in Straßen, Brücken, Hochgeschwindigkeits-Informationsnetze und vieles mehr - in Verbindung mit den aggressiven Zinssenkungen und Rettungspakete der vergangenen Monate - die Wirtschaft bald wieder aus ihrem Rezessionsloch hieven.

    Kassenbestände auf 18-Jahres-Hoch

    Motor der Rallye ist vor allem die gigantische Liquidität, die die skeptischen Investoren in den vergangenen Monaten anhäuften. Eine gemeinsame Untersuchung von Bloomberg und der Leuthold Investmentgruppe ergab, dass sich die Kassenbestände der Anleger inzwischen auf knapp neun Billionen Dollar auftürmen. Damit könnten 74 Prozent der börsennotierten US-Gesellschaften gekauft werden. Zugleich sei die Bar-Reserve auf den höchsten Stand seit 18 Jahren geklettert, hieß es. Allein die enorme Liquidität sollte die Aktienkurse in den kommenden Monaten in die Höhe drücken, glaubt nicht nur Fondsmanager Eric Bjorgen, der für Leuthold 3,4 Milliarden Dollar verwaltet.

    Schwitzende Leerverkäufer

    Außerdem gerieten die Leerverkäufer ins Schwitzen. Sie hatten sich Aktien geliehen und sofort wieder verkauft, in der Hoffnung, dass es noch viel tiefer geht. Seit den Untiefen vom November legte der breite Markt aber inzwischen mehr als 20 Prozent zu, seit dem 23. Dezember allein mehr als 6 Prozent. Schmerzhafte Verluste also für die zuvor erfolgsverwöhnte Weltuntergangs-Spekulation.

    Die Konsequenz: Der Dow Jones Industrial Average gewann 2,94 Prozent auf 9.034 Punkte, der - für den breiten US-Aktienmarkt repräsentative - S&P 500 stieg 3,16 Prozent auf 931 Punkte und der technologielastige Nasdaq Composite Index kletterte 3,5 Prozent auf 1.632 Punkte. Das sind die höchsten Schluss-Niveaus seit den frühen Novembertagen.

    Vergleich zur Vorwoche:

    Dow Jones: plus 6 Prozent
    S&P 500: plus 6,5 Prozent
    Nasdaq: plus 6,5 Prozent

    Dow Jones Average: Neue Bescheidenheit

    Bis auf einen Titel schlossen alle der 30 Blue Chips im grünen Bereich.

    Tops:

    Die volatile General Motors war wieder einmal der Top des Dow mit einem Tagesgewinn von 14 Prozent auf 3,65 Dollar. An Sylvester war das angezählte Auto-Papier noch der Flop und verlor nachrichtenlos 16 Prozent. Vermutlich hatten einige Anleger verkauft, um für das abgelaufene Jahr steuerliche noch Verluste geltend zu machen. Diese Verkäufe sind jetzt ausgelaufen, vielleicht haben die Steuer-Vermeider jetzt wieder zurück gekauft. Der Industrie-Dinosaurier hatte am Mittwoch, die ersten 4 Milliarden Dollar aus dem Hilfsprogramm der US-Regierung erhalten.

    Alcoa kletterte 7,6 Prozent auf Dollar. Die Aluminiumriese setzte seine Rallye der Vortage fort. Anscheinend gewinnen Rohstoffe und nahestehende Aktie wieder in der Gunst der Anleger. Seit dem November-Tief (6,80 Dollar) hat sich der Börsenkurs fast verdoppelt. Es bleibt aber noch ein weiter Weg bis zum 52-Wochen-Hoch (44,77 Dollar).

    Die Citigroup avancierte 6,4 Prozent auf 7,14 Dollar. Dort honorierten die Anleger anscheinend die neue Bescheidenheit des Managements. CEO Vikram Pandit und sein Chairman Bischoff verzichten auf ihren Bonus für das katastrophale Jahr 2008. außerdem wurden die Bezüge zahlreicher Führungskräfte beschnitten.

    Boeing kletterte 6,1 Prozent auf 45,25 Dollar. Der Airbus-Rivale profitierte anscheinend von der Hoffnungen auf Obama Infrastruktur-Paket.

    Flops:

    Der einzige Verlierer des Tages war JP Morgan, die nachrichtenlos gnädige 0,6 Prozent auf 31,35 Dollar einbüßte.

    S&P 500: Rückkehr der Verbraucher?

    Die Banken hinkten heute der Rallye hinterher. Der ETF Financial Spider gewann lediglich 1,1 Prozent. Die Party fand heute wo anders statt.

    Tops:

    Auffällig ist, dass zahlreiche Einzelhändler heute ihre Sylvester-Rallye fortsetzten. Anscheinend hakte die Wall Street das krottenschlechte Weihnachtsgeschäft einfach ab und setzt jetzt auf eine Erholung des Konsums im laufenden Jahr.
    Der Kaufhausbetreiber Macy`s gewann 6 Prozent auf 10,98 Dollar, der Fashionhändler GAP gewann 5 Prozent auf 14,07 Dollar, Liz Claiborne, ebenfalls Fashionhändler, sprang 27 Prozent auf 3,31 Dollar, der Branchenkollege Nordstrom kletterte 9,3 Prozent auf 14,55 Dollar, der Edel-Juwelier Tiffany verteuerte sich 8 Prozent auf 25,54 Dollar.

    Bemerkenswert sind auch auch die deutlichen Kursgewinne der Airlines trotz Ölpreis-Rallye: Continental Airline plus Prozent auf Dollar, US Airways plus Prozent auf Dollar. Dort hatten anscheinend auf die aufgehellten Konjunkturhoffnungen (mehr Passagiere) eine größeres Gewicht als die Spritverteuerung.

    Wie gewohnt bewegte sich Ford etwa im Gleichschritt mit General Motors und gewann heute 7,4 Prozent auf 2,46 Dollar.

    Starwood Hotels & Resorts Worldwide hüpfte 16,2 Prozent auf 20,80 Dollar. Laut Bloomberg waren dafür Übernahmespekulationen verantwortlich. Der Gastronom hatte seinem Großaktionär, dem Fonds Equity Group Investments LLC., das Recht eingeräumt, ein mögliches Kaufangebot einer dritten Gruppe zu überbieten. Laut Reuters wurde dadurch zugleich die Spekulation angeregt, dass die Equity Group Investments LLC, hinter der der Groß-Grundstücksinvestor Sam Zell steht, ihre Beteiligung an der Hotelkette aufstockt.
    Das schien auch Interesse am Konkurrenten Wyndham Worldwide anzufachen. Der Franchise-Geber der Ramada- und Super 8 Hotel-Ketten sprang 15,4 Prozent auf 7,56Dollar.

    Oshkosh Corp. verbesserte sich 15,9 Prozent auf 10,30 Dollar. Der Spezialister für Militär-Lkws gewann einen US-Regierungsauftrag im Wert von 1,12 Milliarden Dollar.

    DryShips Inc. explodierte 17 Prozent auf 12,49 Dollar. Die Rederei, spezialisiert auf den Tansport von Rohstoffen, profitierte von anziehende Charter-Raten auf ihrem Markt. Hilfreich waren auch chinesische Pläne, die Stahl- und Autoindustrie im fernöstlichen Riesenreich zu unterstützen, die wiederum den Bedarf an Roshtofftransporten steigern könnten
    Davon profitierte auch der Branchenkollege Genco Shipping & Trading Ltd. mit plus 15 Prozent auf 17,01 Dollar

    Flops:

    LHC Group fiel dagegen 3,4 Prozent auf 34,76 Dollar. Das Unternehmen, das Pflegedienste zu Hause (vor allem für Senioren) anbietet, war allerdings im Crashjahr 2008 um 44 Prozent gestiegen. Schuld an der heutigen Kursschwäche war anscheinend die Deutsche Bank. Das Institut degradierte heute den Gesundheitsdienstleister von „Kaufen“ auf „Halten“, hob allerdings das Kursziel von 36 Dollar auf 38 Dollar. Der Pfleger-Dienstleister könne zwar auch in diesem Jahr die Gewinnerwartungen der Wall Street schlagen, der Optimismus sei aber inzwischen im Aktienkurs eingepreist, hieß es.

    Nasdaq: Comeback der Schwergewichte
    Die Hoffnung, dass die Rezession erfolgreich bekämpft wird, beflügelte auch die technologielastige Computerbörse. Gefragt waren vor allem die konjunktursensiblen Schwergewichte. Der Auswahlindex Nasdaq 100 kletterte 4,3 Prozent.

    Zugpferde waren vor allem die Chip-Titel. Dort wächst die Hoffnung, dass die Talsohle zumindest bis Sommer durchschritten wird.
    Der Speicherchip-Hersteller SanDisk sprang nachrichtenlos 15,4 Prozent auf 11,08 Dollar. Intel avancierte 3,7 Prozent auf 15,20 Dollar. Dessen kränkelnder Herausforderer Advanced Micro Devices (AMD) kletterte sogar 10,2 Prozent auf 2,38 Dollar.
    Der Philadelphia Semiconductor Sector Index, der 19 Halbleiter-Titel erfasst, verbesserte sich 4,6 Prozent auf 222 Punkte.

    Seagate Technology hüpfte 14,7 Prozent auf 5,08 Dollar. Das ist wohl auch American Technology Research zu verdanken. Dort wurde der Hersteller von PC-Laufwerken von „Verkaufen“ auf „Neutral“ angehoben. Der Grund: Die Preise bei den PC-Laufwerken verbesserten sich im laufenden Jahr, dank Produktionskürzungen bei Seagate und dessen Rivalen. Außerdem sei die Aktie seit der letzten Gewinnwarnung der Karibik-Bewohner am 10. Dezember, um 13 Prozent gefallen, stärker als die Nasdaq, die in diesem Zeitraum lediglich 2 Prozent abgab.
    Allerdings hält American Technology Research die Zeit noch nicht reif für eine Kaufempfehlung. Seagate gewinne zwar Marktanteile bei Notebooks, sei aber noch zu stark vom schrumpfenden Desktop-Markt abhängig. Außerdem warnte der Broker vor dem Konkurrenzdruck durch Laufwerke, die auf Chips basieren.

    Der Softwarebereich durfte mitfeiern. Microsoft gewann 4,6 Prozent auf 20,33 Dollar. Es kursierte obendrein das Gerücht, die Redmonder kürzten ihr Personal drastisch, um die Kosten zu drücken.

    Apple sprang 6,3 Prozent auf Dollar. Seit Wochen stehen die Aktien von Apple unter Druck wegen Spekulationen über die Gesundheit von Steve Jobs. Vor Jahren war der charismatische CEO an Krebs operiert worden. Interessierte Kreise nahmen dies zum Anlass und wärmten wieder das Gerücht auf, die Gesundheit von Job verschlechtere sich dramatisch.
    Heute gab der Broker Argus etwas Rückendeckung. Die Kalifornier bleiben in einer starken Position, hieß es dort. Zu den aktuellen Gerüchten um den CEO Steve Jobs bemerkt der Broker, man schenke denen keinen Glauben. Man befürchte nicht, dass sich die Gesundheit von Steve Jobs - wie in manchen Medien kolportiert wird - rapide verschlechtert.
    Allerdings korrigierte Argus sein Kursziel von 155 Dollar auf 145 Dollar, schwebt damit aber weiterhin deutlich über der aktuellen Börsennotiz. Daher bleibt der Broker bei seiner Kaufempfehlung. Der Grund für die Kurszielkorrektur ist eine reduzierte Gewinnschätzung für das laufende Quartal, wegen einer geringeren Gewinnmarge. Im Vorjahr hätten die Kalifornier noch von einem Software-Upgrade profitiert, bemerkte Argus.

    Der Smartphone-Rivale Research in Motion, Hersteller des BlackBerry, stieg 3,3 Prozent auf 41,92 Dollar. Damit trotzten die Kanadier einer negativen Presse. Die britische Tageszeitung The Guardian hatte berichtet, dass der Handynetz-Betreiber Orange erwägt, das neue Handy der Kanadier, das Black Berry Bold, aus seinem Angebot zu streichen, jedenfalls für den britischen Markt. Als Grund dafür wurden Software-Probleme bei Bold genannt.

    Internet: Feuerpause?

    Die an der Nasdaq notierten Flaggschiffe des Internets profitierten davon, dass die Risikoscheu an der Wall Street wieder abnahm und daher die vor kurzem noch verramschten volatilen Papiere wieder zurückgekauft wurden. Positiv war auch, dass das in jüngster Zeit übliche Störfeuer negativer Analystenkommentare am heutigen Brückentag ausfiel.

    Beim E-Commerce haben sich die Anleger inzwischen außerdem mit dem enttäuschenden Weihnachtsgeschäft (branchenweit in den USA minus 3 Prozent) abgefunden. Amazon.com kletterte 6 Prozent auf 54,36 Dollar.
    Der Rivale Ebay gewann 5 Prozent auf 14,66 Dollar.

    Der Bereich Portale/Suchmaschinen und Content konnte mithalten. Google gewann 4,4 Prozent auf Dollar.
    Yahoo avancierte 5,3 Prozent auf 12,85 Dollar.
    Baidu.com, Chinas Marktführer bei den Suchmaschinen, verbesserte sich 3,7 Prozent auf 135,41 Dollar.

    Öl: Russland-Ukraine-Konflikt heizt Energiepreis an

    Das Öl setzte seine Sylvester-Rallye fort. Laut MarketWatch gefährdet der Gaspreis-Streit zwischen Russland und der Ukraine die Energieversorgung Westeuropas. Außerdem animierte der feste Aktienmarkt zu Käufen. Der Februar-Kontrakt für Crude stieg an der New York Mercantile Exchange um 1,74 Dollar und schloss auf 46,34 Dollar, meldet MarketWatch.

    Gold: Euro-Raum-Einkaufsmanager drücken Edelmetallpreis

    Das Gold litt heute anscheinend wieder mal unter einer Kettenreaktion. Der schwache Einkaufsmanager-Index in der Eurozone drückte die europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar. Die Dollarstärke wiederum drückte den Edelmetallpreis. Die Konsequenz: Der Gold-Kontrakt für Februar verbilligte sich heute an der New York Mercantile Exchange um 4,80 Dollar und schloss auf 879,50 Dollar, berichtet Market Watch. Nachbörslich pendelte das Edelmetall bei 83,8,65 Dollar.

    Ausblick:

    Montag:
    16:00 Uhr Bauausgaben vom November
    Quartalszahlen

    Dienstag:
    16:00 Uhr Auftragseingänge der Industrie vom November plus Einkaufsmanage-Index Dienstleistungen vom Dezember sowie noch nicht abgeschlossene Eigenheimverkäufe

    Mittwoch:
    16:35 Uhr Ölvorräte der Vorwoche

    Donnerstag:
    14:30 Uhr Arbeitslosenmeldungen der Vorwoche

    Freitag:
    14:30 Jobdaten vom Dezember (neu geschaffene Arbeitsplätze plus Arbeitslosenrate plus Stundenlöhne), 16:00 Lagerhaltung im Großhandel vom November.