• WTI Öl - Kürzel: WTI - ISIN: XC0007924514
    Börse: Forex Capital Markets / Kursstand: 72,23400 $/bbl.

Auf keinem anderen Markt hat die Corona-Pandemie zu so großen Verwerfungen geführt wie beim Erdöl. Im April 2020, als die globalen Lieferketten scheinbar vor dem Zusammenbruch standen, die Lagermöglichkeiten in den USA ausgeschöpft waren und gleichzeitig weiter deutlich mehr Öl gefördert wurde, als verbraucht werden konnte, rutschte der WTI-Ölpreis zum ersten Mal in der Geschichte in den negativen Bereich. Händler bezahlten dafür, wenn ihnen jemand das überschüssige Öl abnahm. Wer Lagermöglichkeiten für Erdöl im großen Stil hatte, bekam nicht nur das Öl, sondern zusätzlich noch Geld geschenkt.

Zwar gibt es auch Anschuldigungen, dass Manipulationen beim Öl-Kursrutsch in den negativen Bereich eine Rolle gespielt haben könnten, es gibt aber keinen Zweifel daran, dass der Kurseinbruch vor allem auf fundamentale Faktoren zurückzuführen war: Auf dem Höhepunkt der Pandemie gab es einfach viel zu viel Öl. Die Nachfrage brach ein, weil Menschen zuhause, Autos in den Garagen und Flugzeuge am Boden blieben. Es dauerte nicht lange, bis auch so gut wie alle Lagermöglichkeiten für Erdöl ausgeschöpft waren.

Seit dem Abstecher in den negativen Bereich hat sich der Ölpreis rasant erholt und steht inzwischen wieder auf einem Mehrjahreshoch bei über 70 Dollar. Die Dynamik des Anstiegs ist auffällig. Wie auf vielen anderen Rohstoffmärkten übersteigt die Nachfrage das Angebot inzwischen wieder deutlich, was sich in steigenden Preisen äußert.

Warum-der-Ölpreis-auf-200-Dollar-steigen-könnte-Kommentar-Oliver-Baron-GodmodeTrader.de-1
WTI Öl (Indikation)

Auf den ersten Blick erscheint die Tatsache, dass ausgerechnet der Ölpreis im Nachgang der Krise stark steigt, erstaunlich. Ist die Menschheit nicht gerade dabei, sich wegen des Klimawandels vom Erdöl zu verabschieden? Der Umstieg auf die Elektromobilität ist in vielen Ländern beschlossene Sache. Auch in anderen Bereichen, in denen Erdöl oder andere fossile Brennstoffe im großen Stil zum Einsatz kommen, wird unter Hochdruck an möglichen Alternativen gearbeitet. Ist es da nicht unlogisch, dass der Ölpreis stark steigt?

Paradoxerweise könnte gerade der Umstieg auf Erneuerbare Energien einer Preisexplosion beim Erdöl Vorschub leisten. Denn bis auf weiteres bleibt Erdöl in vielen Branchen und an vielen Orten der Welt alternativlos. Schon der Umstieg auf die Elektromobilität dürfte Jahrzehnte dauern, besonders in ärmeren Schwellen- und Entwicklungsländern. Und für viele industrielle Anwendungen bleiben fossile Brennstoffe vorerst alternativlos, wenn nicht in technologischer, dann doch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Während die Nachfrage nach Erdöl in den kommenden Jahren hoch bleiben oder sogar weiter steigen könnte, könnte das Erdölangebot einbrechen. Die Internationalen Energieagentur (IEA) forderte im Mai, ab sofort weltweit angesichts des Klimawandels keine neuen Öl- und Gasfelder mehr zu erschließen. Sollte diese Forderung weltweites Gehör finden, könnte es einen viele Jahre andauernden, dramatischen Nachfrageüberhang nach Erdöl geben, mit stark steigenden Ölpreisen. Denn die Erträge der vorhandenen Öl- und Gasfelder sinken beständig. Bisher wurde der Nachfrageüberhang vor allem durch Fracking in den Nordamerika aufgefangen: Wann immer der Ölpreis stärker anstieg, wurde das Fracking in den USA ausgeweitet und sorgte damit für Entlastung. Doch damit könnte jetzt ebenfalls Schluss sein. So untersagte Biden die Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen auf Land des Bundes und in Offshore-Gebieten, auch wenn es um dieses Verbot derzeit noch juristische Auseinandersetzungen gibt.

Aber nicht nur die Politik ist dafür verantwortlich, dass

Der russische Vizepremier und ehemalige Energieminister Alexander Novak warnte davor, dass der Ölpreis wahrscheinlich auf 200 Dollar steigen werde, wenn man die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder wie von der IEA gefordert, tatsächlich mit sofortiger Wirkung einstelle, wie die russiche Nachrichtenagentur TASS berichtete.

Die IEA selbst rechnet hingegen mit sinkenden Ölpreisen. Wegen der rückläufigen Nachfrage sei bis 2030 ein Rückgang des Ölpreises auf nur noch 35 Dollar je Barrel und bis 2050 auf nur noch 25 Dollar zu erwarten, heißt es. Allerdings basieren die IEA-Prognosen auf einem äußerst ambitionierten Plan, von dem nicht klar ist, inwiefern er tatsächlich in die Realität umgesetzt werden kann. So soll laut IEA bis 2035 ein kompletter Umstieg auf die Elektromobilität gelingen, zudem müsste bis zum Jahr 2030 die Photovoltaik weltweit extrem stark ausgebaut werden: Jeden Tag müsste eine neu installierte Leistung hinzukommen, die dem größten Solarpark der Welt heute entspricht. Die IEA selbst spricht davon, dass der Umstieg "vielleicht die größte Herausforderung" sei, "vor der die Menschheit je stand".

Fazit: Paradoxerweise könnte das Ende des Erdölzeitalters zunächst zu einer Preisexplosion führen. Denn während die Nachfrage nach Erdöl zunächst stabil bleiben oder sogar für Jahre weiter steigen dürfte, könnte das Angebot wegen eines Investitionsstopps bald sinken.


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