In Büchern lese ich immer wieder, dass man nur Aktien kaufen soll, die auch liquide sind, obwohl man auch in einem illiquiden Markt immer verkaufen kann, oder?

Dann lese ich in amerikanischen Publikationen den Rat man solle nur Aktien traden die, auf die letzten 50 Tage gerechnet, ein durchschnittliches Volumen von mehr als 1 Million Shares haben. Das ist aber für Deutschland nicht realistisch. Welche Zahl würde man in Deutschland ansetzen?
Die Definition eines liquiden Marktes ist keine eindimensionale Angelegenheit, sondern lässt sich auf mehrere Faktoren ausdehnen - das Handelsvolumen, die Häufigkeit der Kursfeststellungen und das vor dem Hintergrund der eigenen Handelsgröße.

Ein erster Anhaltspunkt ist das gehandelte Volumen in Form der Stückzahlen und allgemein gilt: je größer das gehandelte Volumen, desto größer sollte auch die Liquidität in der Aktie sein. Eine solche verpauschalendisierende Aussage und dies eventuell noch mittels eines „Mindesthandelsvolumens“ zu treffen ist jedoch nicht ganz unproblematisch.
Zum einen stehen aktueller Aktienpreis und Handelsvolumen durchaus in einem Zusammenhang. Nehmen Sie hierzu einen Pennystock wie die TIPTEL - Aktie. Diese notiert aktuell bei 0,07 Euro. Mit einem Investitionsvolumen von 5.000 Euro könnten Sie hier bereits 71.428 Aktien kaufen. Im Gegensatz dazu können Sie sich für 5.000 Euro noch nicht einmal annähernd eine Aktie der BERKSHIRE HATH. kaufen, die aktuell bei 128.600 $ notiert. Dies ist natürlich ein überspitzer Vergleich, der jedoch zeigen sollten, dass eine pauschale Aussage wenig sinnvoll ist, da mit einer solchen durchaus falsche Entscheidungen getroffen werden könnten.
Darüber hinaus können Durchschnittswerte durch einzelne Ausreißer stark beeinflusst werden, wodurch sich das Bild verzerrt.

Der zweite Anhaltspunkt für die Liquidität einer Aktie ist die Häufigkeit einer Preisfeststellung. Im Allgemeinen gilt, je liquider eine Aktie ist, desto häufiger werden neue Kurse innerhalb eines Handelstages ermittelt. Schauen Sie sich hierzu einmal die Time & Sales Liste der DEUTSCHEN TELEKOM an:

Diese Liste zeigt Ihnen die Kursfeststellungen Tick für Tick. In ihr sind alle Handelsaktivitäten festgehalten und für Sie nachvollziehbar. Wie Sie der Liste entnehmen können, kommt es hier in nicht einmal einer halben Minute zu einer ganzen Reihe von Handelsgeschäften, wobei nicht immer ein neuer Kurs festgestellt werden muss (Last). Wir haben es hier folglich mit einem liquiden Wert zu tun, im Gegensatz zu vielen Pennystocks, in denen es oft tagelang zu keiner Kursfeststellung kommt.

Diese beiden Faktoren sind nun noch mit dem eigenen Handelsvolumen abzugleichen. Kaufen Sie lediglich 50 Aktien und es werden täglich 50.000 Aktien gehandelt und auch die Häufigkeit der Preisfeststellungen ist ok, so wäre der Wert für Sie durchaus schon akzeptabel - mit einem Achtungszeichen, denn dies gilt für den normalen Handel. Außergewöhnliche Ereignisse und daraus resultierende Kurssprünge (durch extreme Angebots-Nachfrage-Situationen) können Sie hier deutlich in Schwierigkeiten bringen. Zwar springt auch der Kurs einer DEUTSCHEN TELEKOM in solch einer Situation, die Auswirkungen sind bei den Nichtstandardaktien in Relation zu Daxwerten jedoch größer.

Einen Überblick verschaffen

Das gute ist, dass Sie bereits bei einem Blick auf den Chart einen ersten guten Anhaltspunkt haben, um zu entscheiden, ob die Aktie liquide genug ist, oder nicht. Sind die Kurse / Kerzen (Intraday, Tagesbasis) fließend oder eckig? Wie sieht es mit Kurssprüngen, den sogenannten Gaps aus? Viele Gaps weisen auf Liquiditätsprobleme hin. Wie sind die Kerzen ausgeformt? Schauen Sie sich hierzu den Vergleich zwischen der DEUTSCHEN TELEKOM, REPOWER und BB MEDTECH an:

DEUTSCHE TELEKOM Stundenchart

REPOWER Stundenchart

BB MEDTECH Stundenchart

Stellen die Aktien der DEUTSCHEN TELEKOM für Privatanleger kein Problem dar, ist bereits bei den REPOWER - Aktie Vorsicht geboten, während die Aktien der BB MEDTECH kaum zu handeln sind, denn wenn Sie verkaufen wollen, aber keine Käufer da sind, werden Sie Ihre Aktien auch nicht verkaufen können. Makler, wie Sie diese vielleicht aus dem Geschäft mit Zertifikaten (Direkthandel) kennen, die Ihnen Ihre Stückzahlen zu einem vom Makler gestellten Kurs abnehmen, sind im deutschen Aktienhandel nicht üblich. Aber selbst mit solchen, werden Sie das Problem nicht beseitigen. Ein Makler ist zwar gezwungen ständig verbindliche An- und Verkaufskurse zu stellen, jedoch wird dieser Kurse stellen, die der aktuellen Angebots-Nachfrage-Situation entsprechen. Bei illiquiden Werten ist folglich mit einer sehr großes Spanne zwischen An- und Verkaufskurs zu rechnen, denn der Makler wird nur ungerne auf eigenes Risiko arbeiten. Er wird die Kurse so stellen, dass er für seinen Ankaufskurs (Makler kauft Ihre Aktien) auch wieder Käufer zum gleichen Preis findet - unser Liquiditätsproblem bleibt faktisch bestehen.

Ein Fahrplan für die Praxis
Bestimmen Sie zunächst einmal Ihre Positionsgröße für den geplanten Trade, schauen Sie sich dann den Chart und die dortigen Kerzen an. Sind diese eckig und weist der Chart viele Kurssprünge auf, sollten bei Ihnen erste Warnlichter aufleuchten. Schauen Sie sich anschließend das durchschnittliche tägliche Volumen an. Dieses sollte 100 mal größer sein, als Ihre Ordergröße - je größer, desto besser natürlich und auch diese Zahl ist mit Vorsicht zu genießen, denn ein Garant für einen reibungslosen Handel gibt es hierbei auch nicht.
Sind Sie sich nicht sicher, reduzieren Sie Ihre eigene Positionsgröße oder lassen Sie den Trade ganz sein. Ein „Fehlgriff“ kann hier die Performance eines Jahres kaputt machen. Im Idealfall konzentrieren Sie sich von vornherein auf die liquide Aktien der großen Indizes.

Viel Erfolg
Rene Berteit

Bei GodmodeTrader.de bin ich verantwortlich für Ausbildung und Coaching.

Bisher konnten Sie sich auf folgender Seite in den Verteiler eintragen : http://www.godmode-trader.de/seminare/

Das können Sie gerne auch weiterhin machen, damit Sie erfahren, wann wir das nächste Seminar anbieten.