Bei der Präsidenten-Stichwahl in Kolumbien hat der frühere Guerillakämpfer Petro Gustavo laut dem vorläufigen Endergebnis 50,5 Prozent der Stimmen gewinnen können. Sein Gegner, der rechtsgerichtete Unternehmer Hernández, kam auf rund 47 Prozent. Er räumte seine Niederlage ein. Petro nannte seinen Sieg einen „Erfolg des Volkes“. Er sagte am Montag, der Präsidentenpalast stehe jederzeit auch für die Opposition offen. In seiner Präsidentschaft werde es keine politische oder juristische Verfolgung geben.

„Petro Gustavo ist eine umstrittene Wahl für die Führung des drittbevölkerungsreichsten Landes Lateinamerikas und des engsten Verbündeten der USA“, kommentierte Bloomberg. Als ehemaliger Guerillero werde er von vielen älteren Wählern, die die lange Zeit des gewaltsamen Konflikts in dem Land miterlebt hätten, mit Unmut betrachtet. „Investoren betrachten ihn aufgrund seines Programms radikaler Veränderungen mit großem Misstrauen“.

Gemeint sind dessen Pläne zur Besteuerung von Großgrundbesitzern, zur Wiederbelebung der Beziehungen zum sozialistischen Venezuela und zum schrittweisen Ausstieg aus der Öl- und Kohleförderung zum Schutz der Umwelt, wodurch Kolumbien etwa die Hälfte seiner Exporteinnahmen verloren gehen könnte.

Seine Wahl zusammen mit Francia Marquez, die die erste afrokolumbianische Vizepräsidentin des Andenlandes wird, wurde von jüngeren Wählern vorangetrieben, die nach jahrzehntelangen Regierungen, die von Mainstream-Politikern geführt wurden, nach Alternativen suchten. Das Ergebnis stellt das wirtschaftliche und politische Modell des Landes auf den Kopf und wird sich wahrscheinlich auch auf die Beziehungen zu Washington auswirken.

Die Wahl in Kolumbien ist laut Bloomberg „ein weiterer Schritt in der lateinamerikanischen Forderung nach Veränderung, da die Ungleichheiten, die durch die Pandemie zutage getreten sind, durch die Inflation noch verschärft werden“. Mit der Wahl in Kolumbien sei ein Bollwerk des Konservatismus in Lateinamerika weggefegt worden, mit ungewissem Ausgang. „Es ist eine Warnung an die Regierungen weltweit, dass die Wähler wütend und bereit sind, ihre Frustration an der Wahlurne auszuleben, ungeachtet der daraus resultierenden Unbeständigkeit“.