• Silber - Kürzel: XAG/USD - ISIN: XC0009653103
    Kursstand: 21,56500 $/oz. (FXCM) - Zum Zeitpunkt der Artikel-Veröffentlichung

New York/ Frankfurt (Godmode-Trader.de) - Dem Gold die Treue halten in Zeiten der Zinswende? Gerade Goldfachleute sind das derzeit nicht so richtig zuversichtlich. „Ich bin skeptisch“, sagte Frank Schallenberger, Gold-Analyst der LBBW, der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die einzig gute Nachricht für den Goldpreis sei zuletzt von den Goldwertpapieren gekommen. Die ETCs hätten seit Jahresbeginn Zuflüsse von 240 Tonnen Gold zu verzeichnen. Sonst sehe es durchwachsen aus. Schmuckherstellung, die globale Nachfrage nach Barren und Münzen und die Goldkäufe der Notenbanken: Auf vielen Gebieten sei die Nachfrage schwächer als vor einem Jahr, während das Goldangebot zugenommen habe. Und das bei einem sehr festen Dollar und steigenden Zinsen. Schallenberger resümiert: Vor diesem Hintergrund rate er zu „Finger weg vom Gold“.

Was für das gelbe Edelmetall gilt, gilt auch auf für den kleinen Bruder Silber. So die Grundthese. Doch die Sache ist hier eigentlich eine andere. Denn im Unterschied zu Gold, das in erster Linie als Edelmetall gilt, ist Silber vorwiegend ein Industriemetall. Gerade in Zeiten der Energiewende wird immer mehr von dem glänzend-grauen Metall von der Industrie nachfragt. Silber besitzt zahlreiche industrielle Anwendungen, die in den letzten fünf Jahren mehr als die Hälfte der jährlichen weltweiten Nachfrage ausmachten.

Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung des Silberpreises ernüchternd. Der Markt befindet sich laut dem Silver Institute im Defizit, der Bedarf ist also höher als das Angebot. Das müsste dem Preis eigentlich einheizen. Doch während andere Industriemetalle zwischenzeitlich stark haussierten, bewegte sich die Silber-Notiz vergleichsweise gering.

Der jüngste Verlauf gleicht dann doch wieder eher dem des Goldes. Im März wurde die Notiz kurzzeitig zu 26,40 je Unze gehandelt, als Folge des Angriffs Russland auf die Ukraine. Im Zuge der Antizipation von Zinserhöhungen in den USA und jetzt auch in Europa fiel der Preis wieder. Unterm Strich war in diesem Jahr nicht viel zu holen. Die Jahresperfomance ist negativ.

Silber wird zum großen Teil industriell benötigt und steht deshalb dem Kapitalmarkt nicht zur Verfügung. Wird der Silberpreis dennoch im Hintergrund gesteuert und gar gedrückt? Die Fundamentaldaten würden eigentlich einen höheren Preis rechtfertigen. Einer Analyse des Rohstoffanalysten Michael Lynch von General Dynamics Information Technology zufolge könnte dies der Fall sein. Der Preis wird ihm zufolge nicht am physischen, sondern am Markt mit Futures und Co. bestimmt. Und hier haben die US-Großbanken das Sagen.

Lynch hat die Vorgänge an der New Yorker Rohstoffbörse Comex analysiert und ihm fiel eine Anomalie auf, die im Dezember 2021 auftrat, als es anscheinend zu einer außerbörslichen Abwicklung von Silberpapieren kam. Die Bank of America ist ein neuer Akteur auf dem Markt für Silberkontrakte und ihr unterlief eine Fehlspekulation „short“. Eingesprungen sei das Großkaliber am Metallmarkt, JPMorgan, das in den letzten Jahren über 100 Mio. Tonnen Silber eingesammelt und den Markt damit liquide gehalten habe. Jedenfalls soll JPMorgan durch die Aktion eine riesige Menge Material verloren haben.

Bisher hat die Bank den Kurs mittels ihrer großen physischen Vorräten bestimmen können. Besonders bei Short-Spekulationen, denn da muss ein Teil der Position physisch hinterlegt sein. „Die Bank konnte den Kurs unter bestimmte Basispreise zu den Fälligkeitsterminen halten oder drücken“, erklärt Rolf Ehlhardt, Finanzexperte bei der I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung.

Durch die Aktion mit der Bank of America und verändertem Anlegerverhalten (die Marktteilnehmer legen weniger in Silber-Papiere an, lassen sich Silber vielmehr physisch ausliefern) scheint es nun an der Liquidität im Markt zu mangeln. Auf diesen Märkten ist nun offenbar deutlich weniger physisches Metall verfügbar. Laut Michael Lynch hat JPMorgan insgesamt 60 Prozent seiner Silbervorräte verloren. Bei weiter steigender Nachfrage nach dem physischen Material könnte dadurch ein Short-Squeeze ausgelöst werden. „Wer nicht in Silber investiert ist, dürfte den Preisen nur hinterherschauen“, sagt Vermögensverwalter Ehlhardt. Kursziele von 30 bis 50 US-Dollar seien dann keine Utopie mehr.

Im Vergleich zu Gold erscheint das kleine Brudermetall billig. Das Gold/Silber-Verhältnis liegt aktuell bei 84. Beim Hoch im Jahre 2011, als Silber bei 50 Dollar je Unze notierte (Gold bei 1.920 Dollar) lag die Relation bei 34. Wäre dieses Verhältnis irgendwann wieder dort, läge der Silberpreis bei rund 58 Dollar, aber nur dann, wenn sich der Goldpreis nicht verändert.