New York (GodmodeTrader.de) - Der zuletzt abrupte Verkauf von Anlagen aus den Schwellenländern (EM) hat Fragen über deren langfristige Aussichten aufgeworfen - und das obwohl die Verkaufstreiber nicht allein für die Schwellenländer gelten. Deutet der jüngste Volatilitätsanstieg darauf hin, dass der Markt einbricht nun da der EM-Wachstumszyklus ins Negative dreht? Oder wird die Volatilität nachlassen? Dann könnten sich aus den Kursrückgängen, die sich eher willkürlich auf Schwellenländer-Vermögenswerte ausgewirkt haben, gute Anlagegelegenheiten ergeben, wie Marie Cardoen, Head of Retail bei Goldman Sachs Asset Management für Deutschland und Österreich, in einem aktuellen Marktkommentar schreibt.

Die Schwellenländerinvestments seien durch drei Wellen geschwächt worden. Im ersten Quartal dieses Jahres habe sich das globale Wachstum verlangsamt. Die zweite Welle sei eher von politischen Entwicklung in Ländern wie Brasilien und Mexiko ausgegangen Die dritte Welle sei erst kürzlich durch den zunehmenden Handelskonflikt zwischen den USA und China entstanden. Dadurch hätten sich kleinere asiatische Volkswirtschaften, die Teil der chinesischen Wertschöpfungskette seien, schlechter entwickelt, heißt es weiter.

„Um das Erholungspotential und die Attraktivität von EM-Vermögenswerten zu beurteilen, ist Geduld gefragt. Wir gehen jedoch davon aus, dass die längerfristigen Argumente für Schwellenländeranlagen intakt bleiben. Dazu zählen ein starkes Wachstum, günstige demografische Entwicklungen, niedrige Verschuldung, solide Bilanzen oder das Wachstumspotenzial bei Unternehmensgewinnen“, so Cardoen.

Verglichen mit früheren angespannten Marktphasen seien Schwellenländer mittlerweile viel besser aufgestellt, um einen plötzlichen Einbruch ausländischer Kapitalzuflüsse zu bewältigen. Erstens hätten die meisten Schwellenländer reichlich Devisenreserven aufgebaut, um dies ausgleichen zu können, und zweitens seien ihre Fundamentaldaten mittlerweile einfach positiver. Zudem seien in EM-Vermögenswerte bereits erhebliche Risiken eingepreist. Das verringere die Gefahr, dass ihre Bewertungen weiter zurückgingen, was zu zusätzlichen Abflüssen führen könnte, heißt es weiter.

Mit Blick auf die Zukunft sieht Cardoen mehrere Faktoren, die das makroökonomische Umfeld der Schwellenländer beeinflussen dürften. Dies sei zunächst die sinkende Liquidität. „Die globale quantitative Lockerung verwandelt sich Stück für Stück in eine quantitative Straffung. Die entsprechend höheren Zinssätze in den Industrieländern dürften zu geringeren Kapitalzuflüssen in den Schwellenländern beigetragen haben. Unserer Meinung nach drückt sich hier eine breitere, globale Portfolioanpassung aus, die nicht exklusiv mit den Schwellenländern zusammenhängt“, so Cardoen.

Die aktuelle Stärke des US-Dollars spiegle wider, wie solide sich das US-Wachstum derzeit entwickle. Zweifellos hätten Verschiebungen in den Anlegerpositionierungen das Ausmaß dieser Entwicklung gestützt. Sollte sich die positive Dynamik der globalen Konjunktur stabilisieren oder fortsetzen, dürfte das den Aufwärtstrend des Dollars bremsen und den Druck auf die Schwellenländer mindern. Die Volkswirtschaften der Schwellenländer wüchsen weiterhin deutlich schneller als ihre Pendants in den Industrieländern. Nur China bilde dabei eine Ausnahme. Ein langsameres Wachstum sei jedoch nicht gleichbedeutend mit einem Wachstumsrückgang, daher bleibe das Gesamtbild intakt, heißt es weiter.

„Die zuletzt unterdurchschnittliche Entwicklung der Schwellenländer kam plötzlich und wirkte sich willkürlich auf EM-Vermögenswerte aus. Idiosynkratische Faktoren mögen eine Preiskorrektur in ausgewählten Märkten gerechtfertigt haben, aber eine breite und anhaltende Schwäche erscheint nicht begründet. Wir halten angesichts der starken gesamtwirtschaftlichen Fundamentaldaten und der verbesserten Widerstandskraft an unserer langfristig optimistischen Haltung gegenüber den Schwellenländern fest“, so Cardoen.

Das Anlageuniversum für Schwellenländeranleihen sei riesig und sehr vielfältig und dürfte von einer vielversprechenden Makro- und Mikrodynamik profitieren. Faktoren wie ein starkes Wachstum, eine gute demographische Entwicklung, niedriger Verschuldungsgrad, allgemeine Bilanzstabilität und das Wachstumspotenzial der Unternehmensgewinne würden dem über einen mittel- bis langfristigen Anlagehorizont zugutekommen, heißt es weiter.

„Vielfalt innerhalb der Anlageklasse schafft zudem Vielfalt in der Performance. Deshalb ist aktives Management unerlässlich. Hohe Renditen und Spread-Prämien können sich auch aus Faktoren wie bspw. geringer Liquidität, Kreditrisiken und politischen Unsicherheiten ergeben. Eine geschickte Anleihenauswahl kombiniert mit einer Top-Down-Makroanalyse kann idiosynkratrische Investmentchancen aufzeigen, bei denen Renditen und Spread-Prämien die damit verbundenen Risiken adäquat kompensieren“, so Cardoen.

Obwohl sich die Volkswirtschaften der Schwellenländer weiterentwickelten und sich ihre Finanzmärkte hinsichtlich ihrer Auswahl und Qualität vertieften, seien EM-Vermögenswerte nach wie vor von globalen und inländischen Kräften abhängig. Ein dynamischer und risikobewusster Investmentprozess helfe, die Anlageperformance in einem sich ständig verändernden globalen makroökonomischen und politischen Umfeld zu steuern, heißt es abschließend.