Es ist ein Skandal allererster Güte, den die "Welt am Sonntag" in ihrer jüngsten Ausgabe aufgedeckt hat: Das Bundesland Hessen hat mit gigantischen Beträgen auf steigende Zinsen gewettet und dadurch inzwischen Buchverluste von mehr als drei Milliarden Euro angehäuft.

Das Ziel des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer (CDU) war - aus Sicht des Jahres 2011 - durchaus nachvollziehbar. Schäfer wollte nach seinem Amtsantritt im August 2010 das damals historisch niedrige Zinsniveau für die Zukunft sichern. Aus diesem Grund erwarb Hessen im Jahr 2011 Finanzderivate, mit denen das Bundesland auf steigende Zinsen wettete.

Die Rechnung des Finanzministers sah ungefähr so aus: Steigen die Zinsen, so muss Hessen für die Refinanzierung seiner Schulden durch die Ausgabe neuer Anleihen am Markt höhere Zinsen zahlen. Um diese höheren Kosten auszugleichen, wurden die Derivate erworben. Steigen die Zinsen, so gewinnen die Finanzderivate an Wert, wodurch die höheren Refinanzierungskosten ausgeglichen werden.

Absicherungsgeschäfte auf das Zinsniveau sind für deutsche Bundesländer nicht unüblich und auch Hessen hatte schon vor der Amtszeit von Thomas Schäfer versucht, durch Finanzderivate die Zinsbelastung zu verringern. Unter Thomas Schäfer wurden die Zinswetten aber deutlich ausgebaut. So hatten die Derivategeschäfte im Jahr 2009 nur einen Anteil von 24,7 Prozent an den hessischen Schulden. Im Jahr 2018 waren es bereits 52,2 Prozent.

Wären die Zinsen gestiegen, so hätte Hessen dem Markt tatsächlich ein Schnippchen geschlagen und sich so das historisch niedrige Zinsniveau aus dem Jahr 2011 gleich für 40 Jahre (so lange die Laufzeit der Derivate) gesichert. Dumm nur, dass die Zinsen seit dem Jahr 2011, als die Derivatewetten vereinbart wurden, nicht etwa gestiegen, sondern weiter gefallen sind. Zum einen senkte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins immer weiter und zum anderen sanken auch die langfristigen Zinsen deutlich.

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Durch die nicht steigenden, sondern seit dem Jahr 2011 weiter gefallenen Zinsen sitzt das Land jetzt auf Milliardenverlusten: Allein für die ersten zehn im Jahr 2013 fällig gewordenen Papiere muss Hessen einen Verlust von 375 Millionen Euro verbuchen. Dieses Geld ist weg, auch falls die Zinsen doch noch steigen sollten. Noch schlimmer allerdings: Bei den noch laufenden Papieren steht inzwischen ein Buchverlust von 3,2 Milliarden Euro zu Buche!

Dabei dürfte Hessen nur die Spitze des Eisbergs sein. Denn ganze 12 Bundesländer setzen Zinssicherungsgeschäfte ein - und haben dadurch in den vergangenen Jahren mutmaßlich zwei- oder dreistellige Millionenverluste verbucht. Nur Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen verzichten nach Recherchen der "Welt am Sonntag" auf diese Instrumente.

Hessens Finanzminister Schäfer versucht, die Derivategeschäfte damit zu rechtfertigen, dass man eben nur versucht habe, das günstige Zinsniveau zu sichern. "Wer Zinsen sichert, wettet nicht", sagte Schäfer laut Medienberichten. Damit verkennt der Finanzminister allerdings die Funktionsweise der Derivate. Absicherung gegen steigende Zinsen und Wetten auf steigende Zinsen sind nämlich im konkreten Fall völlig identisch. Die Zeche darf der hessische Bürger zahlen. Ihm hat der Finanzminister voraussichtlich Milliardenverluste eingebrockt.


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